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Full text of "Zentralblatt für Psychotherapie und ihre Grenzgebiete einschliesslich der medizinischen Psychologie und psychischen Hygiene. Band 7 Heft 1-2 (62)"

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ZENTRALBLATT FÜR 
PSYCHOTHERAPIE 

UND IHRE GRENZGEBIETE EINSCHLIESSLICH DER MEDI- 
ZINISCHEN PSYCHOLOGIE UND PSYCHISCHEN HYGIENE 

ORGAN DER 

ALLGEMEINEN ÄRZTLICHEN GESELLSCHAFT 
FÜR PSYCHOTHERAPIE 

HERAUSGEBER: 

DR. C. G. JUNG 

KÜSNACHT-ZÜRICH 

F Och er ei 

. .. e. V. Berlin 


BAND 7 Erstes und Zweites Heft 1934 



VERLAG VON $. HIRZEL IN LEIPZIG 




ZENTRALBLATT 

FÜR PSYCHOTHERAPIE UND IHRE GRENZGEBIETE 

ein Heft. Gesamtumfang 25 Bogen = 400 Seiten / Preis 
H/l. i8._ (ausschließlich Porto) / Die Herren Mitarbeiter erhalten von ihren Originalbeiträgen 50 Sonder- 
drucke kostenlos geliefert. Ein Mehrbedarf muß bei Rücksendung der Fahnenkorrektur angegeben werden. 


VERANTWORTLICH FÜR DIE S C H R I F T LE I T U N G ; 

Originalienteil: OberarztDr.W.Cimbal, Altona,Allee87./Referatenteil; Priv.-Dozent 

Dr- R. Allers, Wien IX, Schwarzspanierstr. 17. 


INHALT DIESES HEFTES: 


AKTUELLES 
ORIGI N ALI EN. 

C. G. Jung, Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie, S. 1 

G. R, Heyer, Die Polarität, ein Grundproblem in Werden und Wesen 
der deutschen Psychotherapie, S. 17 

W. M. Kranefeldt, Freud und Jung, S. 24 

C. Haeberlin, Die Bedeutung von Ludwig Klages und Hans Prinzhorn 
für die deutsche Psychotherapie, S. 38 
L. Seil, Volksgemeinschaft und Neurose, S. 52 
J. H. Schultz, Der Yoga und die deutsche Seele, S. 61 
F. KUnkel, Die dialektische Charakterkunde als Ergebnis der kul- 
turellen Krise, S. 69 . . i o «4. 

H. Sehulfz-Hencke. DieTtlchtigkeitals psychotherapeutisches Ziel, »• « 


H. V. Hattingberg, Neue Richtung, neue Bindung, S. 98 
REFERATE. Allgemeines S. 108 / Klinik A (Organische Krankheiten) S. 1J5 ^ 
Klinik B (Neurosen) S. 118 / Körper — Seelen - Haushalt und K - 
stitutionslehre S. 120 / Forensisches und Gutachtenwesen 5. 
Psychotherapie und Heilpädagogik S. 125 


ANSCHRIFTEN DES HERAUSGEBERS UND DER MITARBEITER DIESES HEFTES^ 

Dr. C. G. Ju»B. Küscacht-Zürlch, Seestr. 228 -Dr. G. R- H.yr. Bad 

Dr.W.M. KraneleWf, Berlin W. 50, Regensburgerstr. 13 - Direktor D.^ ^ sehul». Berlin- 
Nauheim Carlstr. 27 - Dr. L. S.ll. München, Königinstr. 28 - Prol. Dr. J- H. Seh^».. »e 
Wel::: Lindenallee 15 - Dr. Ml. KünUe,. Berlin-Charlottenburg X-erdamm 1 2 
Dr. H. Sehul*.-H.nck.. Berlin W. 60, Hohenzollerndamm 26 - Dr. H. 

Berlin W. 30, Derfflingstr. 17. 


VERLAG VON S. HIRZEL IN LEIPZIG 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 


DIE PSYCHOANALYTISCHE UNIVERSITÄT IN BERLIN 


AKTUELLES 


U r 


/! c, . 2 . 


Das „Zentralblatt für Psychotherapie“ eröffnet den Jahrgang 1934 mit emem 
Doppelheft, das neben einem einführenden üb er sicht s re f erat des 
Herausgebers acht Aufsätze deutscher psychotherapeutischer Forscher 
und eine größere Anzahl Buchbesprechungen enthält. 

Es ist beabsichtigt, den Stand der psychotherapeutischen Forschung in 
iedem einzelnen Lande durch einheitliche Zusammenstellungen von 
Aufsätzen und Literaturübersichten der Forschungen jedes Landes klarzulegen. 
Schon die nächsten Hefte des „Zentralblattes“ sollen also der psychothera- 
peutischen Forschung andererLünder gemdmet sein. Der Jahrgang 1934 
wurde nur deshalb mit den Aufsätzen deutscher Forscher begonnen, weil die 
Neuordnung des „Zentralblattes“ erst ganz kurzfristig gelungen war und weil 
die Vorbereitung der außerdeutschen Zusammenstellungen eine än^^ere 

Wir hoffen, daß es in dieser Form mögUch sein wird, im Laufe «mes Jahr- 
gang» elneraelt» eine Gesamtaberaicht Ober j“! 

fvegnng zu geben, daß andererseits die einheitlichen Z“ 

Arbeit in einem Lande einen tieferen Lmbhck in de Lebens 
bedingimgen und die seelenärztUchen MSgUchkeiten innerhalb des betreffen en 

Volkes ermögliehen werden. . „issensehaftliehen und 

Weiter schien CS notwendig, den reinwi» 
ttb?rltaatliehen Charakter des „Zentralblattes“, das nur der For- 
sehuno und der seelenärztUchen Heilkunde dient, zu siehera. weil nur so der 
bisherige freundschaftliche Zusammenschluß von Forschern m den ver 
schiedensten Ländern weitergeführt werden kann. 

Die Literaturübersichten werden m der bisherigen Weise ^on dem 
bewährten Referat-Schriftleiter, Herrn Pr i v a t do ze nt en D r. Rudolf 
Allers, Wien IX, S ch warz span ler s t r. 17, fortgefuhrt werden. Wir 
bitten alle Bücher und Zeitschriften, die zur Besprechung gdangen sollen, 
an den Verlag S. Hirzel, Leipzig C 1, zu senden, der sie weiterleiten wird 

Der VII allgemeine ärztliche Kongreß für Psychotherapie“ soll vom 
10 bis 13. Mai 1934 in Nauheim abgehalten werden. Anfragen wegen dieses 
Kongresses werden an den Unterzeichneten erbeten. 


II 


Aktuelles 


Der 6. Kongreß der internationalen Gesellschaft für Logopädie und Pho- 
niatrie (Sprach- und Stimmheilkunde) findet in diesem Jahre in der Zeit 
vom 5.-7. September in Budapest statt. Auskünfte und Anmeldungen beim 
Präsidium der Gesellschaft: ''Ä'^ien IX, Ferstelgasse 6. 


Ein wissenschaftlich und praktisch besonders verdienter Nervenarzt m 
einet mitteldeutschen Großstadt sucht wegen einer Lungenkrankheit zunächst 
für ein Jahr einen zur Kassenpraxis bereclitigten Vertreter. Anfragen er- 
beten an den Unterzeichneten. 


INlit Genehmigung des Herrn Herausgebers des Zentralblattes hat die 
„Deutsche allgemeine ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie“ ein Sonder- 
heft „deutsche Seelenheilkunde“ zusammengestellt, in welchem Arbeiten ab- 
gedruckt sind, die auch im Zentralblatt veröffentlicht sind. Dieses Sonder- 
heft ist von Herrn Prof. Dr. jux. Dr. med. M. H. Göring herausgegeben 
worden und soll dem Zweck einer Orientierung breiterer Kreise über den 
gegenwärtigen Stand der deutschen Seelenheilkunde dienen. 


W. Cimbal, Altona, Allee 87. 


ORIGINALIEN 


C. G. JUNG: 

ZUR GEGENWÄRTIGEN LAGE DER PSYCHOTHERAPIE 

Frühere Zeiten mit naivem Voraussetzungen haben die Psychotherapie als 
eine Technik betrachtet, welche sozusagen jeder anwenden konnte, der diese 
auswendig gelernt hat. In medizinischen Abhandlungen und Lehrbüchern 
konnte man den famosen Satz lesen: . . außerdem sind mit Nutzen Massage, 

kaltes Wasser, Höhenluft und Psychotherapie anzuwenden.“ Worin diese 
„Psychotherapie“ bestand, wurde vorsichtigerweise nie mit Einzelheiten an- 
gegeben. Gewiß, solange Psychotherapie in Hypnotismus, Suggestion, Persu- 
asion, „reeducation de la volonte“, Coueismus u. a. bestand, konnte jedermann 
die Kunst auswendig lernen und seinen Spruch an passender oder unpassender 
Stelle hersagen. Das allgemeine ärztliche Publikum — Psychiatrie imd Neur- 
ologie inbegriffen — lernt bekanntlich nur mit größerer Inkubationszeit hinzu. 
Und so kam es, daß, als die Psychotherapie schon längst zu einer Psychologie 
geworden war, und die Therapeutik schon längst aufgehört hatte, eine bloße 
Technik zu sein, die Illusion, seelische Behandlung sei eine gewisse technische 
Methode, noch immer weiter wucherte. Es wäre entschieden zu optimistisch 
und würde den Tatsachen nicht entsprechen, wenn man behauptete, daß dieser 
Wahn auch nur in den Reihen der Psychotherapeuten aufgehört hätte zu 
existieren. Das Einzige, was in dieser Hinsicht geschehen ist, besteht darin, daß 
hin und wieder Stimmen laut werden, welche den Technizismus des psycho- 
therapeutischen Geschehens in Zweifel ziehen und das Bestreben äußern, 
letzteres der ausgesprochenen Seelenlosigkeit des bloß „technischen Ver- 
fahrens“ zu entrücken und auf den höheren Plan der psychologischen und 
philosophischen Dialektik, nämlich auf die Stufe der Auseinandersetzung 
zweier, in ihrer Totalität einander gegenübergesetzter, seelischer Sphären, 
nämUch zweier Menschen, zu Ipben. Diese Zweifel und Absichten sind nicht 
etwa aus dem luftleeren Raume der ewigen Ideen von einem tüftelnden, philo - 
sophiscli beschwerten Verstände heruntergeholt, sondern entspringen dem 
tiefen Eindruck, den die gegenwärtige, mehr als unerquickliche Verwirrung 
von psychologischen und therapeutischen Gesichtspunkten sogar auf den 
Fernerstehenden macht. Ein Blick auf die Fülle und Verworrenheit der psycho- 
therapeutischen Literatur genügt, um diese Tatsache zu erhärten. Es existieren 

Zentralblatt für Psychotherapie VII. 1 


2 


C. G. Jung 


nicht nur verschiedenartige Schulen, die bis in die jüngste Zeit hinein es bei- 
nahe ängstlich vermieden, sich ernsthaft miteinander ins Benehmen zu setzen, 
sondern auch Gruppen (sog. Vereine), welche zellenartig sich gegen „Anders- 
gläubige“ abschließen, ganz abgesehen von ungezählten „Alleingängern“, 
welche sich etwas darauf zugute tun, vorderhand die einzigen Mitglieder ihrer 
resp. alleinseligmachenden Kirchen zu sein, um ein bekanntes Wort Cole- 
r i d g e s anzuführen. Unzweifelhaft ist dieser Zustand ein unverkennbares 
Zeichen der Lebendigkeit und der weitreichenden, bewegten Problemhaftig- 
keit des psychotherapeutischen Erfahrungsgebietes. Aber erfreulich ist dieser 
Zustand nicht; auch läßt es sich schlecht mit der Würde der Wissenschaft ver- 
einigen, wenn bornierter Dogmatismus und persönliche Empfindlichkeit die 
dem Wachstum jeder Wissenschaft so nötige Diskussion verhindern. 

Was aber könnte die Tatsache, daß die Psychotherapie nichts weniger als 
eine „Technik“ ist, in ein helleres Licht rücken, als eben die Vielheit der Tech- 
niken, der Standpunkte, der „Psychologien“ und der philosophischen Voraus- 
sctzun<^en (oder deren Abwesenheit) ? Geht nioht gerade aus dieser Vielfältig- 
keit und Gegensätzlichkeit schlagend hervor, daß es sich um weit mehr als bloß 
um eine „Technik“ handelt? Eine TechnUi schließlich läßt sich durch allerhand 
Rezepte und Kimstgriffe verändern und unterstützen, und jedem wird eine 
Veränderung zum Bessern willkommen sein. Aber weit davon entfernt, ver- 
schanzen sich nur Allzuviele hinter Lehrsätzen, die sie mit dem nicht zu be- 
rührenden Heihgenschein des Dogmas lungeben. Angeblich soll es sich um 
letzte wissenschaftliche Walirheit handeln; aber hat man es je — ausgenommen 
in sehr dunklen Zeiten der Geschichte — erlebt, daß eine wissenschaftliche 
Wahrheit es nötig hatte, zur Würde eines Dogmas erhoben zu werden? Die 
Wahrheit kann für sich selbst allein stehen, nur M e i n u n g e n auf wackligen 
Füßen bedürfen der Stütze der Dogmatisierung. Fanatismus ist der nie feh- 


lende Bruder des Zweifels. i • i, * • wj- , 

Was lehren uns diese eigentümlichen, für die Geschichte emer Wissenschaft 

immerhin recht bemerkenswerten Zeichen? Sie deuten über allen Zweifel hin- 
aus auf die unumstößliche Tatsache, daß die Psychotherapie längst die Ent- 
wicklungsstufe einer bloßen Technik überwunden hat und bereits m das Ge- 
biet der Meinungen eingebroclien ist. über eine fcchnik kann man sich 
leicht einigen, über Meinungen aber sehr schlecht, daher die Heftigkeit der 
Diskussion — wenn sie überhaupt stattfindet — oder ihr ebenso beredtes 

^^^an hTt sich zu lange eingebildet, Psychotherapie ließe sich „technisch“ be- 
handeln, wie ein Rezeptformular, eine Operationsmethode oder ein Färbever- 
fahren Der gewöhnliche Arzt kann alle möglichen medizinischen Techniken 
anstandslos verwenden, ob er nun diese oder jene persönlichen Meinungen über 


Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie ^ 

seinen Patienten, diese oder jene psychologischen Theorien oder gar philo- 
soplnschen oder reUgiösen Voraussetzungen hat. Psychotherapie kann aber 
nicht so verwendet werden. Nolens volens ist der Arzt mi^t allen 
seinen Voraussetzungen dabei, so gut wie der Patient Es ist so- 
gar in hohem Maße gleichgültig, was er für eine Technik verwendet, denn an 
der Technik“ liegt es nicht, sondern m erster Lime an der Personlic 
Lit welche eine Methode anwendet. Das Objekt der Methode ist weder ein 
totes Lnatomisehes Präparat, noch ein Abszeß, noch ein chemischer Körper 
sondern die Ganzheit einer leidenden Persönlichkeit. Nicht 
die Neurose ist das Objekt der Therapie sondern der, der 
eine Neurose hat. Eine Herzneurose z. B. entsteht, wie ^o«' e. 
raume Zeit wissen, nicht aus dem Herzen, wie es die alte ärztliche Mydiologie 
ra^n wollte, sondern aus der Seele des Leidenden. Sie entsteht auch mcht aus 
irgendeiner dunkeln Ecke des Unbewußten, wie viele Psychotherapeuten auch 
heutzutage noch zu glauben sich bemülien, sondern aus 

zehntelangen Leben und Erleben eines ganzen Menschen und schließUch nie 
nur aus diesem Emzellebcn, sondern sogar aus dem seelischen Erleben inner- 
halb einer familiären oder sogar sozialen Gruppe. 

In der Neurose tritt dem Arzt nicht ein abgeschlossenes Kraiikheitsgebiet 
pnt-eo-eii sondern ein kranker Mensch, der nicht aus einem emzelnen Mccha- 
oder einem isolierten Krankheitsherd heraus krank ist, sondern viel- 
"X au” dercan^en »einer Persönliddrei.. Dann, ist „Teelrnik“ inkonrmen- 
surabel. Die PersSnlichkeit des Kranken fordert die Persönlichkeit des Arztes 
f Jon Plan und nicht technische Kunstgriffe. 

””ldi habe daher schon friUizeitig diejorderung.«^^^^ ‘äj'P <>'='■ 
aÄstot seTnlSlssI. Freud hat diese 

-TjXr ^ er sieh der Überzeugung, daß der Arzt selber dem Ranken 
,eXber tritt, und nicht Tedmik. nicht entziehen konnte Gewiß ist es 

f-nvh wenn der Arzt versucht, möglichst objektiv und möglichst unperson- 
obheh, wen heilandmäßiger Einmischung in die 

r, e se“l Päenten si!h zu enthalte n, aber K flnstliehlreit in dieser Be- 

syc o ogi PqI Er daher die Grenzen der Natürlichkeit nicht 

~^aft XrlchreiL. Sonst ginge er ja seinem Patienten der gewiß nicht 
XferN^rKchkeit erkrankt ist, mit dem scMeehtei^eis£iel voran, überdies 
^ t seine Patienten gefährlich unterschätzen, wenn man sich ein- 
Tß r auXmt so" dumm wären, die KüiistUehkeiten Presdge- 
miftzch’en und Sichei-ungsmaßiiahmeil des_Arztes nicht zu seh?n. Es kann auch 
—•^^^X aei' lb.iX des Arztes liegen, den Paüeilteii überall m seinem 
unmog» „ . ; unterstützen, aber an der einen und entschei- 

reXmStX. nämlich da, wo es den Arzt selber betrifft, möglichst imDuidceln 


4 


C. G. Jung 


und damit in hoffnungsloser Abhängigkeit, d. h. „Übertragung“ zu halten. So 
etwas könnte sich nur ein höchst unanalysierter Arzt leisten, welchem es in 
erster Linie auf sein persönliches Prestige ankäme, und nicht auf das Wohl des 
Kranken. 

Weil die Persönlichkeit und die Einstellung des Arztes für die Therapie von 
ausschlaggebender Wichtigkeit ist — ob nun dieser Umstand vom einzelnen 
eingesehen wird oder nicht — so tritt auch die persönliche Meinung des Arztes 
in der Geschichte der Psychotherapie so unverhältnismäßig stark hervor und 
veranlaßt anscheinend unvereinbare Spaltungen. Freud gründet sich mit 
farTatischer llihseitigkeit auf die Sexualität, die Begehrlichkeit, auf das „Lust- 
prinzip“ mit einem Wort. Alles dreht sich mm die Frage, ob man wohl könnte, 
wie man möchte. „Verdrängmig“, „Sublimierung“, „Regression“, „Narziß - 
mus“, „Inzest“, „Wunscherfüllung“ usw. sind lauter Begriffsfassungen und An- 
schauungen, die sich auf das Drama des „Lustprinzips“ beziehen. Es hat fast 
den Anschein, als ob in dieser Lehre die Begehrlichkeit der menschlichen Natur 
zum Grundprinzip ihrer Psychologie erhoben wäre. 

Aus dem weiten Gebiete der menschlichen Begehrlichkeit hat auch Adler 
geschöpft und daraus den Geltungsdrang hervorgezogen. Auch er macht 
diese Tendenz der menschlichen Natur zu einem Grundprinzip ihrer Psycho- 
logie, mit derselben Einseitigkeit, die man auch Freud vorwerfen muß. 

Es ist nun ganz unzweifelhaft, daß man aus dem Prinzip der Begehrlichkeit 
sehr viele Neurosenfälle erklären kann, d. h. so weit, als deren Psychologie 
neurotiscli ist. Man kann einen xmd denselben Fall nach Freud sowohl wie 
nach Adler erklären, und zwar mit hinreichender Überzeugungskraft. Die 
eine Erklärung ergänzt sogar die andere, was an sich doch ein sehr befrie- 
digender Umstand wäre — aber eben dadurch ist auch erwiesen, daß keine der 
beiden Erklärungen Anspruch auf absolute Gültigkeit hat. Sie sind beide rela- 
tiv, bloß heuristische Gesichtspunkte, aber als solche ungeeignet zu einer all- 
gemeinen Auffassung. Sie betreffen wenigstens wesentliche Teilaspekte. Die 
Verdrängungslehre gründet sich auf gewisse seelische Tatsachen, die überall 
vorhanden sind, ebenso der Geltungsdrang oder Machtwille. Es ist klar, daß 
jeder Mensch möglichst alles genießen imd zugleich noch „obenauf“ sein 
möchte, und es ist ebenso klar, daß er, solange er in der Hauptsache eine solch 
primitiv-naiv-infantile Einstellung hat, um eine Neurose gar nicht herum- 
kommt, wenn er überhaupt den Versuch macht, sich an seine Umwelt anzu- 
passen. Letztere Bedingung gehört nämlich dazu, sonst gibt es keine Neurose, 
sondern bloß eine „moral insanity“ oder einen „höheren Blödsinn“. 

Wenn nun mindestens zwei Bedingungen dazu gehören, um eine Neurose zu 
erzeugen, so müssen beide Bedingungen ätiologisch sein. Es ist also ausge- 


Zur gegemvärCigen Lage der Psychotherapie 5 

schlossen, daß nur die infantile Einstellung kausal ist, der Anpassungswille aber 
nicht. Letzterer kann nicht nur, sondern ist sogar stets ätiologisch. Freud 
und Adler erklären im wesentlichen nur aus der infantilen Ecke. Eine um- 
fassendere Erklärung aber müßte auch den Anpassmigswillen mitherück- 
sichtigen. Es braucht nicht nur immer ein Zuviel des Infantilen zu sein, son- 
dern Is kann auch ein Zuviel der Anpassung sein. Letztere Tatsache braucht 
auch nicht aus einer bloßen Verdrängung des Infantilen oder als „Ersatz- 
leistung“ aufgefaßt zu werden, sonst müßte man den Satz auch umkehren und 
das Infantile aus der Verdrängung der Anpassung erklären und als „Ersatz- 
leistung“ bezeichnen. Weder die F r e u d s c h e noch die A d 1 e r s c h e Voraus- 
setzung dürfte diese Umkelirung begrüßen. Sie ist aber logisch unvermeidlich, 
wenn man die ätlolog^he Bedeutung des Anpassungswillens überhaupt in Be- 
tracht zieht. Man muß das aber tun, selbst Freud braucht etwas, das ver- 
"drängt, das Wünsche nicht erfüllt, das Angst erregt usw. Adler braucht etwas, 
das imterdrückt. Wenn kein ebenso starker ätiologischer Gegensatz vorhanden 
ist dann ist die ganze infantile Begehrlichkeit gegenstandslos. 

Wenn man also herausgefunden hat, daß jeder Neurotische an infantiler 
Begehrlichkeit leidet, so muß man dann noch fragen, wie es mit seinem An- 
passun°^swillen steht, denn er entwickelt infantile Begehrlichkeit vielleicht bloß 
als Ersatzleistung“. In diesem Fall wäre seine Begehrliclikeit bloß sympto- 
ma^ch und gar nicht genuin, und er wäre, wenn aus der infantilen Ecke er- 
klärt, durchaus danebenerklärt; mehr noch, es wäre damit ein un verzeih- 
licherKunstfehler geschehen. Leider geschehen solche sehr häufig, m- 
dem das ärztliche Augenmerk zu ausschließlich auf das Inf antile gerichtet 
ist. Damit wird der Kranke eo ipso als minderwertig erklärt. 

Das Infantile“ ist aber etwas, das nicht eindeutig ist. 
Erstens kann es genuin oder bloß symptomatisch sein und zweitens kann es 
bloß rückständig oder keimhaft sein. Es ist nämlich ein gewaltiger Unterschied 
z^cLen Swas. das infantil g e b 1 i a b e „ und e.waa, das in. En t s t a h e n be- 
•ff ist. Beides kann infantile oder embryonale Form haben, und es ist oft, 
^ r in der Regel, unmöglich, auf den ersten Blick zu erkennen, ob es sich um 
eL Ldauerlicharwaiaa noch vorhandenes Stück Kinderleban 
• b+5«rpn schöpferischen Ansatz handelt. Diese Möglichkeiten zu belächeln, 
einem Dnmmkopt an, der nicht weiß, daß die Zuk,mft noch wi^- 
iLr ist als die Vergangenheit. Aus diesem letztem Grunde wäre es sogar be- 
sonders angezeigt, wenn man die „infantil-perversen“ Phantasien mein auf 
ihren schöpferischen Gehalt untersuchte, als sie bis m die Wmge 
zurück zu verfolgen, und wenn man die Neurose überhaupt mehr im Sinne 
Annassungaversuchaa als im Sinne einer mißglückten oder sonstwie ver- 
drehten infantilen Wunscherfüllmig verstände. 


6 


C. G. Jung 


Allerdings, die Infantiltheorie hat den einen, nicht zu unterschätzenden Vor- 
teil, daß der Arzt immer „obenauf“ ist als Vertreter der „gesunden“, über- 
legenen Einsicht, wohingegen der Patient als ein Opfer unbewoißter infantil- 
perverser Wunscherfüllungen dasteht. Dies gibt dem Arzt auch die Möglich- 
keit, es besser zu wissen, sich der persönlichen Konfrontierung mit der Per- 
sönlichkeit seines Patienten zu entziehen und sich hinter einer Technik zu 
verbergen. 

Es ist unschwer einzusehen, wie viele bewußte und unbewußte Tendenzen 
dieser Einstellung zu Hilfe kommen, und tvarum eine „Infantiltheorie“ dem 
Arzte a priori willkommen ist, auch wenn er menschlich gerne bereit wäre, die 
Persönlichkeit seines Patienten anzuerkennen. Der ungeheure Einfluß, den 
Freuds Ideen ausgeübt haben, beruht nicht etwa bloß darauf, daß sie den 
wirkhchen oder scheinbaren 'Patsachen entsprechen, sondern auch zum guten 
Teil darauf, daß sie einem eine leichte Möglichkeit geben, den „Andern“ an 
der wunden Stelle zu treffen, ihn unterschätzen zu können und sich selber auf 
billige Weise zur Überlegenheit zu verhelfen. Wie erlösend ist es z. B. wenn 
man an einer schwierigen Stelle sagen kann: „Das sind nichts als Widerstände“, 
oder wenn man das Argument des Gegners nicht mehr ernst zu nehmen 
braucht, weil man es ja so leicht „symbolisch“ (daneben-)erklären kann, 
n-b. ohne das Gegenüber zu fragen, ob die Erklärung auch mit dessen Psycho- 
logie übereinstimmt. 

Es gibt auch eine Unzahl von ICranken, die sich ixut einigem 2ieren, im 
Grunde aber mit großer Bereitwilligkeit der „Infantiltheorie“ anschließen, 
denn dort winkt die Möglichkeit, das störende sog. „Infantile“ als „Nichts-als“ 
abzutun. Und in vielen Fällen ist die „Infantiltheorie“ ein überaus will- 
kommener Abweg, der von imangenehm akuten Problemen wegführt in die 
seligen, angeblich ätiologischen, Gefilde der Kindheit, wo man anscheinend 
herausfindet, warum man in der Gegenwart nichts taugt, und daß daran Eltern 
und Erziehung in hohem Maße schuld sind. 

Allerdings gibt es nichts, das dem Mißbrauch keine illegitimen Vorteile 
böte. Man sollte aber sehen, wo Mißbrauch getrieben ivird, und wieso dieser er- 
leichtert wird. Diese Entscheidungen hängen zum großen Teil vom Arzte ab, 
der seinen Patienten schon sehr ernst nehmen muß, um überhaupt zu merken, 
ob ein Mißbrauch stattfindet oder nicht. Eine „T e c h n i k“ a b e r m e r k t 
nichts, das tut nur der Mensch, und nur dieser kann das Feingefühl ent- 
wickeln, welches nötig ist, um zu entscheiden, ob ein Neurosenfall von der In- 
fantil- oder Anpassungsseite her zu behandeln ist. 

Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß Technik nötig ist — davon ist ja alle 
Welt hinlänglich überzeugt. Aber hinter jeder Methode steht der so viel wich- 
tigere Mensch, der über alle „Technik“ hinaus menschliche Entscheidungen zu 


7 


Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie 


fällen hat, welche für den Patienten zum mindesten ebenso lebenswichtig sind, 
wie eine klug und geschickt angewendete Technik. Der Psychotherapeut ist 
darum zur Selbsterkenntnis und zur Kritik seiner persönlichen, philosophischen 
und reUgiösen Voraussetzungen v e r p f U cht e t , so gut wie ein Chirurg zur 
Asepsis Der Arzt muß seine „persönUche Gleichung“ kennen, um den Kranken 
nicht zu vergewaltigen. leh habe zu diesem Zwecke eine kritische Psychologie 
aiK<»^earbeitet, die dem Seelenarzte eine gewisse Möglichkeit, die Verschieden- 
heit“ typischer Einstellungen zu erkennen, geben könnte, auch wenn die 
Freudsehe Schule erklärt, daß dies nichts mit der „Psychoanalyse“ zu 
tun habe. Die „Psychoanalyse“ ist offenl>ar eine Technik“, hinter der der 
Mensch verschwindet, und die immer dieselbe bleibt, ob X, Y oder Z sie aus- 
übt. Deshalb wohl braucht der „Psychoanalytiker“ keine Selbsterkenntnis und 
keine Kritik seiner Voraussetzungen. Seine „Lehranalyse“ hat offenbar nicht 
den Zweck, ilm zu einem Menschen, sondern zu einem korrekten Anwender 
einer Technik zu machen. 

Selbst die „Psychoanalyse“ ist als Technik nichts weniger als einfach, sie ist 
sogar sehr kompliziert, ja vertrackt knifflich, verglichen mit einem noch so 
komplizierten chemischen Verfahren; sie ist unerhört mannigfaltig, variabel 
und fast unübersehbar. Wer das nicht glaubt, studiere einmal aufmerksam die 
Technik“ einer Freudschen Traumanalyse in der „Traumdeutung“ (z. B. 
dem Traum von „Irmas Injection“). Ein solches „Verfahren“ überhaupt „Tech- 
nik“ zu nennen, dazu gehört schon eine gehörige Dosis Optimismus. Und 
Träume sind doch die bekannte „via regia zum Unbewußten“, spielen also doch 
wohl eine gewisse Rolle in der „Psychoanalyse“? Man muß w^rhaftig rmt 
Blindheit geschlagen sein, wenn man nicht sieht, daß eme solche „Techmk 
in allererster Linie eine Manifestation desjenigen Menschen und aller semer 
subjektiven Voraussetzungen ist, welcher die Methode anwendet. 


Alle diese Überlegungen führen uns zum'Problem der Einstellung des Arztes 
zurück und zu der Forderung der Kritik der subjektiven Vor- 
tzung Es darf nicht kritiklos Weltanschauung m die Neurosenauf- 
ZIZ hineingetragen werden, wie dies z. B. in der F r e u d sehen Auffassung 
7 nnhPWußL der Fall ist, oder in dessen materialistischer Vorem- 
^m^nheit in bezug auf die religiöse Funktion der Seele. Der Psychothera- 
Sch“ mir de» Wah/e huldigen, daß die N_beh^d.^g 
Sts erfordere aU die Kenntnia einer Techuik, sondern aoUte aieh restlos 
^er klar werden, daß die seelische Behandlung eines Kranken eme B e - 
aiehung ist, in welcher der Arzt ebensosehr drmsteht me der Ei”® 

wirkUche seelische Behandlung kann nur individuell s^, weshalb auch 
rbeste Technik nur reladveu Wert besitzt. Um so höhere Bedeutung kommt 


8 


G. G. Jung 

«mlichen, Wert! 1 J" Kranken eigen- 

Wenn Alfred IdTeri T 'T," ~ 

Handlung ersuchfe so m.ir“ n‘u “f" ^ ' ' “d um eine analytische Be- 
Psychologie zu sehen und^ Freud dazu bequemen, Adlers eigenarttige 
-erhennL. Es Tb ia ül "I Daseinsbereeht^ung an- 

Hedarftigen "olresVart^: ÄT f ^ rtu^ 

ihm ein erroßes und nicht ^ ^ analysieren* so täte ich 

rische Wesenhaftigkeit der KfeTrsX^T'e WichüS TT“’' 

des Familienromans, die Bitterkeit und Ernsthaftinkftt J -t 

^ntiments und ihre kompensatorische Begleitung durch neidrn'''^*'^T uK^^ 
Wunschphantasien nicht ausführlich in ^ “ (leider!) unerfüllbare 

als vollendete Tatsache Him.“ ™ u ^ '»r Sosein „icltt 

ich ihm sagte, daß Bessentlments doch nichts „ ® ^ ^“frieden, wenn 

betätigte Nächstenliebe oder etwas dergleichen So Th“l 
m anderen Fällen sein mag, so unrichtig wäre stlüf" f 
lange, Freud von der Wahrheit meiner Id ^ es mir ge- 

meint Fr eud , was er sagt, infolgedesserLA. T f Zweifellos 

der solches sagt. Erst dann ist sein eigenartiger F l[ ^ ^ genommen werden, 
smd auch jene anerkannt, deren Psvrli«! ^ -i ^V. ®*^?®“emmen, und mit ihm 
man nun nicht wohl annehmen kann daß^F^ ^ i»eschaffen ist. Insofern 

üp Vertreter europäischen MenschlZ feLT s T ' " S“’’ 

die Hoffnung, daß auch ich eine eiffenarüVp p’ u zunächst für nuch 

alle jene, welche sich ebenfalls weder dem besitze und mit mir 

Wunschphantasien noch dem des Geltumx«rl Infantil -perversen 

selbstverständlich, daß es sich dabei nieht subsumieren können. Es ist 

dein darf; vielmehr sollte sich kein Psveh«^ naiven Selbstbetrug han- 

lassen, sich selbst im Lichte dieser n e e a t ' Gelegenheit entgehen 

betrachten. Freud und Adler haben ^®^®^^*^^ogien kritisch zu 

sehr deutlich gesehen. Die Juden haben begleitet, 

gemein; als die physisch Schwächeren ^^‘^”*^nilichkeit mit den Frauen 
Rüstung des Gegners zielen, und wegen Lücken in der 

schichte aufgezwungenen Technik, sind d* jahrhundertelange Ge- 

verwundbarsten sind, am besten gedeckt ^ t i ^ andere am 

alten Kultur sind sie sich der menschlichen doppelt so 

viel höherem Maße bewußt als wir und dar ^ .''^^onen und Schattenseiten in 
verwundbar. Auch haben sie es dem Erlebn^r? ^ Hinsicht viel weniger 

daß es ihnen möglich ist, mit vollem Kultur zu verdanken, 

lieber und duldsamer Nachbarschaft ihrer eiffer^”n” ''"®^^wollender, freund- 

g neu Untugenden zu leben, wäh- 


9 


Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie 

rend wir noch zu jung sind, um keine „Illusionen“ über uns zu haben, überdies 
sind wir vom Schicksal damit betraut, Kultur noch zu schaffen (wir haben sie 
nämlich nötig), wozu sogenannte Illusionen in der Form von einseitigen Ide- 
alen, Überzeugungen, Plänen usw. unerläßlich sind. Der Jude als Angehöriger 
_einer etwa 3000jährigen Kulturrasse, ist wie der gebildete Chinese in einem 
weiteren Umkreise psychologisch bewußt als wir. Infolgedessen ist es auch für 
den Juden im allgemeinen weniger gefälulich, sein Unbewußtes negativ 
zu bewerten. Das arische Unbewnißte dagegen enthält Spannkräfte und schöp- 
ferische Keime von noch zu erfüllender Zukunft, die man nicht ohne seelische 
Gefährdung als Kinderstubenromantik entwerten darf. Die noch jungen ger- 
manischen Völker sind durchaus imstande, neue Kulturformen zu schaffen, und 
diese Zukunft liegt noch im Dunkeln des Unbe%vußten in jedem einzelnen, als 
energiegeladene Keime, fähig zu gewaltiger Flamme. Der Jude als relativer 
Nomade hat nie und wird voraussichtlich auch nie eine eigene Kulturform 
schaffen, da alle seine Instinkte und Begabungen ein mehr oder weniger zivi- 
siertes Wirtsvolk zu ihrer Entfa ltung vorauss e tzen. Die jüdische Rasse als 
Ganzes be^tirdärum nach meiner Erfahrung ein Unbewußtes, das sich mit 
dem arischen nur beding vergleichen läßt. Abgesehen von gewissen schöpfe- 
rischen Individuen ist der Durchschnitts jude schon viel zu bewußt und diffe- 
renz iert, um noch m it den Spannungen einer ungeborenen Zukunft schwan^^“ 
zu gehen. Das arische Unbewußte hat ein höheres Potential alMas jüdischir 
das ist der Vorteil und der Nachteil einer dem Barbarischen noch nicht völlig 
entfremdeten Jugendlichkeit. Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der 
bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, daß sie^ jüdische Kategorien, (' 
die nicht einmal für alle Juden verbindlich sind, imbesehen 
auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte. Damit hat sie nämlich 
das kostbarste Geheimnis des germanischen Menschen, seinen schöpferisch 
almungsvoHen Seelengrund als kindisch-banalen Sumpf erklärt, während meine ^ 
warnende Stimme durch Jalirzehnte des Antisemitismus verdächtigt wurde. 

Diese Verdächtigung ist von Freud ausgegangen. Er kannte die germanische 
Seele nicht, so wenig wie alle seine germanischen Nachbeter sie kannten. Hat 
sie die gewaltige Erscheinung des Nationalsozialismus, auf den eine ganze Welt 
mit erstaunten Augen blickt, eines Besseren belehrt? Wo war die unerhörte 
Spanmmg ui^ \V ucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab ? Sie lag ver- 
borgen in der germanischen Seele, in jenem tiefen Grunde, der alles andere 
ist als der Kehrichtkübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Fa- 
milienressentiments. Eine Bewegung, die ein ganzes Volk ergreift, ist auch in 
jedem einzelnen reif geworden. Darum sage ich, daß das germanische Unbe- 
wußte Spannungen xmd Möglichkeiten enthält, welche die medizinische Psycho- 
logie in ihrer Bewertung des Unbewußten berücksichtigen muß. Sie hat es nicht 


jjes InsiiVviiä 



O'ioherei 

. e. V. Berlin 


10 


Jung 

nut Neurosen zu tun, sondern mit lU l 

FuS!* P*y<=hokgirdaß 7f “f Se-'xle das aohäne 

au^aZV"*™ “r ^ Z^l f 

die krankhaften r ” gespannt^ 

Jrrgange einer gestörten seeK« P so daß nicht nur 

Teil“ „r Kräfte “’^^h 

, adern das bedeutungsvolle Ganze dem är^i-^P ein trüber 

Üv^s^ZTT ”°T“f "M ein Negaftt« »«»«1«™. 

• ein seelenloser Rationalismus kann ^ j , ’ «“eh ein Posi- 

™ werden kannte so hä'i^Ärr' ^ 

WahrLh ari2^thLTodtr“J!t'e^' D^terdem an dt 

suchung, oder wie ein^uüger, dem die Antttr*'!^^ Menseh, dem dienet 

Neurose verhören bedruteuövTeTSe “jT " S'^ommen wäre B„e 

tutir* ®^““.“"'' -Jen Sinn. Es“war Wh'T'''"’ ■'“ '**“ «.- 

putaüon, und es ist ein täuschender Trost wenn d ^ »»ndern eine Am 
sichert, mau hätte ja nichts verloren als dtT^r “ ’-P^Tchoanalvse'^ 
Versen) Wunschchimären. Man hat s^hr viel trhr*" 7”“““ *«“«1 Cper- 

ose steckt m Wirklichkeit ein Stück noch ^ '['elPren, denn in der n;.. 

lelfach bestehen ihre Bemühungen im wesentliche vernachlässigt 

man - irgend etwas - „ach üLn erkZ„ t "" versuchen, wie 

nichts, das nicht einer obszönenl^rikatur fähiff^^^ tatsächlich 

Heist aber me, daß das so erklärte Symptom od T’ ^^^ögüchkeit be- 
sondern sie beweist bloß die schmut/ge AdTlelzÄ^^^ meine, 

hafte Erklärers. 

hafte Ar^e unter völligster Mißachtung aller C ®««st emst- 

Gevvissenhaf^gkeit ein psychologisches Material ^rh P '^-^^«enschaftUcher 
erklären Konjekturen, über die man JiLh 

kann, als daß es Versuche sind, denjeni<Ten oh anderes ausmachen 

^r^d ^das tu erklämnde Materia l ii ir|“dSe Be“ T'*' '■'-‘«^ufinde“ 

V ^^Mjnhche Ansichten in hemg auf innere~ÄDr~- .Lü .^ einer o ralen. 

V. Weizsäcker. '"= «cdiziu ve^ShThSSSnSriSh 


Zur gegenwärtigen Lage der Psydiotherapie 


11 


analen urethralen „.w. Se™lab„onm,ä. gesetzt werden könnte. Pas Gift der 
entwertenden_Peutung ist diesen Leuten dermaßen ins Mark gegan^eü dS^ 
Überhaupt nichts anderes mehr denken können als den iiifantiJ 
Jargon gewisser Nenrosenfälle. ^lejm si el, durch die Beson derkelr der Fr^r 
^ehen Psjichologi. ansseiehnen. Es ist geradezu grotesk, da~ß de7Äizt sd^r m 
jene Denkweise verfall^ die er am andern mit fieeht als infantil beamtandm 
und darum heilen mochte. Es ist allerdings viel leichter, über den kZ £ 
andem hinweg, Konjekturen zu machen, als zu sehen, was das empirische Ma 
teria des Kranken selber meint. Man muß doch wohl annehmL 2l 
kranke zum Arzt kommt, um sich aus seiner krankhaften Denk- und^u^ 
fassungsweise zu befreien, und man dürfte deshalb wohl annelimen — tvie das 
übrigens m der ganzen modernen Medizin der Fall ist - daß in d.r K 7 

heitserscheinung selber auch die Heilungsbestrebungen des etrale SyaTet 
gegeben »*"<1 Wenn aber der Arzt laut oder leise ebenso negativ Z Z 
wertend denkt und ebenso alles und iedes in den infn *-i ^ ‘ 

einer obszönen Witzpsychologie herunterreißt wie der LaX^^'sT^" 
sich nicht l^^lndem, wenn der letztere seelisch verödet und V 
durch einen heillosen Intellektualismus kompensiert. Verödung 

Leider ist es wahr, daß es nur allzu viele Menschen o-;hr dsu».« 

Wßtranen gerechtfertigt ist. Nur allzu Viele gebrauchet deale und'fnrhel- 

nende Werte, um sich vor sieh selber zu drücken. Der Arzt muß solche Znke 

oft auf eine sehr unangenehme Formel bringen um mV ’h ■ 

Wahrheit zu konfrontieren. Aber nicht alle Afe i, ^ 

17 -w • j * 1 • , 7 *'^nt alte Menschen sind so 

Es gibt mindestens ebenso vmle Kranke, die alles andere nötiger haben ab 
»ßtrauen und Entwertung. Es sind im Innersten anständige Menschen 
die vor allem keine Betrüge- nnd, und Ideale und Werte zur ALchmückung 
einer minderwertigen Personhchkeit mißbrauchen. Solche Menschen reduktiv 
zu beh^de n, ihnen hmterhältige Motive unterzuschieben und ihre natürliche 
Keinlichkeit auf unnaturhehen Schmutz zu verdächtigen, ist nicht nur sünd- 
haft dumm, sondern geradezu verbrecherisch. Technik ist immer ein seelen 
loses Schema, ^^w^^chotherapie für Teclinilc hält und als solche an 
preist, ist zum mindesten m^er Gefahr, unverzeihUche Kunstfehler zu be-ehen 
Ein gewissenhafter Arzt muß an allen seinen Künsten und Theorien zwdfeln 
können, sonst verfällt er dem Schema. Schema aber bedeutet Borniertheit un 
Unmenschlichkeit. Neurose ~ darüber darf kein Zweifel mehr herrschen ^ 
ist alles andere, nur nicht „Nichts als“. Neurose ist das Leiden einer mensch 
liehen Seele mit ilirer ganzen, weltweiten Kompliziertlieit, die so ungeheuerlich 
ist, daß man jede Neurosentheorie schon von vornherein ruliig als beinahe 
wertloses Aper 9 u bezeichnen kann, es sei denn ein gigantisches Bild der Seele 
welches zu ermessen auch ein hundertfacher „Faust“ nicht genügte. 


12 


Als Grundreeel für dt^n Pe, i, 

'“^igartig zu betrachten LTfCi!T"‘' 
am nächsten. ' kommt man der Wahrheit wohl 

das Wertlose vom Wertvollen zn .L/ ! ‘®* "" ='=hwer möglich 

Es* ‘•“s ötner infantilen UmriHiofc >" T** bestellt 

j ™“® in allererster Linie herÜ l-hT*^ A“Pnss™gswiIlen. 
dar Akzent liegt. Dort führ. ntoUch ane?? w Seite 

nnf dem Anpassungswillen, so ist es “a„z ?® ^'' 8 ‘ Akzent 

a a tnf«.,le Wunschphantasie zu en"vS,"n aT. 'C ^"Paa=n"Saversuch 
<l-«er Irrtum mit seinem Patienten woT . • P*“**'« dam Arzt 

gißten Schaden _ noch so fr^Ser 1“ f "" T ™ -inem eigen« 

hlfit""’' 4 “’^' Autorität gesichert gegen den rhuT“” ''' '** durcJi 

haßten Anspruch der Neurose, d. h desl^. h t «'‘“aahiaten oder ver- 
teiles Dtese „andere“ Persönlichkeit in ihm Paasönlichkeits- 

Ohnp vvieder gelöst werden^muß . 

Ohne anfanghehe Gcgemätzlichkei. gibt “k" nenT »chafft. 

kwn Leben. Gegensatzlosigkeit ist StJlTcp a ^'"«»’gieablauf, imd o^iht es 

r-ht. Außerhalb ihres BLcLTJ:‘'X’a.:Tl ?~4keh 

== wl 

oder Freund. Man kann ihn nicht hoch <r ^ bester Feind 
man aus Schicksalsgründen lebensfeii!dlich e' *"^erten, es sei denn, daß 
auch Deserteure, die aber uns nichts zu sagen”habr ^ schließlich 

Die neurotische Symbolik ist zweideutig s,V x ’ 
und zuruck, hinunter und hinauf Im aluf’ ■ ™ Gleichen vorwärts 

als das Rückwärts, weil die Zukunft kommt”u'T!i '" Vorwärts wichtiger 
wer erneu Rückzug vorbereitet, schaut besser zur ” geht. Nur 

braucht sich nicht als geschlagen zu betrachten ^^«“^ctiker 

heben Gegner verkannt und geglaubt ilm » f k ^ ^ seinen unerläß- 

rade in dem, was er zu vermeiden sucht liegt ab loszuwerden. Ge- 

hchkeit. Der Arzt, der ihn darüber we-’betfü ^he Aufgabe seiner Person- 
Dienst Nicht, wie man eine Neu 

Kranke zu lernen, sondern wie man si < 1 «** 

heit ist keine überflüssige und darum sinnloL l! . " Krank- 
seiber; er selber als der ..Andere“ den mo * sie ist er 

’ ***^cr auszuschließen ver- 


Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie 


13 


suchte, aus infantiler Bequemlichkeit z. B., oder aus An,r«^ 
welchen andern Gründen. Anf diese Weise macht man das .Jeh'Te rfeud 
rid.^ sagt, znr „Angststätte“, die es ja nie wäre, wenn 4 nn „4^ ^Lt- 
otoch gegen nns selber verteidigten. Wo das Ich eine „Angststätte“ isrH 
noch jemand vor sieh selbj davon und will’s nicht dafür haben. i)l " 
fürchteten eigenen „Andern«, i„ erster Linie, gilt die entwertende Je f 

-e'd.. C« 

und Zweck ,st. Ja, man sollte lernen, ihr dankbar zu werden sonst hat 
man s.e verpaßt und damit die Möglichkeit verloren mit dem’ . 

wirklich iS. bekannt zu werden. Eine Neurose ist dann wirklich’ eriedw" 
wenn sie das falsch eingestellte Ich erledi-t hat Nicht «fc , • ’ 

sie heil. uns. Der Mensch ist krank, dk Kmnkhe,? ^ 

Natur, ihn zu heilen. Wir können abo aus der Krankheit selb Versuch der 
unsere Gesundung lernen, und was dem Neu +‘l i 
erscheint, darin li!gt das wahre S. d™ f 

Das zweite Wort der „psychoanatytbchen“ Deutunnsr Nichte ab“ 
das, was der Händler über das Stück sa^en iviirrtra J ” , • f ’ 

möchte, in diesem Fall die Seele ein es Men s ’b kanfen 

kühnster Versuch und sein bestes Abenteuer. ' " ’ «cm 

fr “ n" Wan, ihm seine Neurose und damit die 

Seele abkaufen zu wollen. Denn es ist ein, im Grunde genommen, unmöglich 

Unterfangen, namheh em Betrag: man kann sich auf die Dauer seines Ichat 
tens mcht begeben, es se. tienn. man lebe in ewiger Finsternis. Was in der 
neurottschen D.ssoztatton dem Kranken entgegentttt, ist ein nicht aner 
kanntet, fremder Teil semer e.genen Persönlichkeit, der seine Anerkenml 
zu erzwingen versucht, und zwar mit den gleichen Mitteln, mit denen ein hart 
näcktg geleugneter Körperteil seine Anwesenheit kundtäte. Wenn jemand es 
darauf abgesehen hatte, dte Exjstenz seiner linken Hand zu leugnen, so müßS 
er steh m em phantasusches Netz von „Nichts als“-Erkläm„gen vetwickeir 
^nau das was dem Nenrotbchen passiert, und was die „Psychoanalyse“ zuj 
Theorie erhöhen hat. Dte mfanttl-perverse „Nichts-ab“-Phantastik ist der Ve^ 
such des Kranken, seme linke Hand zu leugnen. Sein Versuch ist eben der 
kr^ke Abweg, der nur insofern Interesse hat, als in jedet Phantasie auch ehr 
geheimer Hmweis auf die linke Hand steckt. Alles andere ist uneigentlich, wed 
“ "" der Verheimlichung ersonnen ist. F r e u d meint nun daß 

das Verheimlichte das sei, worauf die Phantasien mehr oder weniger offef 
kundig anspielen, nämlich Sexualität u. dgl. Das ist aber genau der Ort aut 


14 


C. G. Jung 


den diese Art von Patient zielt. Er reitet dasselbe Steckenpferd wie der Arzt — 
vielleicht hat ihm der Arzt auch noch eine neue hilfreiche Idee gegeben, wie 
z. B. das famose infantile Sexualtrauma, das man so lange suchen kann, und wo 
man so weit wie möglich von der Wahrheit weg ist. 

Der wahre Grund zur Neurose aber liegt im Heute, denn die 
Neurose existiert in der Gegenwart. Sie ist beileibe kein aus der Vergangenheit 
herüberhängendes caput mortuum, sondern wird täglich unterhalten, ja so- 
zusagen neu erzeugt. Und nur im Heute, nicht aber im Gestern wird eine Neur- 
ose „geheilt“. Weil der neurotische Gegensatz uns heute entgegentritt, so ist 
die historische Abschweifimg ein Umweg, wenn nicht geradezu ein Abweg. 
Weil in der Neurose ein Stück der eigenen Persönlichkeit steckt, so ist die Ab- 
schweifung in die tausenderlei Möglichkeiten obszöner Phantasie oder uner- 
füllbarer Infantilwünsche ein bloßer Vorwand, der um das Eigentliche herum- 
führt. 

Die zentrale Frage ist: Was will hinter dieser Vernebelung an die bewußte 
Persönlichkeit des Kranken herantreten, und wie sollte seine Einstellung be- 
schaffen sein, um dieses abgespaltene oder nie mit ihm verbundene Stück seiner 
Persönlichkeit zu integrieren? Wie anders könnte es ihn überhaupt bedrängen, 
wenn es nicht etwas wäre wie seine Unke Hand, wie eine andere Hälfte seiner 
selbst ? Also etwas, das im tiefsten Sinne ihm angehört, ihn ergänzt, und orga- 
nisches Gleichgewicht bedeutet, aber aus irgendeinem Grunde gefürchtet wird, 
vielleicht weil es das Leben kompliziert und anscheinend unmögliche Auf- 
gaben stellt? 

Um solchen Forderungen auszuweichen, ist es wohl das Passendste, etwas 
an ihre Stelle zu setzen, das man mit Fug und Recht als unmöglich bezeichnen 
kann, also z. B. jene ganze Welt obszöner Möghchkeiten, für welche Freud 
selber schleunigste Sublimierung empfiehlt. Freud hat also die neurotische 
Konjektur ernst genommen, und ist damit der neurotischen Verwicklung, 
welche im einen Fall a tout prix einen Abweg sucht und im andern in der Ver- 
irrung den richtigen Weg nicht finden kann, auf den Leim gegangen. Der neur- 
otische Trick der euphemistisch enV erkleinerung hat es ihm offen- 
bar angetan. Er hat die Neurose unterschätzt und hatte damit den Beifall der 
Kranken und der Ärzte, die ja alle nichts Besseres wünschen, als daß die 
Neurose „nichts Anderes sei als . . .“ 

Das Wort „psychogen“ will aber bedeuten, daß gewisse Störungen aus der 
„Seele“ entstehen. Die Seele ist leider kein Hormon, sondern eine Welt von so- 
zusagen kosmischen Ausmaßen. Das hat der wissenschaftliche Rationalismus 
völlig übersehen. Hat die Psychotherapie je im Ernste daran gedacht, daß sie 
ganz andere V^orläufer hat, als Mesmer, Fa ria, Liebeaul t,Charcot, 
Bernheim, Ja net, Forel, und wie sie alle heißen? 


15 


Zur gegenwärtigen Lage der Psycliodierapie 

Um die leidende Seele hat sich der Geist der Menschheit seit Jahrtausenden 
gemüht, vielleicht früher noch als um den leidenden Körper. Das „Heil“ der 
Seele, die „Versöhnung der Götter“, die „Perils of the Soul“ sind kein Problem 
von gestern. Die Religionen sind psychotherapeutische Systeme in des 
Wortes eigentlichster Bedeutung, und im allergrößten Ausmaß. Sie drücken 
den Umfang des seelischen Problems in mächtigen Bildern aus. Sie sind Be- 
kenntnis und Erkenntnis der Seele, imd zugleich Offenbarung und Erschei- 
nimg des Wesens der Seele. Von dieser universalen Grundlage ist keine mensch- 
liche Seele abgetrennt; nur einzelne Bewußtseine, welche den Zusammenhang 
mit dem Ganzen der Seele verloren haben, sind in der Illusion befangen, die 
Seele sei ein umgreifbarer kleinster Bezirk, der sich als Objekt einer „wissen- 
schaftlichen“ Theorie eigne. Der Verlust des großen Zusammenhangs ist das 
neurotische Grundübel und deshalb verirrt sich der Weg des Kranken in kleine 
und kleinste Seitengäßchen von zweifelhafter Reputation, weil, wer das Große 
leugnet, die Schuld im Kleinsten suchen muß. In seiner Schrift über die „Zu- 
kunft einer Illusion“ hat Freud, ohne es zu ahnen, seine Karten aufgedeckt. 
Er will dem größern Aspekt der seelischen Erscheinung endgültig den Gar- 
aus machen, und indem er solches versucht, tut er das, was in jedem Kranken 
am Werke ist, nämlich: Zerstörung des Zusammenhanges der „Menschen und 
Götter“, Abtrennung von den universal gefühlten und erkannten Grundlagen 
und Dimensionen der seelischen Erscheinung, und damit „Leugnung der linken 
Hand“, nämlich des Gegenstückes, dessen der Mensch zu seiner seehschen 
Existenz bedarf. 

Wir wollen nicht fragen, wer alles tauben Ohren gepredigt hat. Aber hat 
Goethe seinen „Faust“ wirklich vergeblich geschrieben? Oder hat „Faust“ 
keine geradezu faustdicke Neurose? Denn der Teufel existiert doch nachge- 
wiesenermaßen gar nicht. Also gibt es auch kein seelisches Gegenstück — ein 
noch zu enträtselndes Geheimnis von Faustens verdächtiger innerer Sekretion! 
Das meint ja Mephistopheles, der selber sexuell nicht ganz einwandfrei ist, — 
etwas bisexuell, wie es scheint. Dieser laut „Zukunft einer Illusion“ nicht 
existierende Teufel ist das wissenschaftliche Objekt der „Psychoanalyse“, und 
sie vertieft sich mit Andacht in seine nichtexistierenden Gedankengänge. Was 
Fausten selber geschieht, im Himmel und auf der Erde, bleibt wohl „den 
Dichtern überlassen“, und das Afterbild menschlicher Seele wird zur Theorie 
der seelischen Leiden. 

Der heutigen Psychotherapie wird es, wie mir scheint, nicht erspart bleiben, 
noch gewaltig umlernen zu müssen, bis sie ilirem Gegenstand, nämlich der 
menschlichen Seele in ihrem ganzen Umfange, auch nur annähernd gerecht 
wird, und bis es ihr selber gelingt, nicht mehr neurotisch zu denken, sondern 
die Vorgänge der Seele in ihren richtigen Proportionen zu sehen. Nicht nur die 


16 


C. G. Jung. Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie 

allgemeine Auffassung der Neurose, sondern auch die der komplexen psy- 
chischen Funktionen, wie z. B. die Funktion des Traumes, bedarf einer gründ- 
lichen Revision. Es sind in diesem Gebiete ganz erhebliche Mißgriffe ge- 
schehen, indem z. B. die an sich normale Funktion des Träumens der gleichen 
Auffassung wie die Krankheit imterworfen wurde. Es wird sich dann heraus- 
stellen, daß die Psychotherapie imgefähr die gleichen Fehler begangen hat, 
wie die alte Medizin, welche das Fieber bekämpfte, weil sie dieses für die 
Noxe hielt. 

Das schicksalshafte Unglück der ärztlichen Psychotherapie ist, daß sie in 
einer Zeit der Aufklärung entstanden ist, wo altes Kulturgut durch Selbst- 
verschulden unzugänglich wurde, und wo es noch keine Psychologie gab, die 
irgendwo erheblich über das Niveau eines H e r b a r t oder gar eines C o n - 
dillac hinaus ging, auf alle Fälle keine Psychologie, die irgendwie, auch nur 
annähernd an die Komplexitäten und Perplexitäten heranreichte, mit denen 
der gänzlich harmlose und aufs Tiefste unvorbereitete Arzt auf einmal kon- 
frontiert war. In diesem Sinne muß man Freud dankbar sein, daß er wenig- 
stens eine gewisse Orientierung in diesem Chaos geschaffen und dem Arzt Mut 
gemacht hat, z. B. einen Hysteriefall wenigstens als wissenschaftliche Pro- 
position ernst zu nehmen. Nachträglich zu kritisieren ist natürlich leicht. Aber 
es taugt nichts, wenn eine ganze Generation von Ärzten auf Freuds Lor- 
beeren schlafen geht. In Sachen der Seele haben wir noch längstens nicht aus- 
gelernt, und was uns heute in besonderem Maße not tut, das ist die Befreiung 
von überholten Gesichtspunkten, welche den Blick fürs Ganze in bedenklicher 
Weise eingeschränkt haben. 


G. R. Heyer. Di© Polarität, ein Grundproblem der deutschen Psychotherapie 17 

G. R. HEYER: 

DIE POLARITÄT, EIN GRUNDPROBLEM IN WERDEN UND WESEN 
DER DEUTSCHEN PSYCHOTHERAPIE 

An die romantischen Naturphilosophen — die letzten Kenner und Künder 
der Seele, zu Unrecht fast ein Jahi’hxmdert lang vergessen von der „Psycho- 
logie ohne Seele“ — knüpfen wir an, wenn uns die Polarität alles Lebens 
wieder deutlich, wenn uns bewußt geworden ist, daß sich das Ganze nie anders 
als in Gegensätzen manifestiert. Wie es uns die Natur draußen aufweist im 
Wechsel von Tag und Nacht, von Sonne und Mond, von Mann und Weib, 
Werden und Vergehen; wie man denkerisch nicht Oben setzen kann ohne 
Unten, Ja nicht ohne Nein, positiv nicht ohne negativ; wie biologisch Systole 
und Diastole, Ein- und Ausatmung, Aktivität und Passivität sich gegenseitig 
bedingen und gemeinsam erst das Dritte, das Ganze in einer höheren Ebene 
ergeben, genau so ist es psychologisch. Einen von den beiden Polen eines 
Gegensatzpaares negieren, den anderen aber ausschließlich erkennen und an- 
erkennen zu wollen — wozu der menschliche Geist immer wieder neigt — 
bewirkt, daß die lebentragende — und -zeugende Spannimg der Gegensätze 
erlischt und aus diesen ihr unfruchtbares, zerstörerisches Zerrbild wird: der 
Widerspruch. Der Versuch, das „Sowohl- Alsauch“ nicht leben zu lassen, 
sondern statt dessen „Entweder-Oder“ zu wollen, führt imvermeidlich nicht 
nur zur Verarmung desNur-Einseitigen; sondern, fast schlimmer noch, die ge- 
leugnete und gemiedene Seite, der bewußten und gestaltenden Funktion ent- 
zogen, kommt nun „von hinten“ über den Menschen und wird, wie wir alle 
wissen, die Quelle zahlreicher Neurosen. 

Deswegen hat sich die Psychologie diesen polaren Kräften stets besonders 
zugewandt. Jeder Forscher und jede Schule hat immer wieder andere Gegen- 
satzpaare aufgestellt. Klages hat in seinem bekannten Schema den Geist der 
Seele, den Logos dem Bios, Freud hat dem Geistig-Seelischen das Sinnliche 
gegenübergestellt, Adler dem lebhaften das zur Gemeinschaft Führende, den 
Selbstzweifeln die Ichübersteigerungen usw. Jeder auch nur flüchtige Keimer 
dieser Systeme wird alsbald bemerken, wie sämtliche Autoren zwar von dieser 
Gegensätzlichkeit ausgehen (das ist auch anders — im wahrsten Wortsinn — 
undenkbar), daß sie aber regelmäßig nicht bei der Konzeption des Gegensatz- 
paares — etwa im Sinne der Pole einer Ellipse — bleiben, sondern einen 
„Widerspruch“ konstituieren: indem sie nämlich der einen Seite allen Wert, 
der anderen allen Unwert zuerteilen. Bei Klages wird der Geist zum leben- 
zerstörenden Widersacher der Seele; bei Freud wird gar das Sinnlich-Trieb- 
hafte zum Eigentlichen, sein Gegenpartner zu einer (möglichst abzubauenden) 
fiktiven Funktion — als Über-Ich und Ich-Ideal — oder zu einer faute de 

Zentralblatt für Psychotherapie VII. ^ 


18 


G- R. Heyer 


inieux mühsam erzwungenen „Sublimierung“; bei Adler ist die extraver- 
tierende Gemeinschaftsseite Alles, jede zur Sonderung, zum stolzen Ich-Selbst 
führende Tendenz ein nichtwürdiges imd wertloses Teufelswerk. 

Erst Jungs umfassendem Geist und Werk ist es gelungen, diesen Gefahren 
der Entweder-Scylla und der Oder-Charybdis zu entgehen, das alte, unter- 
brochene Werk der Romantiker — der dichtenden und philosophierenden — 
■wieder zu erneuern. Er hat damit gute deutsche Art bewiesen'; ist es do<Ji 
deutsch, Spannungen ertragen, verstehen und bewältigen zu können. Freilich 
wollen diese stark und wissend gelebt werden. Sonst tritt eine Haupt- 
gefahr deutschen Wesens ein; die entschluß- und entscheidungsunfähige, die 
schwächliche Liberalität. Sie ist das Zerrbild unserer reichsten und un- 
erreichten Möglichkeit: kein „aufgeschlagen Buch“, sondern „der Mensch in 
seinem Widerspruch“, d. h. agonal — vielseitig zu sein. Dort gründet auch 
zu „Hellas ewig unsre Liebe“. Während dem jüdischen Jahwe-Geist ebenso 
wie der christlichen Einstellung das Umgekehrte entspricht: einem bejahten 
und „guten“ Oben ein „böses“ und verneintes Unten zu antithetisieren, (V gl. 
die monotheistischen Lehren gegenüber dem polytheistischen Götterhimmel 
der Germanen.) 

Gewiß, die genannte Einseitigkeit der früheren psychologischen Schulen 
ist ihre Schwäche. Aber sie kann auch als ihre Stärke verstanden und jeden- 
falls genutzt werden; denn mit Scheuklappen sieht man zwar weniger „total“, 
aber das einzelne schärfer. Das läßt sich vielleicht an einer anderen Über- 
legung noch klarer verdeutlichen. 

Genau wie die Völker alle einmal in seliger Unschuld lebten (zu der unsere 
Jugendträume vom südlichen Eiland fliehen, von der Heinses Ardinghello 
kündet, die Van Zantens „Insel der Verheißung“ ist ); ja, wie sie ur- 

sprünglich in der nächtigen Geborgenheit der Höhlen hausten (Frobenius’ 
„Höhlengefühl“); wie die Völker aber irgendeiiunal erwachen und erwachsen 
zu geformterer Bildung, bleibendem Werk, gesichtetem Tun: genau so er- 
scheint auch der einzelne Mensch, wenn er den unergründlichen Tiefen des 
dunklen Erdenschoßes entspringt, anfänglich noch Ununterschieden, allen 
Wehs und aller Lust der Kreatur ein Teil, ein süßes Wunder und ein un- 
erwachtes Genie — das Kind. Von den Sternen kommend und irdischer Liebe 
entstammend, allen Geheimnissen in Unschuld noch kosmisch verwoben, ur- 
sprünglich nichts als Leib gewordener Traum, geht der Mensch auf dem 
schweren Weg allmählichen Erwachens, Er- und Entwachsens — Jalir für Jahr 
mehr — aus seiner Märchen- und Zauberwelt, aus dem „magischen“ Zustand in 
die anderen, geistbestimmten Ordnungen: in Familie, Stadt, Stand, Staat und 
Volk. Der Bürger ■wird eingegliedert in seinen Kreis, die Familie gegründet, 
die Existenz gesichert. 


Die Polarität, ein Grundproblem der deutschen Psychotherapie 19 

Und wieder ist ein Völkerschicksal nicht anders als ein Einzelleben. Irgend- 
wann einmal kommt für Volk und Staat die Zeit, da alles wohlgeregelt, ganz 
festgelegt und über die Maßen ordentlich ist; da die ganz Klugen und die 
Obergescheiten alles schon vorher zu wissen und zu bestimmen glauben — 
„war es doch immer so“ — die Zeit der Erstarrung. Genau so wird im Einzel- 
leben immer wieder die „heilige Ordnung“, ehemals eine „segensreiche 
Himmelstochter“, mählich zur einengenden, festgelegten und festlegenden 
Umschnürung; der Mensch droht zum Funktionär zu werden nicht nur des 
äußeren Regiments, sondern auch seiner eigenen Ich-Erstarrung und Ver- 
kalkung. Das Prinzip regiert ihn und tötet den elan vitale. Organismus wird 
zur Organisation, Glaubenserlebnis zum konfessionellen Dogma, die Form 
zur Formel, Schaffen zum Geschäft, das Leben — blut- und sinnlos werdend — 
entartet zur Farce imd zum abgeleiteten Betrieb. 

Wo aber in Völkern und einzelnen noch Uralt-Neues, Schöpferisches 
und Unverbrauchtes in den Tiefen des Bios ruhen, bricht alsdann dies Leben 
aus dunklen Gründen auf, in gewaltigen Erschütterungen wirft es die ver- 
kalkte Kruste des Festgefügten, Altgewordenen ab: 

Bangt nicht vor Rissen, Brüchen, Wunden, Schrammen, 
der Zauber, der zerstückt, stellt neu zusammen. 

(Stefan George.) 

Aus reifem, herbstlichem Untergang, aus Zerstörung und Vernichtung • — 
nicht aus musealem Bewahren! — wird neuer Früliling, eine neue Pubertät, 
eine zweite Kindheit: und wiederum verwandelndes Wachstum. 

Keine solche Wandlung erfolgt mühelos, ohne Widerstreben, ohne Gefahr. 
Nur unendlich schwer entreißt sich der Werdende dem ursprünglichen Wir 
der pflanzlich-sprossenden Allverwobenheit träumenden Lebens. Ebenso 
Lockung wie Angst steht an der Schwelle, die auf dem Weg höherer Differen- 
zierung zur nächsten Lebenssphäre führt: der des Tierhaft- Animalischen, des 
„Bluts“, der Leidenschaften und Kämpfe, der Spannungen und Gegensätze; 
in die Welt, da Zeugung lockt und Tod droht i). 

Und ebenso schwer ist der Schritt über eine weitere Schwelle, aus der trieb- 
haften Ungebundenheit der „dämonischen“ Gewalten, des heldischen Selbst- 
herrlichkeit hinüber in die strengen und fordernden Ordnungen und Gesetze 
der Gemeinschaften, des Staates, des Glaubens, der Familie, des Berufes usw. 

Jede neue Phase bedeutet Geburt. Geburt aber ist immer schmerzlich und 
erfolgt gegen den Widerstand des Alten, Haftenden und Haltenden in uns. 
Die Zeiten solchen Unigeboremverdens, des „Stirb und Werde“, ergeben des- 
wegen die Krisen im Lebenslauf und seinen Notwendigkeiten, 


1) Vgl. H eyer: Organismus der Seele. München 1932. 


20 


G. R. Heyer 


Ist es ein Wunder, daß an diesen „Schwellen“ viele schwanken, manche 
straucheln? Wie ein Volk seiner Führer, so bedarf auch der einzelne ha^g 
kunstvoller Leitung durch seelenkundige Meister. Diese lag früher wohlan - 
vertraut in der Hand des geistlichen Beraters und der religiösen er an e, 
ihrer Begehungen und Sakramente. Nachdem aber diese für immer Wenigere 
„das“ Heil zu vermitteln vermögen (es ist so; man mag es bedauern oder nicht), 
glitt diese Aufgabe seelischer Führung mehr und mehr in die Hand es 
Arztes. Und da die (an sich dazu ja wohl am ehesten herufeiie) klinische 
Psychiatrie die Gehirnanatomie, Nervenchemie und Statistik für wichtiger 
hielt und sich solcher Auseinandersetzung mit dem pulsierenden Leben vor- 
nehm und gesichert entzog und noch entzieht, entwickelte sich em neuer 
Zweig am ärztlichen Baum: die Psychotherapie. Die Entwicklungsgeschichte 
aller mir bekannten Seelenärzte erweist, daß keiner aus theoretischem Inter- 
esse (oder gar aus wirtschaftlichen Erwägungenl) zu seiner Arbeit kam; 
sondern ganz aus dem Willen zum Heilen, vor der Not des Leidens, für welche 
er in den offiziellen Instituten keine Hilfen fand. So aus dem' Notstand ge- 
boren, ohne Aussicht auf „Karriere“ u. dgl. suchten sie als Pioniere den Weg 


ins neue Land, 

Viel trügerische Pfade, viel irrendes Bemühen kennzeichnet diesen Weg 
sicher auch jetzt noch, wo schon die Erfahrung von fast zwei Generationen 
hinter uns liegt. Unsäglich billig und ungerecht ist es aber besonders, den 
allerersten kühnen und einsamen Kämpen ihre „Fehler“ heute vorzurechnen! 
Sie waren Kolonisatoren. Wirft man es Columbus vor, daß er glaubte, den 
Seeweg nach Indien entdeckt zu haben? Oder wollen wir es machen wie 
seinerzeit der Reichstag, als er seinen jämmerUchen Kampf gegen C. Peters 
inszenierte? Kolonisatoren werden und können sich freilich mcht mit der 
Delikatesse bewegen, die der viel später kommende gesittete ange- 

bracht hält (sie rodeten Urwald und er flamert auf Gemem-Platzen). Sicher, 
jene Ersten waren oft einseitig, gewaltsam, voll Irrtum; waren auch mit den 
Schlacken des Alten reichlich behängen, mehr als sie selber vermeinten i). 


So ist es z. B. uns heute deutlich, daß jeder dieser Pioniere nur ein, sein 
Stück Arbeit, ein Teilproblem sah. Freud war ausschließlich den inneren Ge- 
schehnissen ^gewandt, die wesentlich beim Erwachen aus dem pflanzlich- 
schlafenden Leben ins bluthaft Animale spielen. Die Fragen des Geschlechtes 
und unserer Auseinandersetzungen mit diesem ergaben seine Sexualanalyse. 


i) Hierzu kommt dann noch, die heute mit vollem Rechte betonte Verschiedenheit 
der germanischen und der jüdischen Psychologie. Sie ergibt, wie Jung ^ ausdrückt, 
eine „persönliche Gleichung“, deren Nichtbeachtung Praxis und Theorie verfälscht. 
Nur scheint es auch ihm unangebracht, aus der Freradartigkeit eine Minderwertig- 
keit zu erschließen. 


Die Polarität, ein Grundproblem der deutschen Psychotherapie 21 

Die Krisen einer anderen „Schwelle“ beschäftigten Adler: der Übergang des 
ichbezogenen, asozialen, trieb- und dranghaften Heranwachsenden in die ord- 
nenden Verbände der Gemeinschaft, die soziale Eingliederung, das „Brechen“ 
der Natur zugunsten höherer geistiger Form. Klages, ursprünglich selbst 
Dichter und Mitarbeiter der „Blätter für die Kunst“, sah seine Aufgabe darin, 
das chtonische Leben, die ursprünglichen „unbewußt bildenden“ Kräfte des 
Seelenlandes, das tun die Jahrhundertwende entdeckt wurde, als dessen un- 
vergeßlicher Herold zu studieren. 

Die Dichter freilich hatten von all dem immer gewußt und gesungen. 
Aber, so scheint es fast, es ist ein neues Zeitalter im Anbruch, da zum ahnenden 
Schauer des Mysten und zur dichterischen Schau der Künstler das denkende Ver- 
stehen des Philosophen treten muß, damit aus Gesicht und Lehre die ^lat 
geboren werden kann. 

Gewiß: jeder dieser ersten Entdecker sah nur seinen leih Und hielt dieses 
von ihm Entdeckte für das Ganze. So wurde L. Klages der wütige Streiter 
gegen den „Geist“. So entstand Freuds Faszination durch die Sexualität, sein 
uns unerträglicher „Pansexualismus“ ; so Adlers einseitige Wertung der Ge- 
meinschaft, die uns heute viel mehr wie ein rationaler Zweckverband oder 
eine Herde anmutet, denn wie ein gewachsener Organismus. 

Gewiß, die Schlacken des Alten — gegen das sie erbittert stritten — hängen 
all diesen Pionieren sichtbar an. Denken wir beispielsweise nur daran: Kaum 
daß Freud die gewaltige Macht des Blutes und seiner zeugerisch -emp- 
fängerischen Triebe wiedergefunden, kaum daß ihn ein erster Anhauch ge- 
troffen hatte aus dessen weltengebärender und zerstörender, dunkler Macht, 
versagte sein bewußtes Verstehen. Die Geschlechtlichkeit wurde ihm, als dem 
Kinde seiner Zeit, zur einzigen Repräsentantin des Irrationalen, alles Unter- 
und überpersönlichen, des Unbegreiflichen. Freud verstand sie nicht als re- 
präsentativ, signifikant und symbolisch, sondern konkret. D. h., nicht als das 
große zeugerische Geschehen, das ewige Geheimnis, das Gleichnis kosmischen 
Wunders im Menschenschicksal — sondern als den Beischlaf des Herrn X 
mit der Frau Y. 

Und wie er damit dem konkretistischen Aftergeist seiner Zeit opferte, so 
folgte er unbewußt deren rationalistischer Verödung, indem er den Trieb des 
Blutes weiter banalisierte und verintellektualisierte. Hofft Freud doch sogar, 
das ganze Geschlechtswesen aus dem Bereich der Psychologie in das „Exakte“ 
der Physiologie dadurch herüberführen zu können, daß die „libido“ im Blut 
chemisch nachgewiesen würde 

Aber gedenken wir eines Schillerwortes: „Ich glaube, erst alsdann, wann 
man das Gute eines Dinges eingesehen hat, ist man berechtigt, das Urteil über 
das Schlimme zu sprechen.“ Die Formulierungen jener frühen Forscher sind 


T 


22 G. R. Heycr 

gewiß vielfach abwegig, ihre systematisierenden Versuche unhaltbar, ihre 
Übertreibungen geradezu wahnhaft, das Semitische in ihrer Psyche imd 
Psychologie uns wesensfremd. Und doch, schaut man hüiter die vordergründ- 
lichc Erscheinungsform, ihre zeit- und rassenbestimmte Auffassung, so wird 
auch das „Gute“ klarl 

Es ist ein beliebter Irrtum, anzunehmen, wir dächten unsere Gedanken. So 
ist es aber — wenigstens wenn es sich um wesentliche, neue Gedanken 
handelt — nicht. Sondern die Gedanken denken in uns; sie ergreifen, be- 
nutzen uns. Das „Paideuma“, die Kulturseele erlebt sich und lebt sich dar 
in uns, ihren Trägern und Werkzeugen. Der Gedanke aber, der gedacht; 
besser: die Welt- und Seelenschicht, die erlebt werden wollte in jener Zeit 
um die Jahrhundertwende, als George in München seinen Kreis schuf, als 
Klages auf Garns, Wolfskehl auf Bachofen zurückgriff, A. Schüler vom kosmo- 
gonischen Eros raunte, als C. G. Jung mit S. Freud zusammenstieß, hieß 
in der Sprache der „Chtoniker“ bezeichnenderweise „die heidnische Blut- 
leuchte“ (worüber man in den Tagebüchern der Gräfin Reventlow nachlesen 
möge). Psychologisch gesagt: das Irrationale, das Unbewußte meldete sich 
an. Es ist aber eine psychologische Tatsache, die jedermann verständlich sein 
dürfte, daß das menschliche Bewußtsein — seiner Wesensart nach sehr starr, 
konservativ, rückwärtsorientiert — immer eine gewisse Zeit braucht, ehe es 
sich auf das Neue einstellen lernt, das „von unten“, aus dem schöpferischen 
Urgrund des Unbewußten auftaucht. Das rational-begriffliche Denken wird 
immer wieder versuchen, das Neue erst einmal in die alten Formeln zu 
ordnen, zu pressen. So entstehen im Anfang immer — dem Späteren grotesk 
erscheinende — Zwitter aus vorgestern und übermorgen. Auch eine Idee 
oder eine Bewegung durchläuft ihre Kinder- und Flegeljahre. Die Idee, 
die wir bei dem ^Viederentdecker des „Blutes^^ eine — noch so unreife 
Form finden sehen, heißt: das Irrationale, das Erdgebundene. Also genau 
das, was unser ganzes Volk heute wieder erlebt und lebt. Und — ebenso- 
wenig klar verstanden und gemeistert — kündigt sich in der Lehre vom Wert 
der Gemeinschaft heute ins helle Licht des Tages Getretenes erstmalig an. 

Oben wurde schon ausgeführt, daß wie das Leben des Volkes so das des 
Einzelnen sich zwischen zwei Polen hin- und herbewegt, zwischen Ent- 
werdung aus dem Schoße kollektiver Verwurzelung und Gebundenheiten in 
bewußtes und unterschiedenes Ich — und jeweilig wieder zurück in die 
nährenden, dunklen Urgründe der „Mütter“. Wir sprachen von diesen Not- 
wendigkeiten als den Krisen der „Schwelle“; und verdeutlichten uns, daß 
Straucheln und Schwanken, Abgleiten und Irren häufig den Führer ver- 
langen. Greifen wir wieder Freud und Adler heraus, so wird deutlich, daß 
jeder von diesen eine „Schwelle“ sah und deren Probleme bearbeitete; 


Die Polarität, ein Grundproblem der deutschen Psychotherapie 23 

Freuds ganzes Interesse gehört der Verknüpfung mit dem Unbewußten (das 
er den Trieb nennt; s. o.), Adlers Interesse umgekehrt denjenigen inneren Ge- 
schehnissen, die das Ich dem Dumpf-Triebhaften entgegenstellen und ent- 
reißen. Freilich: keiner von beiden erkennt, daß er von den vielen Kapiteln 
des Lebensromans nur eines herausgreift, sondern jeder hält diesen seinen 
Abschnitt für das ganze Buch, was zwar verständlich ist, aber nicht hindern 
kann, daß dieser Anspruch auf energische Ablehnung stößt. Denn wenn die 
Beschränkung auf nur einen FLxationspunkt auch für das Gesehene besonders 
scharfsichtig macht, so geht die Verletzung des Polaritätsgesetzes doch gegen 
die Natur des Lebens und beleidigt den natursichtigen Instinkt. 

Wir haben bereits erwähnt, daß die Einseitigkeit dieser früheren Lösungs- 
versuche überwunden ist — durch die „komplexe Psychologie” C. G. Jungs. 
Er ist über das Entweder-Oder — sei es von Geist und Seele oder von Be- 
wußtem und Unbewußtem oder von Ich und Wir — hinausgewachsen. Wie 
er in seiner Typenlehre die beiden Menschheitstypen, den nach Außen und 
den nach Innen Gewandten — im Gegensatz zur Sexual- und zur Individual- 
psychologie — polar mid gleich berechtigt einstellt, so weiß seine Lehre auch, 
daß wir „Wanderer zwischen zwei Welten“ Himmel und Erde gleichermaßen 
in uns tragen. Bewußtes und Unbewußtes, Ich und Wir, Geist und Seele. 
Er müht sich um die große Kunst zu wissen und aufzuzeigen, wann und wieviel 
es jeweilig gilt, dem „Kaiser“ zu geben, was des Kaisers und „Gott“ waa 
Gottes ist! 

So sind die früheren teilhaften Lösungen in Jungs Werk — im wahrsten 
Sinne des Wortes — „aufgehoben“. Eine meisterliche Seelenlehre ist ge- 
schaffen, meisterliche Seelenführung ermöglicht! Diese freilich — das sei 
ausdrücklich betont! — tvird Keiner mit allem Wissen, allem Verstand, aller 
Routine erlernen können. Sondern, wie schon das Annehmen der ago- 
nalen Polarität des inneren Seins eine durchaus heroische Haltung verlangt, 
so ist Jimgs gesamte Lehre keine intellektuelle Tatsache, sondern bedeutet eine 
ethische Forderung. Ihr gehört man nicht an wie einem Verein oder durch 
Befolgung ihrer Vorschriften, sondern letztlich durch innere Arbeit an sich 
selbst, durch eigenes Sein. Das Bild eines Führers verkörpert er zweifellos 
im höchsten Maße — erdhaft gefesteter und vom Geiste erleuchteter Mann — ; 
ein Führer, der nicht die bequeme Herde will, sondern der, in jedem nach 
seinem Maße, durch sein Bild die Verantwortlichkeit in der eigenen Brust 
wecken möchte. Weit über Neurosenlehre und Krankheitsheilung wächst dies 
Werk und führt hinein in die großen deutschen Fragen seelisch-leiblichen 
Wesens, Werdens, Wandeins imd Wirkens. 


24 


W. M. Kranefeldt 


W. M. KRANEFELDT: 

FREUD UND JUNG 

„Religion, Kunst, spekulative Philosophie gehören in eine Gruppe und 
stehen alle drei mi t ihrem Streben nach dem Absoluten der schlechthin 
nur relativistischen Wissenschaft gegenüber. Nur diese hat einen ob- 
jektiven, jene haben einen subjektiven Charakter.“ Diese 
beider Sätze stehen im biographischen Vorwort zu F. A. Langes „Geschichte 
des Materialismus“. Man kamt den materialistischen Charakter des 19. Jahr- 
hunderts in Kürze nicht besser charakterisieren, als mit diesen beiden — 
philosophisch völlig schiefen und naiven Sätzen. Eine naive Verhimmelung 
des „Objektiven“ imd die wissenschaftliche Nichtswürdigkeit des „Subjek- 
tiven“ wollen sie ausdrücken. Zwar muß sie dem „Subjektiven“ ein „Streben 
nach dem Absoluten“ zuerkennen, aber was bedeutet das dem Materialisten, 
dessen relativistische Wissenschaft ein Absolutes nicht nachweist! Was 
Wunder, daß er sich wie ein Rasender in die Welt der „Relationen“ stürzen 
muß, um sich selbst, das Subjekt, zu vergessen! Es ist sein Schicksal und seine 
historische Aufgabe, dieses Vergessen seiner selbst. Denn nachdem alle seine 
Energien ans Objektive abgegeben worden sind, steht er selbst, steht das Sub- 
jekt wirklich kahl Tmd abstrahiert da, gewissermaßen auswechselbar und 
nichtssagend — quod erat demonstrandum ! 

Kein Wimder, daß diese Zeit auch in der Psychologie vor lauter „Objekt“ 
die Psyche vergaß und dann noch stolz war, sie nirgendwo nachgewiesen zu 
haben. F. A. Lange hat beispielsweise eine „Grundlegung der mathematischen 
Psychologie“ geschrieben. 

Es ist unmöglich, diesen Charakter des vergangenen Jahrhunderts nicht zu 
erwähnen, wenn man Freud und Jung einander gegenüberstellen soll. Was 
haben beide miteinander zu tun? Heute ist man versucht zu sagen: gar 
nichts. Wenn sie aber geistesgeschichtlich miteinander zu tun haben, so be- 
rühren sie sich im „19. Jahrhundert“. Freud ist völüg ein Kind dieser 
Epoche, Jung hat ihr einen Tribut entrichtet. Und dieser Tribut ist die Ur- 
sache, daß es ein Thema „Freud und Jung“ überhaupt gibt. Das Jahr 1856 
ist das Geburtsjahr Freuds, 1875 ist Jung geboren. 

Freud hat sich zwar nicht der Mathematik verschrieben, sondern er denkt 
in Chemie und Soziologie. Dafür aber ist sein Verfahren auch um vieles wirk- 
samer imd gefährlicher, als das mathematische Theoretisieren des strebsamen 
Lange. Freuds Verfahren hat praktisch tatsächlich in weitem Umfange die 
Wirkung gehabt, das „Streben nach dem Absoluten“ als „subjektiv“ zu dis- 
kreditieren und in Sexual-Chemie und Famihen-Soziologie aufzulösen. 


Freud und Jung 


25 


Diese Wirkung äußerte sich bekanntlich anfangs als empörte Ablehnung, 
dann aber als ein heilsames Aufräumen mit falschen oder längst hohl ge- 
wordenen Idealen des vergangenen Jahrhunderts, um schließlich umzuschlagen 
in eine maßlose Überschätzung und einen blinden Glauben an die „Wahrheit 
der Psychoanalyse, der sich von unserm allgemein gewordenen Glauben an 
die „Wissenschaft“ nährt. Und wo dieser Glaube heute noch lebt, da ist 
19. Jahrhundert noch mitten unter uns. 

Der Materialismus hat sich anders orientiert als alle großen Denker der 
Menschheit, angefangen von Buddha und Plato bis zu Jung. Er war so 
zeitgemäß, seine relativistische Wissenschaft für „objektiv“ zu erklären 
und glaubte ernstlich, mit diesem Mittel das bloß „Subjektive“ samt seinem 
„unwissenschaftlichen“ Absoluten einmal endgültig zu überwinden. Daß dies 
in der Tat das Wesen materialistischer Weltauffassung ist, erhellt gerade aus 
dem Freudschen Werk. Denn hier finden sich dieselben Begriffe der materiali- 
stischen Position wieder — wenn auch mit andern Wörtern bezeichnet, so 
doch gerade deswegen mit naiver Offenheit jene Bewertung bestätigend, die 
wir ihnen hier gegeben haben. Die Offenheit erklärt sich einfach daraus, daß 
Freud Arzt ist und sein Leben lang von der Voraussetzung ausging, man könne 
mit dieser Weltauffassung Kranke heilen. Das „Objektive“ des Materialismus 
ist bei Freud die „Realität“, zu welcher der Kranke erzogen werden muß. 
Krank, d. h. „neurotisch“ ist er, weil er „subjektiv“ geblieben ist und womöglich 
in der „Illusion“ eines Absoluten hängt. Die Freudsche Psychoanalyse 
ist das Mittel, die „Illusionen“ zu zerstören, wo sie anfangen unhygienisch 
zu werden, sie ist das Mittel das Subjektive ans Objektive anzupassen. Deim 
das Subjektive ist etwas V orläufiges, das sich zum Objektiven, zur 
„Realität“, noch nicht durchgerungen hat. Daß dieses Subjektive nicht nur 
„schlechtes Objektives“ war, sondern auch den Keim der Seele enthielt, über- 
sah Freud — und mußte es übersehen, da er sich seiner materiahstischen 
Voraussetzungen niemals als eines Problems bewußt geworden ist. Zudem 
setzte sein praktisches Verfahren stets in der Psychologie des einzelnen an, 
von denen naturgemäß nur die wenigsten der so auf sie eindringenden Pro- 
blematikgewachsenwaren. Die Patienten ließen sich einfach (von der „Wissen- 
schaft“!) führen. Wieviele von ihnen hätten noch etwas „seelisch“ sehen 
können, nachdem ihnen eine unseelische Sehweise systematisch gelehrt worden 
war! Die seelischen Voraussetzungen sind ja in der Psychoanalyse selbst 
eigentlich gar nicht vorhanden, sondern stecken in der Materia, aus der Freud 
gekommen ist: dem Materialismus des 19. Jahrhunderts. Wessen Bewußtsein 
nicht mindestens bis dorthin zurückreicht, wird die „Seele“ des Freudianismus 
schwerlich entdecken. Wer sich, wie Freud, ernsthaft darüber zu verwundern 
vermöchte, daß „ . . . eine bestimmte (dieser) Berührung(en), die der beider- 


26 


W. M. Kranefeldt 


zeitigen Lippenschleimhaut, als Kuß — einen hohen . . . Wert erhalten hat, 
obwohl die dabei in Betracht kommenden Körperteile nicht dem Geschlechts- 
apparat angehören, sondern den Eingang zum Verdauungskanal bilden“ — 
was könnte dem eine Auffassung bedeuten, die etwa sagte, es handle sich — 
ob Berührung oder nicht — um einen Austausch oder Aushauch der Seele? 
Es könnte ihm kaum etwas anderes bedeuten, als ein „unwissenschaftliches“ 
Gerede, eine gefühlvoll-unverständliche Geheimniskrämerei, die „aufgeklärt“ 
werden müsse mit dem Eigentlichen: mit dem Faktum, der Sache 
selbst, dem „Objektive n“. (In diesem Fall : das Faktmn der Berührung 
von Schleimhäuten — und zwar nicht von „Ersatz“-Schleimhäuten des Ver- 
dauungskanals ) 

Die Psychoanalyse Freuds und die Analytische Psychologie Jungs sind beide 
entstanden an Hand von ärztlicher Beobachtung und Behandlung seelischer 
Zustände. Insofern sind sie zunächst frei von jenen „weltanschaulichen Mo- 
menten“ in religiösem oder philosophischem Sinne, mit denen sonst die Sorge 
um den inneren IVIenschen verbunden zu sein pflegt. Wenn man sagen wollte, 
daß sowohl Freud wie Jung die weltanschauliche Frage außerhalb der Dis- 
kussion lassen, so muß man sofort hinzufügen, daß es in beiden Fällen aus 
ganz verschiedenen Gründen und in ganz verschiedener Weise geschieht. Bei 
Freud steht sie außer Diskussion, weil ihm jene „wissenschaftlich-konkrete“ 
Auffassung der Welt selbstverständlich erscheint — bei Jung steht sie in- 
sofern außer Diskussion, als sie der einzelne Mensch seinen Voraussetzxmgen 
gemäß aus sich selber entwickeln muß, wenn „Welt“ und „Seele“ jene 
Einheit ergeben sollen, die einer völlig entfalteten Psyche entspricht. Zu dieser 
völligen oder völligeren Anschauung seiner selbst und damit der Welt will 
eben die Jungsche Psychologie das Mittel sein. 

Aus dieser Gegenüberstellung können wir bereits ersehen, daß Freud und 
Jung sich in ganz verschiedener Richtung bewegen. Freuds Analyse bewegt 
sich in der Richtung aufs allgemein-gültig „Wissenschaftliche“ hin und inso- 
fern vom Seelischen fort nach dem Faktum der Oberfläche hin — Jung 
bleibt an keiner Oberfläche hängen, er fragt nach der Bedeutung der 
Tiefe, aus welcher jede Oberfläche ihren Gehalt gewinnt. Deshalb fragt 
Jung auch nicht, ob eine Theorie bestätigt wird, sondern ob etwas wirkt. 

Die „Weltanschauimg“ bei Jung bleibt also eine stets vorhandene, immer 
tiefer erfaßbare Aufgabe, die Weltanschauung des Freudianismus ist dagegen 
in dem Sinne unbewußt, daß sie unbezweifelt und unbezweifelbar überall 
vorausgesetzt ist. Das Problem ist nur, wie beugt sich der einzelne dieser 
Voraussetzung. Denn wenn Zweifel auftreten bei Freud, so beziehen sie sich 


') Sigm. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 


Freud und Jung 


27 


nur auf die — zugegebene — Unvollständigkeit unserer (wissenschaftlichen) 
Welterfassung, niemals aber auf den Weg, der vielmehr auch in Hinsicht 
auf das seelische Wissen als der einzig sachgemäße und modernen An- 
sprüchen gerechte mit äußerer Toleranz aber innerem Starrsinn gegangen 
wird. Seelisches Wissen und das äußere Wissen um die Welt sind bei Freud 
identisch. Bei Freud fehlt dalier vollständig die Mögliclikeit, den sym- 
bolischen Aspekt äußerer Weltansichten zu sehen — ihren seelischen 
Charakter, ihre Bildliaftigkeit und ihre Innenseite 1 Die Einigung von Seele 
und Welt vollzieht sich bei ihm in der Weise, daß die Seele endlicli klein 

beigibt wobei der Freudianismus darüber hinweg sieht, daß in einer 

solchen „Einung“ die Seele nur latent wird, nur scheinbar verschwindet, in 
Wirklichkeit aber unbewußt gegenwärtig ist und deshalb, wenn sie 
nicht gerade verkümmert, auch unabsehbare Konsequenzen in sich birgt. 

Denn die Seele ist geblieben, was sie war — oder als was^ sie zuerst ins 
ärztliche Blickfeld trat: ein autonomer Komplex, der sich nm’ deswegen nicht 
mehr ohne weiteres bemerkbar machen kann, weil ihn die psychoanal}i;ische 
Auffassung entwertet und daiui luftdicht abschließt. Diese Entwer- 
tiuig der unbewußten Vorgänge bei Freud ist naturwissenschaftlich-ärzt- 
liches Vorurteil. Unter diesem Vorurteil wird ihm alles persönlich Seelische 
zu etw'as Vorläufigem, das gerade gut genug erscheint, der Psychoanalyse als 
Objekt ihrer Tätigkeit zu dienen; mit dem sich im übrigen aber nichts an- 
fangen läßt. Freud scheint ehrlich überzeugt zu sein, daß die Menschheit dank 
der Psychoanalyse in Zukunft einmal ganz davon befreit wird. Der technische 
Kniff, mit dem dies zustande gebracht werden soll, liegt im wesentlichen in 
der Aufhebung jener „Verdrängung“, mit der man vor Entdeckung der 
Psychoanalyse sich „seelischer Vorläufigkeiten“ zu entledigen versuchte. Die 
Lehre von der Verdrängung nimmt daher einen Hauptteil im Freudianismus 
ein. Der Verdrängungsgedanke steht am Eingang zur Psychoanalyse, am Ein- 
gang der psychoanalytischen „Entdeckung“ der Sexualität. Freud hat mit 
unerschütterter Konsequenz sein ganzes Leben liindurch die damit gefundene 
Auffassung festgehalten und immer wieder zu stützen gesucht. Eis ist daher 
w^ohl erlaubt, ihn selbst als ein Beispiel zu nehmen, wenn man wissen will, 
welche Erkenntnisse eine konsequente Durchführimg der Lehre von der Auf- 
hebung der Verdrängung wohl vermittelt. Theoretisch ist nun die Frucht 
dieses Lebens offenbar das Gebäude der Psychoanalyse selbst — praktisch 
wird man dagegen eine Antwort erwarten dürfen aus denjenigen Stellen des 
theoretischen Werkes, in denen nicht nur technische Anweisimgen und be- 
griffliche Abstraktionen gegeben werden, sondern lebendige Substanz. Da 
scheint mm die Aufhebung der Verdrängung verheerend gewirkt zu haben. 
„Wollen Sie mehr über die Weiblichkeit wissen“, sagt Freud in seinem letzten 


28 


W. M. Kranefeldt 


Buch, am Ende eines Kapitels, das er „Die Weiblichkeit“ überschreibt, „so 
befragen Sie ihre eigenen Lebenserfahrungen, oder Sie wenden sich an die 
Dichter, oder Sie warten (!), bis die Wissenschaft Ihnen tiefere und besser 
zusammenhängende Auskünfte geben kann. ^)“ 

Weshalb diese Vertröstung? — Ein Psychologe könnte hier beinaiie denken, 
Freuds eigene Lebenserfahrungen seien zu nichtssagend . . . Wieso müßte er 
uns sonst an unsere eigenen verweisen? Damit wir ihm aber nicht ganz davon- 
laufen, ruft er uns noch nach: „Vergessen Sie aber nicht, daß wir das Weib 
nur insofern beschrieben haben, als sein Wesen durch seine Sexualfunktion 
bestimmt wird. Dieser Einfluß geht sehr weit, aber wir behalten im Auge, 
daß die einzelne Frau auch sonst ein menschliches Wesen sein mag“ (1. c.). 
An die Dichter sollen wir ims wenden? — Seit es die Psychoanalyse gab, 
wandten sich viele, die sich Dichter glauben, ihrerseits an die Psychoanalyse! 
Diese „Dichter“ können also nicht gemeint sein. Aber der Rat ist überhaupt 
nicht ernst gemeint, denn Freuds wahre Ansicht über diesen Punkt ist einige 
hundert Seiten später zu lesen. Da heißt es: „Die Kunst ist fast immer harm- 
los und wohltätig, sie will nichts anderes sein, als 1 1 1 u s i o n.“ D. h. sie ist 
eben nicht „Wissenschaft“, nicht „Faktum“, wie etwa die Sexual-Funktion. 
Wohltätiger Shakespeare! Harmloser Dante! — Man wird wohl sagen müssen, 
daß diese Auffassung von Kunst die genaue Parallele ist zu jener von der 
„Weiblichkeit“. Auch hier fehlt offensichtlich jede Erfahrung, übrig 
bleibt nur eine Meinung — doxa würde Plato sagen — im Gegensatz zu 
episteme, das Wissen bedeutet imd das eben nur aus der Lebenserfahrung 
geboren wird^). Dennoch sind wir an die Dichter gewiesen und der Rat ist 
nicht schlecht. Denn genau wie mit dem Leben macht auch mit den Dichtern 
jeder seine eigenen („subjektiven“) Erfahrungen. Manchmal 
sind sie harmlos und wo sie es nicht sind, wo das Leben und die „Illusionen“ 
nicht unbedingt einwandfrei (wohltätig!) sind, da gibt’s das Refugium der 
Psychoanalyse, die einen davor bewahrt, eigene Erfahrungen zu machen und 
zugleich liberal genug ist zu erklären: „wenn Sie mehr wissen wollen, be- 
fragen Sie die Lebenserfahrungen — wenn Sie aber ebensowenig mit 
dem Leben und der Kunst anfangen können, ^vie wir, dann schließen Sie sich uns 
an, warten Sie mit uns bis die Wissenschaft tiefere und besser zusammen- 
hängende Auskunft geben kann.“ — Alle Lebensvorsicht und Ängstlichkeit 
wartet bis das unbedingt sicher wirkende Desinfiziens gegen den Schimmel- 
pilz des Lebens entdeckt worden ist! 

In dem Buch von Rudolf Thiel „Die Generation ohne Männer“ (1932, 
Paul Neff Verlag, Berlin), steht im Kapitel über Freud der Satz: „Man darf 

^) (S. 188, Freud. Vorl. Neue Folge.) 

®) Wie sonderbar, daß gerade doxa heute wissenschaftliche Reputation genießt! 


29 


Freud und Jung 

aus verschiedenen Zeugnissen schließen, daß der junge Mediziner Sigmund 
Freud von den Möglichkeiten menschlichen Geschlechtslebens eine sehr unvo 
kommene Vorstellung besaß.“ Dieser Satz ist richtig im weitesten Sinnenden 
man ihm unterlegen kann. Er gilt nicht nur für den jungen, sondern auch für 
den alten „Mediziner“ noch im transponierten Sinne. Auch im alten Freud, 
der uns so naiv und professorenhaft auf unsere eigenen Lebenserfahrungen 
verweist, steckt noch der junge Arzt von damals, der die seit vielen, Jahren 
verwitwete 40 jährige Frau Enamy v. N.i) zweimal täglich am ganzen Körper 
massiert und sie daran anschließend ihre „psychischen Traumen aus der 
Kindheit erzählen läßt, um theoretisdien Voraussetzungen zu genügen. Auch 
die Witwe hat gewartet — und zwar auf einen Menschen, nicht auf eine neue 
Theorie und deshalb umsonst . . . 

All das ist Stil des 19. Jahrhunderts! Die „Vorläufigkeit“ des Lebendigen, die 
der Fortschrittsidee dieser Zeit unbewußt parallel geht, ist ein Hauptfaktor auch 
im Freudschen Unbewußten. Noch ganz praktisch wirklich, daß es theo- 
retisch überhaupt nicht erwähnt wird, nicht erwähnt werden kann. Das 
psychologische Kernstück der Freudschen Schriften ist sozusagen die Recht- 
fertigung dieser gefährlichen Vorläufigkeit. Sie bleibt unbewußt noch bis 
zum oben zitierten Satz seines Alters, der dem „Weibe“ jenen dürren Kranz 
windet, der die Bankrotterklärung ans Leben bedeutet. 

Es ist der weltanschauliche Materialismus, der in Freud zu Ende geht, in dem 
er sich psychologisch selbst kastriert hat. Die Kastration des subjektiven 
Lebens zugunsten objektiver „Wissenschaft“ ist das Endergebnis der Auf- 
hebung der „Verdrängung“. Das Eine ist gewollt — das Andere ge- 
schieht! 

Die auffällige Wichtigkeit, die Freud seinem kleinen „Kastrationskomplex 
der Kinderstube beimißt, bedeutet eben, daß die „Liebe zur Mutter“, d. h. 
das Leben mit dem Unbewußten aus Angst vor dem Vater nicht gelebt wird. 
Aus Angst vor dem „Faktum“. Das eigene, subjektive, unbewußte Leben, 
die „Mutter“ wird zerpflückt, tun dem Willen des Vaters zu gehorsamen. 
Um keinen „Tatbestand“ zu setzen! Dieser Vater ist unersättlich: er wird 
des Sohnes eigene Erfahrungen und damit dessen Seele auffressen. Denn um 
den nicht endenden Ansprüchen dieses furchtbaren Vaters zu entkommen, 
hat sich der Sohn die „Aufhebung der Verdrängung“ ausgedacht, ein Mittel, 
das die Fülle des erfahrbaren Lebens zu einem voraus zu bestimmenden Fak- 
tum bajnalisiert. _ 

Kein Wunder, daß ein Vater, der solches zustande bringen kann, Gott 
selbst zu sein scheint! In der Theorie wird dieses Verhältnis freilich gerade 


1) Siehe Breuer-Freud, Studien über Hysterie. 


30 


W. M. Kranefeldt 


umgekehrt. Freud lehrt, daß das, was die andern Leute Gott nennen, de: 
facto der Papa von früher sei: — um wegzuerklären von der 
grausigen Tatsache, daß ihm eine andere Erfahrung 
nicht mehr geglückt ist. Ob man sagt, der Papa ist Gott oder „Gk)tt 
ist bloß der Papa“ kommt psychologisch auf dasselbe heraus: ich habe nur 
die eine Erfahrung im Leben gemacht, meinen Vater! Das ist auch das 
psychologisch einzig wichtige an dieser Psychologie ohne Psyche (ohne Seele, 
ohne Frau, ohne Leben, ohne — Subjekt), daß sie aufgehängt bleibt, ein 
titanischer — oder titanoider? — Kastrationskomplex zwischen einem 
Himmel, dessen Namen sind: Vater-Realität-\Vissenschaft-„normales“ 
Sexualfaktum — und einer Erde, deren Name ist: Neurose. 

Dieses Elternpaar, dieser Himmel und diese Erde können wahrhaftig 
nur zwei Arten von Nachkommen zeugen, entweder Psychoanalytiker oder 
Neurosenfälle — keine Menschen. „Psychoanalytiker“ als das Endprodukt — 
kastrierte Sohne — , „Neurotiker“ als das Vorläufige — die Weiblichkeit — 
das dereinst einmal dank der Psychoanalyse verschwinden soll. Dann wird 
der „Himmel“ auf Erden sein. Dann wird nur noch eine Herde und ein 
Hirte sein, d. h. : jeder Mensch wird, gleich Freud, sein Leben im Kastrations- 
komplex zum Trocknen aufgehängt haben. Damit wären die weltanschaulichen 
Voraussetzungen der Psychoanalyse — nicht mehr materialistische An- 
schauung der Welt, sondern die Welt selber geworden. 

Die seelische Exterritorialität des „Vaters“, unter deren Druck der Freudi- 
anismus seufzt, ist bekanntlich nicht nur das psychologische Problem eines 
einzelnen Menschen. Es wäre viel zu eng, Freud selbst dafür verantwortlich 
zu machen und diesen tragischen Biß in der Seele aus seinem persönlichen Leben 
zu deduzieren. Man könnte sich höchstens darüber wundern, wienoch einPsycho- 
loge glauben kann, dieser Riß ließe sich mit bloßer Konsequenz zudecken. 
Darüber hinaus ist aber dieses Verhältnis zum Vater eine allgemein 
menschliche Möglichkeit, die auch heute noch weit verbreitet ist, wie der 
Anklang zeigt, den die Freudsche Arbeit gefunden hat. Freud spricht zwar 
selbst von einer „normalen Erledigung des Oedipus -Komplexes, der nicht 
einfach verdrängt, sondern . . . zerstört wird“^" (Neue Vorlesg. z. Einführung, 
S. 126), scheint aber damit nicht zu meinen, daß dieser „wünschenswerte 
Fall“, wie er es nennt, doch längst historisch schon eingetreten ist. Das „Ich 
und der Vater sind eins“ hat ja diese „Zerstörung“, d. h. die Überbrückimg 
des rational unlösbaren Problems für einen Großteil der Menschheit zustande 
gebracht und es längst bewältigt, bevor es in der psychologisch gefärbten 
Form diejenigen beunruhigen konnte, die den lebendigen Zugang zu ihrem 
Inneren inzwischen wieder verloren hatten. Und was den Schöpfer dieser 
neuen Formulierung jenes alten Problems selbst betrifft, so scheint er über 


Freud und Jung 


31 


der Mühe um die wissenschaftliche Ausdeutung bzw. Entdeckung seiner Lage 
ganz vergessen zu haben, daß nicht die untadelige Beschreibung der Situation, 
sondern ihre innere Überwindung das Ziel der Seele gewesen wäre. 

Wii dürfen heute hinzufügen: es ist das Ziel der Seele des 19. Jahrhimderts 
gewesen, deren psychologisches Resume zu schaffen Freuds historische Auf- 
gabe war. Ihm selbst aber ist es deswegen nicht vergönnt gewesen, jenes 
innere Ziel zu finden. Es ist ihm in der Psychoanalyse mit der Seele selbst 
untergegangen. 

Die treue Erfüllung dieser überpersönlichen Aufgabe konnte im persönlichen 
Bereich nur eine äußere Ordnung ermöglichen. \'7ie die äußere Ordnung bei 
Freud auch einziges Kriterium für den Erfolg der praktischen Behandlung 
bleibt, so kennt seine ganze Problemstellung keine andere Frage. ' Und seine 
letzte Veröffentlichimg atmet eine Wiener-Alte-Herren-Gemütlichkeit, die 
einen heutzutage fast mit Neid erfüllen könnte — wäre man nur sicher, nicht 
für dauernd in ihr leben zu müssen I „Meine Damen und Herren! Nun sind 
Sie gewiß froh, daß Sie nichts mehr über die Angst anzuhören brauchen. 
Aber Sie haben nichts davon, es kommt nichts besseres nach“ (I. c. S. 124). 
Am traulichen Kaminfeuer, vor den Stürmen des Lebens geschützt, passieren 
so in aller Ruhe die Gedanken der „Psychoanalyse“ noch einmal Revue — , 
wie schön, daß sie sich alle haben „halten lassen“! — dazu wird ein mehreres 
über Okkultismus, über Marx und Alfred Adler geplaudert und was das Leben 
sonst an Interessantem bietet oder geboten hat — nur e i n Name muß uner- 
wähnt bleiben. Dieser Name hat zwar im vergangenen Leben einmal die 
größte Rolle gespielt, es ist der Name des Mannes, der gerade die Psycho- 
analyse am reichsten befruchtet hat oder befruchten hätte können, denn er 
hat abseits von ihr, unser Wissen von der Seele geschaffen. Und 
mindestens an einer seiner Ideen kann man nicht vorbei: das Wort „Kom- 
plex“ ist nicht zu umgehen — dennoch Avird dieser eine in den Abgrund der 
Vergessenheit versenkt — : sein Name ist Jung. 

Warum wird er vergessen oder verdrängt? Die Antwort ist: sein Name be- 
deutet „Seele“, bedeutet das „Subjektive“, das „UnbcAvußte“ in jener 
lebendigen Wirklichkeit, die zu negieren Freuds ganze Lebensarbeit gerade 
.beabsichtigt. 

Im Goethe-Jahr 1932 hat man Freuds Büste im Frankfurter Goethe-Haus 
aufgestellt. Seltsames Mißverständnis ! i) Ein ungleicheres Paar ist nicht zu 
denken, als Goethe und Freud — ein kongenialeres nicht als Goethe und Jung. 
Beide reichen in die .Jahrhunderte zurück, wissen „von 3000 .Jahren Rechen- 
schaft zu geben“ — Freuds Problematik reicht über das 19. .Jahrhundert 


0 Oder war es Falsclunünzerci? 


32 


W. M. Kranefeldt 


nicht hinaus und selbst sein „Ur-Vater‘‘ scheint aus einem Museum zu 
stammen. Man könnte wohl Freud etwa zurufen: „Die Geisterwelt ist nicht 
verschlossen, Dein Sinn ist zu, Dein Herz ist tot!‘‘ wo er doch — ein Wagner' 
bei Faust — die große Chance tragisch versäumen mußte, die» er einmal ge- 
habt hat — Jung!? 

Wenn für Freud gilt: „Mein einziges Erlebnis war der Vater“, so wird man 
Jung nur verstehen, wenn man das Erlebnis des Unbewußten in den Mittel- 
punkt stellt und weiß, was mit diesem dunkeln Wort gemeint ist. Hinter 
jedem einmaligen Vater steht das ewige Bild des Vaters und hinter der vor- 
übergehenden Erscheinimg der persönlichen Mutter die magische Figur der 
Mutter schlechthin. Diese Archetypen der Kollektiv-Seele, deren 
Macht in unsterblichen Werken der Kunst und in feurigen Glaubensformeln 
der Religion verherrlicht sind, sind auch die Mächte, die die vorbewußte 
Seele des Kindes beherrschen und durch ihre Projektion den menschlichen 
Eltern eine oft ans Ungeheuerliche streifende Faszination verleihen. Daraus 
entsteht auch jene falsche Ätiologie der Neurosen, die bei Freud zum System 
erstarrt ist — : der „Oedipuskomplex“. Diese Projektion hat die Psycho- 
analyse nicht wahrgenommen, Freud ist ihr unbewußtes Opfer geworden. 

Jung ist von dem Erlebnis des Unbewußten ausgegangen (nicht von Freud, 
wie man gewöhnlich sagen hört). Es ist ihm zuerst entgegengetreten in der 
Form des „hysterischen Somnambulismus“ eines jungen Mädchens, eines 
„Mediums“. Das Geisterspiel der unbewußten Figuren, das in den damals 
veranstalteten Seancen das Interesse eines Kreises von Menschen anzog, bot 
Jung den ersten Einblick in die „Wandlungen der Libido“: er erkannte die 
positiven „Geister“ als Vorwegnahmen der zu entwickelnden Persönlichkeit 
des jungen Mädchens, die negativen aber als Versuche, getvdsse Charakter- 
eigenschaften auszuscheiden. 

Diese Beobachtungen fallen noch in Jungs Baseler Studentenzeit. Während 
der dann folgenden Dozenten-Tätigkeit an der Universität Zürich entstehen 
die „Diagnostischen Assoziations-Studien“. In dieser Zeit färbt sich der Be- 
griff des Unbewußten dank dem medizinischen Milieu mehr naturwissen- 
schaftlich. Der Begriff des , „gefühlsbetonten Komplexes“ wird geprägt und 
in den „Studien“ durchgeführt. In diese Jahre fällt auch die Berührung mit 
Freud Die Züricher Klinik unter Bleuler und Jung ist die erste, die den 
Wert der damals noch offiziell verpönten Ideen erkannte. Die psychischen 
Analysen der Studien sind Muster an Präzision und Zielgerichtetheit. 

Aber noch steht die Überwindung dieser vorwiegend beobachtenden und 
im üblichen Sinne „wissenschaftlichen“ Periode bevor. Sie kann nicht er- 
folgen, bevor nicht die in jeder Hinsicht zu eng werdenden Verhältnisse der 
psychiatrischen Klinik der Vergangenheit angehören. 


Freud und Jung 


33 


Erst dann entsteht das Werk, das den eigentlichen Durchbruch bezeichnet, 
die „Wandlungen und Symbole der Libido“. Es ist der Durchbruch ins Land 
der Seele. Eine Zeit eruptiver schöpferischer Tätigkeit, an psychischer 
Intensität vergleichbar der Entstehung von Nietzsches Zarathustra! Das Buch 
ist eine gewaltige Zusammenschau menschlicher Schicksalsbedingtheit, an- 
knüpfend an die Phantasien einer Jung völlig unbekannten Amerikanerin, 
deren Psychologie sich auf eine Weise enthüllt, die die 'Bewunderung des 
amerikanischen Arztes erregt, der die Dame behandelt. Es reizt mich, aus 
dein Buche den Satz zu zitieren, der gleichsam die Übergangsstelle berülirt. 
an der die Seele als Tatsache auftaucht, die äußerer Wahrnehmung 
überlegen sein muß. Die Stelle steht in der deutschen Ausgabe charakte- 
ristischerweise in einer Anmerkung (S. 225). Sie lautet: 

5i Daher ist die reale Wahrheit das relativ universell Gültige, die psycho- 

logische Wahrheit dagegen ein bloß funktionelles Phänomen innerhalb einer mensch- 
lichen Kulturepoche. So will es dem bescheideneren Standpunkt des Empirikers 
heute scheinen. Gelänge es hingegen auf einem mir unbekannten 
und unerwarteten Wege, das Psychologische seines Charakters eines bio- 
logischen Epiphäiiomens zu entkleiden , so wäre die psychologische Wahrheit in 

die reale Wahrheit aufzulösen oder vielmehr umgekehrt, da dann das Psychologisch© 
hinsichtlich der endgültigen Theorie einen größeren AVert, seiner Unmittel- 
barkeit w'egen, beanspruchen müßte.“ 

Während diese Sätze noch gewisse Zweifel erkennen lassen, ist der Übertritt 
zur „unmittelbaren Realität der Seele“ tatsächlich bereits vollzogen. Das 
Buch selber ist der „unbekannte und unerwartete AVeg“, auf idem das Ge- 
heimnis der Auflösung der „realen Wahrheit“ in die psychische Unmittelbar- 
keit Ereignis wird. Die mythischen Parallelen zur Phantasiew'elt der Miß 
Miller sind die Inhalte des „Kollektiven Unbewußten“, die ewigen Abbilder 
der Libido-Bewegung, in denen das Leben der Seele oder der „natürliclie 
Geist“ in uns Gestalt gewinnt. Der unbekannte Weg ist das Erlebnis des 
Unbewußten in mir selbst: das Unbewußte als Ur-Erfahrung — nicht 
als theoretisches Abstraktum. „Die Mütter sind’s . . .“, nicht dürre Brocken 
einer Theorie, mit denen nur diejenigen abgespeist werden, die „nur hören 
wollen, was sie schon gehört“, wie’s im Faust heißt — die sich' also nur im 
Bewußtseins-Zirkel herumdrehen, woran auch das Wort „unbewußt“ nichts 
ändert, weil das Unbewußte als Erfahrung sich nur denen öffnet, die 
das eigene Erleben nicht fürchten. Nur denen, die das „Subjektive“ zu leben 
^’erstehen. Das erlebte Unbewußte führt nämlich in das Reich des 
eigenen Geistes, nicht bloß in einen abstrakten Gleichheitsgedanken, der sich 
vor jeder Änderung der Hautfarben oder der Zeitstimmung schon als Chimäre 
erweist. Und als Jung vor einigen Jahren die große Bestätigung seines Wissens 

Zentralblatt für Psychotherapie VlI. 3 


34 


W. M. Kranefeldt 


und Schauens aus dem östlichen Geistesgut erhielt i), da konnte er mit Recht 
sagen : „ . . . mir hat die Tiefe der Seele, welche die Erde umspannt, ein Bild 
her>'orgebracht, das die seelische Kultur des Ostens auch erschaut hat.‘‘ 

Aus dieser Tiefe entstanden ist bereits sein zweites Hauptwerk, die „Psycho- 
logischen Typen“ (1921). Das Bild, das ihm zugrunde liegt, entspricht prin- 
zipiell der unbewußten kosmogonischen Skizze jener ersten Patientin, von 
deren Auffassimg Jung seinerzeit nicht einmal alles mitgeteilt hatte, weil es 
ihm damals noch „zu absurd schien“. Er hatte es jetzt erst psychologisch lesen 
können. Und damit war der Kreis dieses „Mandala“ in 'einem doppelten Sinne 
geschlossen 2): nach rückwärts anknüpfend an die erste Erfahrung mit dem 
Unbewußten, nach vorwärts deutend auf den einzig legitimen Zugang zum 
Osten, nämlich den über das Innere her. So hat die Jungsche „Liebe zur Mutter“ 
oder besser gesagt seine „Auseinandersetzung mit dem Unbewußten“ die 
reichste Frucht getragen: ein Wissen um die Seele des Menschen, das aus dem 
Leben selbst gewachsen ist und dafür auch dem Leben gewachsen ist in 
der Fülle seiner Erscheinungen. Der Kreis des Lebendigen, geboren aus der 
eigenen Tiefe, aus der Tiefe der eigenen Bilder. Denn in den Bildern des Unbe- 
ivußten wird uns derjenige Geist faßbar, der zugleich Erde und Geist ist; in 
der Eigenerfahrung der Seele. Die Bilder des Unbewußten sind der Geist 
in uns, in dessen Gewand uns auch die Götter erscheinen und das^^ was noch 
über den Göttern ist: das eigene Selbst, das aufleuchtet als die Blüte der 
glücklich vollendeten Individuation. 

Damit ist der Ring geschlossen, in dem die Gegensatzpaare des Lebens sich 
zur Einheit runden. Will man wissen, yvie dieser gebändigten Tiefe gegen- 
über Freud aussieht, so schlage man auf S. 110 der „Neuen Vorlesungen . . . 
das schwanke \md disharmonische Bläschen nach, das Freuds Skizze der Psyche 
darstellt. Es ist unten offen (!), hat oben ein mndiges Mützchen auf upd 
scheint beim geringsten Lufthauch zu platzen. Das ist die erste Skizze eines 
psychischen Zustandes, der entwickelt werden müßte, um zu sich selber zu 
finden. Mit Psyche hat er nur im Sinne eines zu überwindenden Zustandes zu 
tun. Seine Schwäche scheint der Libido- Armut seines vernachlässigten „Sub- 
jektiven“ unmittelbar zu entsprechen. 

Wie weit Jung dazu tun wird, das übliche Mißverständnis zu zerstreuen, 
das ihm aus Gründen einer z. T. übernommenen Terminologie von der Öffent- 
lichkeit heute noch entgegengebracht wird, muß die Zukunft zeigen. Jung 
hat nie dazu geneigt, theoretische Konstruktionen zu erdenken, die alle 

1) Durch Richard Wilhelm. 

2) Mandala heißen die seelischen Kultbilder, die im Osten seit Urzeiten in meist 
selir kunstreicher Weise angefertigt werden. Sie sind meist kreisrund oder lassen 
doch den Gedanken des Kreises mehr oder minder hervortreten. 


Freud und Jung 


35 


„N ach- Denker“ davon überzeugen könnte, daß er „recht hat“. Es ist Uim 
vielmehr immer bewußt geblieben, daß solche rechtliaberischeii Siege 
seelisch höchst gefälirlich sein können. Ja, er hat einmal von „autoerotischem 
Nebengewinn“ gesprochen, der immer dabei herausspringt, wenn man mit 
seelischem Gut seine Theorie beweisen will. Das hat ihn vor dem Konstruieren 
bewahrt. Dafür hat er sich immer in medias res bewegt. Nie könnte ein 
Satz wie dieser von Jung sein: „Seitdem wir nämlich das Lust-Unlust-Prinzip, 
das durch das Angstsignal geweckt wird, in die Verdrängung haben eingreif en 
lassen, dürfen wir unsere Erwartungen abändern“ (Freud, s. S. 126). Es 
hat ihm aber auch den Nachteil gebracht, daß alle diejenigen, die eine Sprache 
durch die Grammatik zu lernen gewöhnt sind, ihn mißverstehen. Und es ist 
immer merkwürdig, wieviele Leute es gibt, die glauben, auch die Sprache der 
Seele ließe sich mit der Grammatik lernen. Jung ist nicht Wagner, sondern 
Faust, nicht die Grammatik, sondern die Verdichtung des Lebens selber, die 
„Dichtung“ der Seele. Seine Lehre meint nicht die Grammatik, sondern 
das durch Welt oder Leben selbst vollgewordene Subjekt — den 
Menschen. 

Freud und Jung gehören nicht zusammen. Ihre Wege haben sich eine 
Zeitlang berührt. Seither scheinen sie für den Außenstehenden etwas ge- 
meinsames zu haben, was sie in Wirklichkeit nie gehabt haben. 
Dieses Mißverständnis Avird genährt durch den gleichen Beruf — „Psycho- 
therapie“ — , durch eine z. T. gleiche oder ähnliche Terminologie. Es ist der 
fatalste Weg zu Jung, wenn man ihm aus der Richtung Freud entgegenkommt. 
Das bedingt meistens auf lange hinaus den Irrtum, Jung sei eine Sonderaus- 
gabe der „Psychoanalyse“. — Es bliebe die Möglichkeit Freud und Jung als 
Gegensätze zu sehen. Aber auch das geht nicht. Wollte man einen Gegensatz 
konstruieren, so müßte man zuvörderst Freud seine Psychoanalyse weg- 
nehmen, damit darunter sein leidenschaftlicher Monotheismus, sein Jahwe- 
ismus, zum Vorschein kommt, der in seinem kastrierten Materialismus 
familienpsychologisch verkleinert und dadurch für alle undeutlich wird, die 
gewöhnt sind, in Worten zu leben l). Und welcher moderne Mensch wäre 
das nicht! 

Zweitens aber müßte man aus Jung etwas wie einen Widerpart des 
Monotlieismus machen, was nur dann eine gewisse Berechtigung hätte, wenn 
Jung — nicht Jung wäre! Davon kann aber Aviederum keine Rede sein, denn 
warmn sollte Jung, dieser tiefste Kenner der menschlichen Seele, das Gottes- 
erlebnis gerade in der monotheistischen Form beargwöhnen oder Avegpsycho- 
logisieren Avollen ? Nicht auf irgendeine Form des Erlebnisses kommt es an 

i) Vgl. dazu W. M. Kranefeldt, „Komplex und Mythos“ in C. G. Jung, „Seelen- 
probleme der GegenAvart“, bei Rascher & Cie, Zürich-Leipzig. 


3 * 


36 


W. M. Kranefeldt 


— aber freilich alles darauf, daß es Erlebnis, Erfahrung der Seele in 
wirkender Wirklichkeit ist! Nicht der Krampf einer Idee, die das Leben zer- 
stört, auf dem auch die Ideen wachsen müssen. Das Thema Freud und Jung 
krankt an der Tatsache, daß sich Freud dank seinem Verfahren seelisch fort- 
laufend verengert und entleert hat, wobei sich das Verfahren selbst ungeheuer 
ausbreitete — während Jung sich seelisch ungeheuer geweitet und vertieft 
hat und zwar so, daß sich sein Wesen eigentlich nur von innen her erschließt, 
vom Unbewußten her, dessen Kenntnis an eine schwere Bedingung geknüpft 
ist und geknüpft bleiben muß: — an die eigene Erfahrung. 

Daraus folgen auch alle Unterschiede der kulturellen Auswirkung. Freud 
reduziert den Menschen auf ein „Nichts-als“, um ihn zum Kind oder Sklaven 
der Psychoanalyse zu machen, zum Mitglied eines resignierten Kollektivs, in 
welchem man im wesentlichen damit beschäftigt ist, die animalischen Düfte 
des lieben Nächsten nach festem Ritus zu beschnüffeln. Das hat den Erfolg 
gehabt, daß kein einziger Kopf aus der ganzen psychoanalytischen Bewegung 
her\ orgegangen ist, dagegen sich mancher analytische Speck an der entgegen- 
gesetzten Front ansetzen konnte. — Jung hat keine „Bewegung“. Bisher 
Avenigstens hat sein seelischer Wirklichkeitssinn diesem Kompromiß mit der 
Welt glücklich widerstanden. Zwar gibt es in Deutschland, in der Schweiz, in 
Holland, Frankreich, England und Amerika zahlreiche Ärzte und Schüler, 
die Jungsche Analyse ausüben — aber was will das bedeuten angesichts der 
Tatsache, daß die eigentlichen Weihen, die zu dieser Tätigkeit befähigen, 
einerseits zwar insubstanciabei Jung in Küsnacht zu erhalten sind, ander- 
seits aber in potentia der eigenen Seele liegen. 

Wir können unser Thema nicht verlassen ohne noch einer Frage zu gedenken. 

Wie war es möglich, daß ein System wie das psychoanalytische eine derartige 
Wirkung auf weite Kreise der abendländischen Kulturmenschheit ausüben 
konnte? Das ist nicht anders denkbar, als daß dieses System auf seelisch ganz 
unvorbereitete Menschen, auf eigentUch Entwurzelte traf. Nur solche konnte 
es erschüttern, nur solche konnten die vage Hoffnung hegen, mit Hilfe dieses 
Systems wieder zu den W^urzeln hinabzufinden. Daß dies unmöglich ist, ver- 
suchte ich oben an der Hand der psychologischen Skizze des Autors selbst 
anzudeuten. Die Frage aber nach den Gründen für diese Entwurzelung, deren 
Exponent Freud selber ist, rührt offenbar an die Grundlagen unserer Kultur. 
W es halb hat sich im Reich der Seele niemand mehr zu- 
recht gefunden? W eiche Antwort könnten wir darauf aus der Ideenwelt 
Jungs erwarten? In Jungscher Sprache müßte man antworten: Entwurzelung 
ist Fernsein von den Urbildern, von den Archetypen der Seele. 

In Freud scheint deutlich zu werden, inwiefern das 19. Jahrhundert eine 
Grenzscheide unserer abendländischen Kulturentwicklung bezeichnet. Freuds 


Freud und Jung 


37 


Lehre umreißt das Problem des Verstoßes gegen das Gesetz, zu dem sich 
dei- Mensch immer noch nicht wie ein Freier verhalten kann, weil er von 
seinem (Subjektiven, seinem) Inneren — aus guten oder schlimmen Gründen 
— nichts weiß. Nur dieser Gesetzesmensch ist es, der nach innen Freuds 
„Inzest“ begeht und nach außen mit „Unbehagen in der Kultur“ bestraft 
wird. Nur für den Gesetzesmenschen gilt Freuds Lösung aus diesem Dilemma, 
sein neues Gesetz, die psychoanalytische Doktrin. Mit dieser Problematik 
und dieser Lösung resümiert Freud eine Entwicklung, die im 19. Jahrhundert 
ihre Klimax erreicht. Freud selber überwindet sie nicht, er enthüllt abei un- 
wissentlich die Psychologie aller jener Bestrebungen, die dieser Entwicklung 
angehören und ist insofern für die in ihnen kulminierende Mentalität ein un- 
schätzbares Mittel der Selbsterkenntnis. Eine Selbsterkenntnis innerer Armut. 
Indem Freud selbst aber die Psychoanalyse für das Mittel hält, in geduldiger 
Kleinarbeit am einzelnen, dieser „unbehaglich“ gewordenen Kultur auch die- 
jenigen wiederzugewinnen, die ihr schon neurotisch zu entschlüpfen drohten, 
bleibt er in dieset Klimax-Problematik des 19. Jahrhunderts hängen. Er hat 
sich nie ernstlich die Frage gestellt, welche Gründe denn die unwillkürliche 
Massenauswanderung der Neurotiker im tieferen Sinne haben könnte. Er hat 
auch diese Tatsache nicht ernst genommen, wie er überhaupt Tatsachen nicht 
ernst nehmen kann. „In Wirklichkeit sind weder Freud noch Marx dem 
Sein als solchem begegnet“, schreibt die Berliner Börsen-Zeitung in ihrer 
Sondernummer „Wider die Psychoanalyse“ (vom 14. Mai 1933). Das ist voll- 
kommen richtig. Freuds einzige dürre — und man muß es‘ sagen — alberne 
Familien -Antwort auf diese große Lebensfrage ist das „schlechte Sexual- 
Gewissen“, die „Lustknappheit“ beim einzelnen und sein Heilmittel: die Be- 
seitigung der „Verdrängung“. Nirgends findet sich auch nur eine Andeutung 
eines Vorstoßes in diejenigen Schichten der allgemeinen Seele, aus denen die 
kulturbildenden Kräfte den einzelncjn erreichen und die großen Gestaltungen 
des Lebens hervorgehen. Das „Kollektive Unbewußte“ Jungs ist jenes Sein, 
dem Freud niemals begegnet ist. Dennoch ist seine Stimme laut geworden in 
der ganzen „gebildeten Welt“: das 19. Jahrhundert überschichtet noch ein- 
mal alle diejenigen, die zunächst abgelenkt werden müssen von dem' Neuen, 
das noch die Stille braucht, um sich vorzubereiten. Dieses Neue wird miser 
neues Verhältnis zur Erde sein. Der Neurotiker ist derjenige, der es zuerst an 
sich erfahren muß, daß es unmöglich ist zu leben ohne an den großen Tat- 
sachen des Lebens geistigen Anteil zu haben. Mögen wir sie nennen Vater- 
Mutter-Sohn oder auch Himmel-Erde-M e n s c h — die Namen für diese Tat- 
sachen sind im mindesten nicht gleichgültig, aber sie sind auch nicht mit dem 
kurzen Verstände zu begrenzen. Sie müssen ein vollständiges Bild der Gegen- 
satzpaare ermöglichen, deren Einigung Mensch -Sein heißt. Und vor 


38 


Carl Haeberlin 


allem; sie dürfen dem Einigung suchenden Menschen nicht von außen auf- 
gepfropft, noch psychoanalytisch eingetröpfelt werden. Was nicht gewachsen 
ist, hat nimmermehr mit Erde zu tun und nichts mit bodenständigem Geiste. 
Jung ist der erste Arzt, der Ernst damit macht, dem natürlichen Wachstum 
zu folgen und der tief genug ist, das auch zu können. Er hat kein fertiges 
System in seinem Arzneischrank. Er erwartet auch nicht alles Heil von einer 
gründlichen Auskratzung der Vergangenheit. Bei Jung ist Neurose zunächst 
immer ein nicht realisierter Konflikt des gegenwärtigen Augenblicks und der 
erste Schritt zur Lösung dieses Konfliktes diejenige moralische Tat, die sich 
aus einer neuen Einsicht ermöglicht. Die Leistung liegt in der Einsicht ins 
Heute und der daraus keimenden Bereitschaft, für Morgen das Erforder- 
liche zu tun. Denn nur mit dem gegenwärtigen Tun wird auch das 
verfehlte Gestern inW ahrheit gesühnt. Und so wächst der Mensch heran . . . 


CARL HAEBERLIN: 

DIE BEDEUTUNG VON LUDWIG KLAGES UND HANS PRINZHORN FÜR 
DIE DEUTSCHE PSYCHOTHERAPIE 

^Venn die deutschen Vertreter der seelenärztlichen Heilkunde, der Psycho- 
therapie, sich heute sammeln unter den vom Führer des deutschen Volkes 
herausgestellten Gedanken, dann ist es notwendig, ist es Pflicht, daß man sich 
auch einmal auf die Leitgedanken und Richtlinien zur Seelenführung besinnt, 
welche von zwei blutsmäßig urdeutschen Seelenforschern, von Ludwig 
K 1 a g e s und Hans Prinzhorn, seit langen Jahren immer wieder ausge- 
sprochen worden sind. Diese Gedanken haben bisher nur bei Wenigen wirk- 
lichen Widerhall und lebendige Aufnahme gefunden; sie sind, da sie den volks- 
fremden Elementen unter den wortführenden Psychotherapeuten nicht genehm 
waren, im großen ganzen meist entweder abgelehnt, oder, nachdem man sie 
zunächst entstellt hatte, mit Scheinkritiken abgetan oder auch einfach tot- 
geschwiegen worden. Selbstverständlich müssen diese Gedankengänge kritisch 
betrachtet und zum Gegenstände eingehender Untersuchungen gemacht 
werden, und dann kann man ihnen entweder zustimmen oder sie mit wirklich 
stichhaltigen Gründen ablehnen. Aber es kann nicht verschwiegen werden, 
daß sich auch sehr viele deutschstämmige Psychologen und Psychotherapeuten 
vor 1933 auf der Gegenseite befanden, wenn es um die Lehren von Klagesiund 
Prinzhorn ging, ohne daß sie sich alle mit den Ergebnissen dieser Forscher 
ernstlich befaßt und auseinandergesetzt hätten. Eine deutsche Psychotherapie 
kann aber heute nicht mehr gedacht werden, ohne befruchtet zu sein durch 
die kraftvollen Gedankenzüge, welche diese beiden Forscher zum Thema der 


Die Bedeutung von Ludwig Klages und Hans Prinzhom 


39 


Seelentührung beigebracht haben. Es ist zwar durchaus Sache jedes Einzelnen, 
inwieweit er etwas von diesem Gedankengut autnehmen will und ob er über- 
haupt etwas davon übernimmt. Aber keiner kann heute in Sachen deutscher 
Psychotherapie Anspruch auf umfassende Beherrschung des Gebietes machen, 
der sich nicht mit diesem Gedankengut ernsthaft befaßt hat. 

Die Ergebnisse von Klages und Prinzhorn bauen an einem von tiefen Seelen- 
kennern aller Zeiten, angefangen von Heraklit bis zu Goethe und Nietzsche 
immer wieder erschauten Wirklichkeitsbilde des Menschen weiter; sie fuhren 
uns aber nicht nur gliedernd dessen weite Bereiche vor Aupn, sondern sie 
münden, indem sie den lebendigen Mikrokosmos Mensch einem lebendigen 
Makrokosmos, ewigen Ganzen der Welt verbunden sehen^, m eine deutsche 
Religiosität ein, die von keinerlei gräko-judaischen Einflüssen gespeist zu 
werden braucht. Diese vermag aus eigenem Gehalt den Menschen zur Religio, 
zur Rüekverblndung und Wiederverbindung mit jenen ewigen Sehopier- 
mäehten zu leiten, die tiefer sind als aUer Verstand und höher als alle 

Beide Forscher gründen ihre Anschauungen auf einem Weltbild, in dem 
die Gesamtheit des Kosmos, die durch die Ewigkeiten flutende Bewegung 
des stets verwandelnden Geschehens als lebendig erschaut wird; das von uns 
gewahrte organismische Leben wird getragen von dem mütterheh schöpfe- 
rischen Urgründe eines unermeßlichen elementaren Le ens. o c e e an en 
kUngen schon bei HerakUt an, in scharfer Prägung wurden sie von Giordano 
Bruno ausgesprochen, ein wahrhaft großer deutscher Arzt, arace sus von 
Hohenheim, war ihnen ergeben, für Goethe waren sie bestimmend und sie 
galten auch vielfach für Nietzsche. Klages hat diese Grundgedanken zum 
Fundament seines- philosophischen und lebenswissenschaftUchen Werkes ge- 
macht und er hat für die Anschauung, die das Leben und seine von kernen 
verstandesmäßigen Begriffen und Formeln einzufangenden Mächte in den 
Mittelpunkt stellt, die Bezeichnung Biozen trik pprägt; sie verbindet 
schärfsten logischen Rationalismus in aller Einzelarbeit mit metaphysischem 
Irrationalismus; der lebendige Weltengrund ist der menschlichen Ratio un- 
faßbar. Die Biozentrik steht damit in klarem Gegensatz zu jenem anderen 
Weltbild, das für die Platoniker für die Scholastik, für Kant und für den 
philosophischen Idealismus gilt, in dem ein dem menschlichen Geiste wesen- 
haft ähnlicher, wenn auch ihn unvorstellbar überschreitender Logos das 
Weltenzentrum bildet, welches Weltbild von Klages folgerichtig als l ego- 
zentrisch bezeichnet wird. 

Wie man sich zu Logozentrik und Biozentrik stellen will, das muß wiederum 
dem Einzelnen und seiner metaphysischen Richtung überlassen bleiben; aber 
man kann sich ernsthaft nur auf die eine Seite stellen, wenn man sich mit 


40 


Carl Haeberlin 


der andern auseinandergesetzt hat. Aber auch der, der sich metaphysisch 
nicht auf die Seite der Biozentrik stellen zu können glaubt, kann heute nicht 
mehr an den psychologischen Einsichten und Errungenschaften von Klages 
vorübergehen. Ihr Kernpunkt ist die heute noch vielfach unverstandene oder 
mißverstandene Antithese Geist-Leben, die von Klages zum erstenmal mit 
aller denkerischen Schärfe herausgearbeitet worden ist, und die berulon ist, 
tiefe Einbliclve in Wesen und Eigenart des Menschen zu vermitteln. Vor 
einem weitverbreiteten Irrtum muß hier gewarnt werden: man trifft immer 
wieder auf das Mißverständnis, daß Klages mit dem Geist etwas meine, das 
ungefähr der Vernunft, dem Schöpfertum, dem Wert entspreche und daß 
er sich gegen diese für das Chaos einsetze. Das ,ist eme ungeheure Ver- 
kennung. Klages spricht an zahlreichen Stellen seiner Werke aus, was er mit 
der Bezeichnung Geist meint: einen psychologischen Faktor, der allein im 
menschlichen Bewußtsein und sonst nirgends in der Welt angetroffen wird, 
ein Element, das er auch hätte als psychologischen Faktor X bezeichnen: 
können; wenn er die Bezeichnung Geist gewählt hat, so deshalb, weil in der 
gesamten deutschen Sp,rache sich keine besser geeignete findet. Aber immer 
wieder muß betont werden, daß Geist von Klages ausschließlich als be- 
stunmt beinhalteter Terminus technicus seiner Wissenschaft gebraucht 
wird, als Fachausdruck, unter dem zu verstehen ist: Die Bedingung 
derjenigen Inhalte des menschlichen Bewußtseins, die 
nicht aus leiblichen oder seelischen Lebens Vorgängen 
abgeleitet werden können. Das und nichts anderes versteht Klages in 
seiner Wissenschaftssprache unter Geist, der nicht gleichbedeutend ist mit 
Verstand, Vernunft oder Denkfähigkeit, und der am besten vom .Willen her 
begriffen werden kann. Jedes Geschöpf ist eine leib-seelische Einheit; im 
Gegensatz zu allen andern Geschöpfen aber tritt behn Menschen im Be- 
wußtsein dieser sonst nirgends anzutreffende Faktor auf, von dessen Vor- 
handensein die leib -seelische Einheit des Menschen an sich nicht abhängt. 
Er befähigt den Menschen, Akte der Auffassung und Akte des Wollens zu 
vollbringen, die durchaus etwas anderes sind, als alles, was sich im Seelen- 
leben der außermenschlichen Geschöpfe findet. Dieser psychologische Faktor, 
über dessen Herkunft nichts ausgesagt werden kann, befähigt nun den 
Menschen nicht nur zu besonderen Leistungen, sondern er ist auch die Be- 
dingung jener stets vorhandenen inneren Spannung des Menschenlebens, das 
zwei Welten zugehört, nämlich jener des den ganzen Kosmos .durch waltenden 
Lebens und jener des Geistes. Alle Handlungen, alles Wirken, Denken und 
Werten des Menschen, zumal aber die Bildung der Persönlichkeit beruhen 
auf dem Ineinandergreifen von Vitalität und Geist. Im Menschen, und zwar 
nur in ihm allein von allen Geschöpfen, kommt es nun zu jenen zahllosen. 


41 


Die Bedeutung von Ludwig Klages und Hans Prinzhorn 

das ganze Leben durchsetzenden Zwiespalten^ die wir als die Gegensätze von 
Neigung und Gesetz, von Trieb und Pflicht, von Natur und Sitte, oder wie 
immer bezeichnen, Widerstreite, die entweder durch den Sieg des Willens oder 
den des Triebes entschieden werden, oder die unentschieden und damit 
dauernd bleiben, an denen der Mensch dann in jedem Wortsinne leidet. Solche 
aus dem menschlich schicksalhaften Widerstreit der Urmächte entstehenden 
Leiden sind ein Gebiet, das den Psychotherapeuten in besonderem Maße be- 
schäftigt. , 111 

Zur Entwirrung der oft so undurchsichtigen Gesamtlage eines menschlichen 

Innenlebens bietet nun die von Klages gegebene Scheidung zwischen Leben und 
Geist einen für die psychotherapeutische Betrachtung bisher noch sehr wenig 
benutzten, aber im eigentlichen Wortsinne höchst aufschlußreichen seelen- 
kundlichen Schlüssel. Er besteht in der jeder menschlichen Handlung, jedem 
Denken gegenüber geübten Fragestellung: ^Was ist hier Leben hzw. Seele, 
was ist hier Geist? Ein Beispiel erläutere dies ganz kurz: Eine Lehrerin kommt 
wegen schwerer Selbstvorwürfe und einer aus ihnen entstandenen tiefen De- 
pression zur Sprechstunde. Sie klagt sich an, daß sie ihren Wunsch nach 
Kindern nicht unterdrücken könne, obwohl ihr Beruf doch praktisch Ehe- 
losigkeit und Kinderlosigkeit von ihr verlange; sie vergehe sich dadurch gegen 
die Pfhehten ihres Berufes. Die ethisch sehr hochstehende Patientin hat 
sich mit diesem Widerstreit völlig zermürbt. Geistbestimmt ist hier ihre 
Berufsauffassung und sind die streng und skrupellos durchgedachten Folge- 
rungen, geistbestimmt sind ihre Selbstvorwürfe; ihre Sehnsucht nach dem 
Kinde steht auf der Seite des Lebens. Schon die Führung durch diese Leit- 
<redanken und die Wiedergewinnung von Ehrfurcht vor dem bisher bei ihr 
vom Geiste her entwerteten Leben genügten hier, um die Selbstquälereicn 
eines tüchtigen Menschen zum Verstummen zu bringen. 

Die Benutzmig dieses Klages-Schlüssels zur Erforschung des menschlichen 
Innenlebens, zur Klärung des Anteils, welchen Leben und Seele einerseits 
und der Geist andererseits an der jeweiligen inneren Lage eines Menschen 
haben, kann sich für die gesamte Psychotherapie als überaus fruchtbar er- 
weisen. Erkennt und überblickt der Psychotlierapeut im Besitze dieser Ein- 
sicht und der durch sie möglich werdenden Scheidungen die innere Lage eines 
Menschen, versteht er, die an den Widerstreiten beteiligten Elemente zu 
sondern, dann kann er auch planvoll eine Führung übernehmen, die für den 
betreffenden Hilfesuchenden den menschenmöglichen Ausgleich zwischen den 
verschiedenen, in Widerstreit gegeneinander stehenden Elementen des Innen- 
lebens zum Ziel hat. Er kann damit viele der zahlreichen unausgeglichenen 
Spannungslagen, die wir unter dem Sammelbegriff der Neurosen zu ordnen 
gewohnt sind, in ihre tieferen Gründe hinein aufhellen. 


42 


Carl Haeberlin 


Aber nicht nur für das bisherige Hauptgebiet der Psychotherapie, die Lehre 
von den Neurosen und ihrer Behandlung, gibt die von Klages scharf heraus- 
gearbeitete Erkenntnis der Wesensversclüedenheit von beseeltem Leben und 
Geist wertvollste Hinweise. Weit darüber hinaus, gerade für die Gebiete, 
denen eine deutsche Psychotherapie und Seelenführung sich heute zuwenden 
müssen, gibt die biozentrische Lehre erhellende Aufschlüsse und eröffnet neue 
Horizonte. Die mittelpunktliche Bedeutung, die in ihr dem stets neu bildenden 
und gestaltenden schöpferischen Leben, dem völlig Echten, Weltverbundenen, 
dem natürlich Gewachsenen zuerkannt wird, der Vorrang, der hier unbedingt 
dem Lebendigen eingeräumt wird, vor allen menschengesetzten Schranken, 
Ordnungen, Planungen, Berechnungen, wozu ebenso gehört eine mit Be- 
lohnungsverspr echimgen einhergehende Scheinreligiosität, wie die Hervor - 
bringungen der Mechanik und maschineller Technik, dieser dem Leben einge- 
räumte Vorrang weist hier die Wege. Auf der Seite des Geistes steht Er- 
wartung von Gewinn und Belohnung, auf der Seite des Lebens aber das 
Opfer, über dessen Ursinn Klages tiefste Einsichten vermittelt hat. , Dieser 
Forscher lehnt es zwar ausdrücklich ab, Pädagogik oder praktische Seelen- 
führimg zu treiben, und will sein Werk allein als das eines Lebensforschers ge- 
wertet wissen. Aber aus der Tatsache, daß er das Leben 'als obersten Wert 
einsetzt, ergibt sich bereits, daß eine an die Biozentrik sich anlehnende seelen- 
führerische Wertung, welche mit Klages auch das Vorhandensein des Geistes 
als unsere menschliche Notwendigkeit anerkennt und bejaht, die Führung 
durch die Mächte des Lebens als den erstrebenswerten Zustand betrachten 
muß. Das Verhältnis zwischen Leben und Geist muß so gestaltet werden, daß 
dem Leben und seinen Werten die Führerschaft bleibt, daß der Geist in 
Lebensabhängigkeit gehalten wird, daß die großen Richtungen des Handelns, 
des geistdurchtränkten Wirkens vom Leben her bestimmt werden. In dieser 
Lebensabhängigkeit des Geistes sind bisher alle großen Kulturen gewachsen; 
in allen echten Kulturwerken hat sich geistige Wirkung mit der tiefen Ur- 
sprünglichkeit des Lebens zu Lebendigem verbunden. Gewinnt aber der als 
Geisf bezeichnete psychologische Faktor die Oberhand über das Leben, wie 
es sich zum ersten Male in der Menschheitsgeschichte im Abendlande seit 
der Renaissance unter dem Leitgedanken der Beherrschung der Natur .durch 
den Menschen begibt, so wird das Leben in die Abhängigkeit vom Geist ge- 
zwungen. Es kommt dann zwangsläufig zum überwiegen des Willens und zu 
einer fortschreitenden Verarmung an Lebensfülle; der Weg geht unweiger- 
lich in die Entmächtigung des Lebens, in die Mechanisierung ,und Techni- 
sierung, in immer stärker lebensfeindliche Ausprägungen menschlichen Tuns, 
und er endet schließlich im Mammonismus und im technisierten Völker- 
mord des Gaskrieges. Wenn heute das deutsche Volk unter der Führung 


Die Bedeutung von Ludwig Klages und Hans Prinzhorn 


43 


seines Kanzlers von einer gewaltigen Bewegung gegen diese Übersteigerungen 
lebensfeindlicher Willensmächte ergriffen ist, dann ist es das echte Leben, das 
hier sich mit elementarer Gewalt zur Wehr setzt aus eigener tiefster Wallung 
heraus. Wer seelenkundliches Rüstzeug zum Verständnis dieser aus den 
Mächten des Lebens stammenden Bewegung sucht, wird es im Werke von 
Ludwig Klages finden. 

Aus der Einschätzung des Lebens und der in ihm wirkenden kosmischen 
Mächte als der schaffenden Wirklichkeit ergibt sich sogleich auch, ,wie im 
Gedankenzuge von Klages das menschliche Werk gewertet wird. Bleibt der zu 
Werk und Tat den lebendigen Menschen befähigende Geist in Verbundenheit 
mit dem Leben, dann bringt auch der geistbegabte Mensch Werke hervor, die 
die Prägung des Gewachsenen tragen; je mehr sich der menschliche Geist aber 
aus der Verbundenheit mit dem Leben lockert und löst, um so mehr ent- 
stehen Erzeugnisse des Rechendenkens, seelenlose Fabrikate, denen schließlich 
jede persönliche Prägung völlig mangelt, ob es sog. Schlager auf irgendeinem 
Gebiet, oder ob es fabrilcmäßig hergestellte Knöpfe sind. Prinzhorn hat den 
Begriff der Weltgeborgenheit gegeben, den auch Klages übernommen hat. 
Für den Gegenwartsmenschen spielt der Verlust dieser Weltgeborgenheit eine 
sehr wichtige Rolle. Der zunehmende Verlust an dieser Weltgeborgenlieit, 
der in der eingeschlagenen Richtung mechanisierter Zivilisation liegt, ist die 
Quelle zahlloser menschlicher Störungserscheinungen, die alle verstanden 
werden köraien als Verarmung an echtem Leben. Ursprünglich war der 
Mensch, wie alle anderen Geschöpfe, dem Ganzen, dem er entstammt, noch 
völlig verbunden, und wohl viele Jahrtausende lang lebte er in engster Zuge- 
hörigkeit mit Familie, Gemeinde, Volk, und wo es das schon gab, Staat, 
ferner mit der Art, mit der Erde, mit dem Kosmos. Diese Zugehörigkeiten 
hatten echte Zusammenhänge gebildet, sie waren nicht das, was man 
heute unter geistigen Beziehungen versteht, die man je nachdem haben oder 
nicht haben, durch Erlernen bekoiimien oder nicht bekommen kann. Zu- 
sammenhänge im biozentrischen Sinne gibt es nur zwischen Lebendigem und 
Lebendigem; Zusammenhängen in diesem Sinne ist eine Grundform des 
Lebendigsems. Ausgedrückt mit den Mitteln der Wesenswissenschaft, der 
Metaphysik, oder auch der Religion bedeutet die hier genannte Weltgeborgen- 
heit oder Weltverbundenheit oder Lebensverbundenheit den Zusammenhang 
der Einzelseele mit dem Weltgeheimnis, wofür man auch kürzer sagen kann: 
mit dem Geheimnis. Jeder Verlust hieran bedeutet für den Verlust- 
träger u. a., daß ihm seine Tätigkeit, sein Beruf, sein Vergnügen, kurz alle 
seine Lebensinhalte, mehr oder minder geheimnislos geworden sind. Das ist 
der Sinn aller lebensverarmten Schalheit, der Oberflächlichkeit, der Banalität; 
und nur erst auf diesen Grundlagen sind die Zielsetzungen einer Geistes- 


44 


Carl HaeberJm 


richtung möglich, die die Welt in Recheneinheiten zersplittert und die in den 
Mammonismus führt. Von diesen Erkenntnissen her wird es klar, welche 
Aufgabe eine biozentrisch eingestellte Seelenführung dem Menschen und 
seinem Werk gegenüber hat: Es kommt vor allem darauf .an, dem Menschen 
seine Erlebnisse und Verrichtungen wieder bedeutungsvoller und im Lichte 
einer möglichen Verbundenheit mit dem Lebensgeheimnis erscheinen zu lassen, 
den Menschen auf diese Weise aufs neue mit seinem Werk zu verbinden. Eine 
wichtige Teilaufgabe ist es hier aber auch, den Menschen zu bewahren da- 
vor, daß er die verloren gegangenen Werte des Lebens sich ersetzen lasse 
durch ideologische Scheinwerte und sog. geistige Ersatzmittel, durch die 
humanitäre Phrase oder die in einem Vordergrund stattfindende markt- 
schreierische Verkündung der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, wo im 
Hintergründe bereits von der menschlichen Unterwelt die Guillotine aufge- 
richtet ist. Alle geistabhängigen Scheinwerte, mögen sie woher immer 
kommen, müssen über kurz oder lang nach einer Weile menschlicher Selbst- 
täuschung wieder hmfällig werden und lassen den, der ihnen angehangen 
hatte, vereinsamen. Es geht darum, den Menschen zu behüten vor den von 
des Gedankens Blässe angekränkelten Scheinwerten und geistigen Beziehungen, 
und es geht darum, ihn zurückzuführen zu den echten Zugehörigkeiten, Zu- 
sammenhängen und Verbundenheiten. Die sind heute immer noch da, sie 
heißen Leben, Blut, Volk. Erfühlt und erlebt der Mensch diese Zu- 
sammenhänge aufs neue und erfüllen sie sich ihm mit Sinn, dann kann er 
seinem Werk wieder lebendig verbunden werden, dann vermag er, iwrkend 
und schaffend in die wkkliche wachstumsmäßige Verbundenheit 'mit dem 
bergenden und tragenden Ganzen zu gelangen, in dem er dann zugleich ein 
neues und vertieftes Heimatgefühl findet. Das vorwiegend vom Leben her 
unter Dienstbarmachung des Geistes für die Zusammenhänge des Lebens be- 
stimmte Werk des Menschen wird damit ivieder herausgelöst aus der Sphäre 
des rein Mechanischen, wohin die Tätigkeit abgeglitten war, und es wird 
wieder eingegliedert in echte natürliche Verbundenheit. Das Werk wird durch 
den Wirkenden wieder beseelt, an die Stelle der reinen Maschinenarbeit kann 
allmählich wieder Handwerk treten, auch wenn es unter Zuhilfenahme ge- 
meisterter Maschinen stattfindet. 

Weitei e positive Aufgaben ergeben sich aus der biozentrischen Auffassung. 
Eine ihrer allerwichtigsten ist eine neue, dem natürlichen Geschehen sich 
wieder annähernde Rhythmisierung des menschlichen Lebens. An unzähligen 
Stellen hat der Mensch zu seinem Verhängnis sich herausgelöst aus den durch 
lages- und Jahreszeiten, durch Ort und Umwelt, durch echte Gemeinschafts- 
beziehungen, durch natürliche Ernährung, durch die eigenen Körpervorgänge 
von Atmimg, Stoffwechsel und Geschlechtsreife bedingten Rhythmen des 


Die Bedeutung von Ludwig Klages und Hans Prinzhorn 


45 


Eigenwesens und des Kosmos. Hier liegen die Quellen unübersehbar vieler, 
zu den mannigfachsten Leiden führender geistbestimmter Störungen, unter 
denen auch die an Stelle natürlicher Beweglichkeit von Leib und Seele ge- 
tretenen sehr verbreiteten Verkrampfungen von besonderer Wichtigkeit sind, 
und denen sich die Dauer- und Hochspannungen, die Hast und Pauselosigkeit 
gegenwärtiger Existenz ebenbürtig anreihen. Sic wurzeln im Uberpwicht, 
das die geistbestimmte Willens- und Spannungshaltung des Menschen mit 
ihren Eingriffen in das Wirken natürlich gestaltender Mächte gegenüber dem 
Leben bekommen hat. Die Einsicht in diese Beziehungen weist aiu^ den 
Wes zur Abstellung oder wenigstens Minderung der entstandenen Schaccn. 
Eine den normalen Lebensrhythmen entsprechende Entspannung muß wieder- 
gewonnen werden, von einem aufgelockerten und sieh entspannenden Innen- 
leben her muß der Körper beeinflußt werden, ebenso wie von einem rhyth- 
misch bewegten und sich in allen Muskeln entspannenden Körper her auch 
das Innenleben wieder gelöst werden kann. Lebenerfüllte, seelebmeichernde 
Mußestunden ebenso wie körperUche Übungen, rhythmische Gymnastik, 
Wandern, sportliche Betätigung ohne den aus dem Rechengeist erwachsenen 
Rekordwahnsinn müssen zwischen die Zeiten der Tätigkeit eingeschaltet 
werden. Der natürliche Schlaf, das lebenspendende Eintauchen ms Unbewußt- 
sein, muß wieder zu seinem Recht kommen; Ernährung und Atmung bedürfen 
verständnisvoller Pflege, das Bewußtsein des Menschen muß sich dem plane- 
tareii und kosmischen Leben, aus dem ^vir genommen sind und zu dem wir 
wieder heimkehren, empfangend aufschließen; der Selbstbehauptung im 
Leben der Tätigkeit muß die Selbsthingabe an Werk, Gemeinschaft und Welt 


zur Seite treten. 

Wird die große Gesamtheit des Lebens wieder zum Bestimmer des Menschen- 
daseins und seines Inhaltes, dann geht damit zugleich einher die Betonungs- 
verschiebung von der Ichmittelpunktlichkeit aller rein individualistischen 
Haltungen auf die Hingabe, auf die Liebe zum Werk, an dem der einzelne zu 
schaffen berufen ist. Der von der biozentrischen Auffassung her sich er- 
gebende Imperativ heißt dann: Beschäftige dich so wenig als möglich mit 
deiner Person, und so viel als möglich mit der Sache, dem Werk, der Auf- 
gabe; lerne, wenn es irgend angeht, Liebe zum Werk im Ganzen der echten 

Gemeinschaft. 

Pädagogisch wichtige Fragen schließen sich hier an, z. B. : hat der Mensch 
sich schon hingefunden zu der ihm angemessenen Verrichtung, oder hat er 
bisher einen gar nicht für ihn geeigneten Weg eingeschlagen? Hat der in 
ein Studium hineingezwängte Mensch vielleicht besondere Handfähigkeiten, 
die ihn viel besser den Sinn seines Daseins erfüllen ließen, oder hat der nach 
Beendigung der Volksschule in irgendeine Lehre Gegebene besondere Be- 


46 


Carl Haeberliii 


gabungen zu wissenschaftlicher Arbeit, nach der sein stilles Wünschen geht? 
Hier wieder kann die auf der Ausdrucksforschung aufgebaute lebenswissen- 
schaftliche Charakterkunde von Klages dem Seelenführer wichtigste Auf- 
schlüsse und Hinweise für sein Handeln geben, da sie es erlaubt, den 
biologischen Bestand einer Persönlichkeit von der Blickseite des Lebens her 
zu ermitteln. Ein bis dahin Interesseloser kann so auf einen Weg geleitet 
werden, auf dem er von der Liebe zur Sache erfüllt wird. 

Wie Klages über Einzelheiten der Seelenführung denkt, spricht er aus in 
seinem Brief über Ethik in „Mensch und Erde“, wo er sagt: „Welches sind 
die Hauptnährmittel der Seele? Das Wunder, die Liebe und das Vorbild. 
Das Wunder findet die Seele z. B. in der Landschaft, in der Dichtung, in der 
Schönheit. Man gewähre ihr also die Landschaft, die Dichtung, die Schönheit, 
und sehe, ob sie daran erblühe. Die Liebe im weitesten Wortsinne, wozu auch 
gehört Verehrung, Anbetung, Bewunderung, ja jede Art von herzlicher An- 
erkennung, wärmt wahrhaft wirksam nur aus dem Liebenden. Das ewige 
Bild dieser Seelenführerschaft ist das Bild der liebenden Mutter mit dem ge- 
liebten Kinde. Man gebe also der Seele alle Strahlen der mütterlichen Liebe 
und sehe, wie sie daran erblühe. Das Vorbild sind Götter, Dichter und 
Helden. Man lasse die Seele des Anblicks der Heroen teilhaftig werden, und 
sehe, wie sie daran erblühe. Und wenn sie an keinem dieser drei erblüht, dann 
ist ihr keine Blühkraft gegeben und kein Seelenführer kann solche hervor- 
zaubern. Denn das ist das Geheimnis der Seele, daß sie nur im Geben reicher 
wird. Nicht die Liebe, die eines empfängt, sondern die Liebe, die durch, 
empfangene Liebe in ihm selbst entzündet wurde, die ist 'es, welche die 
Seele nährt,“ 

Hier spricht zu uns deutsche Seelenführung. Mit wenigen Grundstrichen 
ist im vorstehenden versucht worden, die Fülle der Anregungen und Be- 
fruchtungsmöglichkeiten anzudeuten, die für seelische Behandlung in dem 
noch fast völlig ungehobenen Schatze von Welteinsicht und Weisheit im 
lebenswissenschaftlichen Werke von Ludwig Klages geborgen sind. 

Am tiefsten hat diesen Reichtum erkannt, hat auf ihn immer wieder hinge- 
wiesen und hat ihn in sein Werk verwoben der so früh von uns gegangene 
Hans Prinzhorn. Aber weil er aus Wesensverwandtschaft heraus den 
urai'ischen Gehalt von Klages’ Persönlichkeit und Werk erkannte und ver- 
kündete, und weil er sich nicht scheute, an der ragenden Größe und an der 
erfüllten Tiefe dieses Werkes die übrigen Hervorbringimgen unserer Zeit zu 
messen und zu werten, so hat er sich auch vielen Haß und durchaus nicht nur 
den zahlreicher Artfremder zugezogen. Sind wir aber heute zur wirklichen 
Besinnung auf unser Volkstum, auf unser eigenes Wesen gekommen, dann 
müssen wir auch das Vermächtnis Hans Prinzhorns lebendig erhalten. Er 


47 


Die Bedeutung von Ludwig Klages und Hans Prinzhorn 

hat diese Besinnung seit langen Jahren immer wieder gefordert, zu Zeiten, 
als der von ilim so bezeichnete Anti-Arismus noch vielfach in der deutschen 
Wissenschaft und an deutschen Hochschulen sich geltend machte. 

Prinzhom hat die seinem eigenen Denken gemäße biozentrische Weltauf- 
fassung, wie sie ähnlich aus Goethes Werken spricht, wie sie Klages zu einer 
umfassenden Weltlehre ausgebaut hat, seinem Werk zugrunde gelegt und er 
hat sein Denken und Werten an sie angelehnt. Von hier aus ergab sich ihm 
der schon oben erwähnte Begriff der Weltgeborge^eit, ein tief religiöser Be- 
griff, der auch für seine ganze psychotherapeutische Auffassung richtung- 
weisend wurde. In Weltgeborgenheit lebt das Geschöpf in der Schöpfung, 
lebt auf seiner Stufe in vollendeter Weise das reife Tier in seinem Lebensraum. 
Sehnsucht nach solcher Weltgeborgenheit als das Verlangen nach etwas Ver- 
lorenem ist im Menschen; es auf menschlicher Stufe wieder zu erlangen ist 
ein fernes, zu erstrebendes, nie ganz erreichbares Ziel. Während jedes Tier 
aus der natürlichen Betreuung der ersten Lebensperiode, die bei den Warm- 
blütern meist von der Mutter ausgeübt wird, in seine Weitgeborgenheit, in 
die völlige und problemlose Verbundenheit mit allem anderen Leben und 
mit den Elementen hineinwächst, so geht der Mensch, der ursprünglich auch 
weltverbunden war, mehr und mehr einen anderen Weg. Beispiel grenzen- 
loser Hilfsbedürftigkeit ist der menschliche Säugling, auch er wird betreut, 
wächst dann aber nicht in Weltverbundenheit hinein, sondern je mehr alles 
Geistbedingte in ihm erstarkt, um so mehr lockert und löst er sich aus der 
Verbundenheit mit den webenden und wirkenden Mächten des Lebens, und 
trotz zunehmender geistiger Inhalte entwickelt sich vielfach eine tiefe Ver- 
einsamung des Mensclien. Dieses Abgetrenntwerden aus den ursprünglichen 
Zusammenhängen, welche heute am ehesten noch für den Landmann gelten, 
aus denen aber die anderen sich immer melir herauslösen, diese schicksals- 
mäßig dem Menschen auferlegte zunehmende Scheidung von dem bergenden 
großen Ganzen, wird zum tiefen menschlichen Leiden, zur Heimatlosigkeit, 
und ist Grund zahlloser Lebensstörungen. Diese Störungen, die Folge vieler 
Unterbrechungen natürlicher Rhythmen des Lebens, ^vi^ken sich körperlich 
und seelisch aus. Prinzhorn, als Psychologe, befaßte sich mit dem auf 
psychischem Gebiet sich ergebenden Folgezuständen der Herauslösung des 
Menschen aus der biologischen Weltverbundenheit. Den Hilfen in diesen see- 
lischen Notständen ist seine Psychotherapie, die er auch „Deutsche Psycho- 
therapie“ hätte nennen können, gewidmet. 

Die Grundlage von Prinzhorns ärztlich-psychologischem Denken, die er 
auch als Grundlage des ärztlichen Denkens überhaupt wissen ^vill, ist der bio- 
logjsclie Begriff der Leib-Seele-Einheit, die er ausführlich in seinem gleich- 
namigen Buch dargelegt hat. Der Arzt muß ivissen, daß er es im Menschen 


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Carl Haeberlin 


mit zwei Bereichen zu tun hat: mit einer verläßlichen Leib-Seele-Einheit und 
mit einem unsicheren, täuschungsreichen Geiste. Die Betrachtung des Men- 
schen muß von der Seite des Lebens her geschehen; alles das, was wir Kon- 
stitution nennen, die gesamte leibseelische Verfassung, die erbbedingten An- 
lagen, die Fähigkeiten, Begabungen und Mängel, der biologische Charakter, 
die Entwicklungsmöglichkeiten und damit das biologisch bestimmte Schick- 
sal des Hilfesuchenden müssen dem Arzt klar werden. Und nun muß die so 
erfaßte Persönlichkeit als eigengesetzliche Welt behandelt werden. In jedem 
Menschen ist, wie in jedem andern lebendigen Geschöpf, jene unabänderliche 
Eigengesetzlichkeit des gegebenen Schicksals, der geprägten Form, die lebend 
sich entwickelt, vorhanden. Die erste Aufgabe psychotherapeutischer Arbeit 
ist für den Therapeuten die seiner eigenen Erkenntnis dienende Erforschimg 
der Persönlichkeit des Hilfesuchenden und ihres Eigengesetzes; vor diesem 
gilt es, die gleiche Ehrfurcht zu hegen, die wir jedem echten Wachstum gegen- 
über fühlen. Aus der Erkenntnis dieses Eigengesetzes des jeweiligen Hilfe- 
suchenden muß der Arzt das Gesetz seines jeweiligen Handelns empfangen; 
nur wesensgemäße Fülirung ist sinnvoll. Die metaphysische Hauptfrage der 
Psychotherapie, die in jede Einzelbehandlung hineinwirkt, heißt: wie gestaltet 
sich hier die Beziehung zwischen Geist und aus sich wachsender biologischer 
Einheit; eine Frage, deren Antwort in jedem einzelnen Falle besonders ge- 
geben werden muß. 

Von seiner Überzeugung her, daß das Gesetz des einzigartigen Einzelnen und 
der schicksalsmäßigen Geprägtheit seiner Konstitution und seines Charakters 
für jeden Menschen gilt, wendet sich Prinzhorn gegen alle jene Lehren, die 
behaupten, daß der Neugeborene eine Tabula rasa sei, aus der das sog. Milieu 
alles erst mache, daß es gewissermaßen möglich sei, durch Schulung und 
Erziehungsmaßnahmen, durch Dressur in Kursen und durch psychothera- 
peutische Behandlung den jeweils gewünschten, den jeweiligen sozialen und 
demokratischen Forderungen entsprechenden Menschentypus zu fabrizieren. 
Er deckt erbarmungslos die innere Leere dieser Allerweltsgleichmacherei auf 
und enthüllt die in ihrem Grunde vorhandene niliilistische Tendenz, die mit 
Ressentiment, mit Lebensneid vermischt ist. Denn eine solche Auffassung 
weiß nichts von den wirklichen Erscheinungen des Lebendigen, das in un- 
endlich vielen geprägten, nie gewesenen und nie wiederkehrenden Gestalten 
auf den Plan tritt. Aus der gleichen Auffassung heraus wendet sich Prinzhorn 
immer wieder kritisch gegen die Analyse. An Freuds Werk erkennt er zwei 
Aspekte: Der eine wird beherrscht von der jeder menschlichen Handlung 
gegenüber gestellten analytischen Urfrage; Was steckt hier an biologischen 
Triebkräften dahinter? — eine Fragestellung, die bereits schon von Nietzsche 
immer wieder angewendet worden ist und deren seelenkundliöhe Bedeutung 


Die Bedeutung von Ludwig Klages und Hans Prinzhorn 


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gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Der andere Aspekt aber ist 
der der eigentlichen Analyse, der Zerstörung, der Reduktion und der Ent- 
wertung des lebendigen Geschehens — hier lehnt Prinzhorn streng ab. 1927 
schrieb er, man müsse Freuds Einsichten in unser Weltbild transponieren. 

Vom biozentrischen Standpunkt ergibt sich eine klare Scheidung zwischen 
der Neurose und der Psychopathie; Neurose ist die Lage eines ungelösten 
Konfliktes, einer ungelösten Spannung. Als Psychopathie dagegen definiert 
Prinzhorn im Anschluß an Klages und weiterliin an Nietzsche einen gegebenen, 
anlagemäßig bedingten Dauerzustand, der einen besonderen biologischen 
Typus Mensch kennzeichnet; imter Psychopathie ist danach zu verstehen das 
Vorhandensein von lebensnotwendipn, der Erhaltung des Selbstwertgefühles 
dienenden Selbsttäuschungen. Diese Selbsttäuschungen stellen ihrerseits 
die Kompensation von anlagemäßig vorhandenen Mängeln dar. Neurosen 
können in manchen Fällen geheilt werden, ihre Träger können Nichtpsycho- 
pathen oder auch Psychopathen sein; gelmgt es, die Neurose eines Psycho- 
pathen zu heilen, so kann man ihn bestenfalls in den Zustand vor der Neurose 
zurückführen, aber die Psychopathie an sich kann man, hierauf weist Prinz- 
hora immer wieder hin, nicht heilen. So wenig man eine Herzhypertrophie 
„heilen“ kann, welche eine Schrumpfniere kompensiert, so wenig kann man 
aus einem Psychopathen einen Normalmenschen machen. 

Die eindringliche Beschäftigung mit Nietzsche ist für Prinzhorn auch auf 
weiteren Gebieten der Psychotherapie fruchtbar geworden, so in der Kritik 
der sog. Ideale. Nietzsches psychologischer Tiefblick veranlaßte seinen Ruck- 
schluß vom Werk auf den Urheber, von der Tat auf den Täter, vom Ideal 
auf den, der es nötig hat, und Prinzhorn hat diese tiefschürfende Art des 
Rückschlusses dem Psychotherapeuten besonders eindringlich empfohlen, denn 
sie kann vor vielen Täuschungen und Irrtümern bewahren. Unbedingte Ehr- 
furcht hatte Prinzhorn vor allem Gewachsenen, sei es Pflanze, Tier oder 
Mensch, sei es Kulturgut, gewordene Sitten und Bräuche oder echte Gemein- 
schaft. überall in diesem natürlich Gewachsenen sah er jene im Kosmos selbst 
am Werk befindliche unbegreifliche Ordnung des Lebens; ja, er sprach es in 
diesem Sinne aus, daß die Ordnung auf der Seite des Lebens, das Chaos aber 
auf der Seite des menschlichen Geistes stehe, wenn wir die Geistesleistungen 
der Entseelung imd Mechanisierung des ganzen Daseins, den aus den ge- 
priesenen Fortschritten von Chemie und Physik hervorgegangenen modernen 
Krieg mit seinen Mordmaschinen und chemischen Giften ins Auge fassen. 

Biozentrisch gesehen kann nur diejenige Psychotherapie wesensgemäße Hilfe 
schaffen, die sich das Gesetz ihres Handelns einerseits von der persönlichen 
Edgenart imd dem persönlichen leibseeUschen Schicksal des Hilfesuchenden 

Zentralblatt für Psychotherapie VII. 4 


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Carl Haeberlin 


vorschreiben läßt und die andererseits ihre Richtlinien empfängt aus der 
schlichten Betrachtung des Lebens selbst, wie es in seinen Verwirklichungen 
erscheint. Ist nun der Neurotiker jedesmal der Vereinsamte, der von der 
Fülle des Lebens mehr oder weniger Abgetrennte, aus Gemeinschaften 
Ausgeschlossene, dann kann das sinngemäße Ziel der bei ihm angewandten 
Psychotherapie allein die Schaffung einer neuen lebensgerechten Einordnung 
des bisher Vereinsamten in einer ihm gemäßen Gemeinschaft und im 
Ganzen der Welt sein. Darauf muß sich die Gemeinschaftsarbeit von Führer 
und Geführtem richten. Es handelt sich um nichts weniger als um die Wieder- 
gew'innung der Religio, einer neuen inneren Verbindung mit den schöpferischen 
Mächten des Lebens, und diese Gemeinschaftsarbeit kann nur das Ziel er- 
reichen, wenn der Führende, wie Prinzhorri immer wieder nachdrücklichst 
betont, beseelt ist vom Eros paidagogos — wie denn Paracelsus einmal sagt: 
der höchste Grund der Arznei ist die Liebe. An solche Arbeit schließt sich, 
als die dem Hilfesuchenden übertragene Aufgabe, die wesensgemäße Nach- 
entwicklung der Persönlichkeit an. Erlösimg von allen ungelöst gewesenen 
Schwierigkeiten und aus ihnen folgenden Leiden und Nöten bedeutet im bio- 
zentrischen Sinne Reifung, als die höchste Phase, zu der hin das Leben sich 
zu gestalten vermag. Mit ihr entwickelt sich dann das innere Vertrauen zum 
ewigen Ganzen der Welt, jene Seelenlage, auf die seit Jahrtausenden die ver- 
schiedenen Religionen hinstreben. So kann der Mensch wieder hineinwachsen 
in die lebensgerechte Hierarchie der Werte, die aus der eigenen be- 
grenzten Welt, aus dem Mikrokosmos sich ununterbrochen emporstufen bis 
zum Makrokosmos, zum ewdg lebendigen schöpferischen All der Welt. So 
wird Psychotherapie zvun Dienst an den Mächten des Lebens. 

Vom Arzt, der Psychotherapie treibt, verlangt Prinzhorn, daß er Real- 
politiker in den biologischen Vorgängen der Person imd zugleich Psychologe, 
d. h. Wissender in Sachen der seelischen Umwege sei. Er fordert also, daß 
der, der in die Werte der Wirklichkeit führt, auch auf dem Boden der Wirk- 
lichkeit stehe. 

über die Seelenführung hinaus, welche sich mit dem an Störungen Lei- 
denden befaßt, kann diese hiozentrische Wirklichkeitslehre bedeutsamste 
praktische Folgen haben, die sich besonders auf pädagogischem Gebiet auszu- 
wirken vermögen. Prinzhorn sagte noch 1932, es mangle bisher an den not- 
wendigsten äußeren Voraussetzimgen, um Klages Anweisungen zum rechten 
Handeln, rechten Denken, rechten Unterlassen fruchtbar zu machen, denn 
nodi gebe es keine Gemeinschaft nach biozentrischen Normen (alte Dorf- 
gemeinschaften näherten sich ihnen an), aber es gehöre doch zu den erfreu- 
lichsten Zeiten der Zeit, daß unter den ganz Jungen viele seien, die der vollen 
Leb^iswirklichkeit ins Auge sehen wollen. Er fährt wörtlich fort: „Im Augen- 


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Die Bedeutung von Ludwig Ivlages und Hans Priuzhorn 

blick jedoch, wo sich gegen die farblose Zweifelsucht jenes Ideologismus 
und seinen fanatischen Geistesstolz eine Generation auflehnt, die wohl Zucht 
und Ordnung annelimen will, aber nicht von den allgemeinen Gesetzen des 
Geistes, sondern von den Prinzipien des Lebens, in diesem Augenbhek wird 
aus dem Weltbild von Klages ein Ethos hervortreten, wie es eine solche Gene- 
ration braucht und sucht, und wie es zur Sicherung echter Volksgemeinschaft 

notwendig ist.“ 

Für- die Erziehwig haben bisher besondere Gefahren gelegen im Geistes- 
kult, in der Irrlehre, daß der Geist alles schaffe rmd daß der lebendige Körper 
ein Mechanismus sei. Daraus entstehen alle Ideologien und ihre Scheinwerte. 
Diese können aber nicht verbindlich sein, sondern allem jene Werte, die in 
den Gesinnungen gewachsener Gruppen verankert sind. Auch m der PoUtik 
haben solche Scheinwerte unter dem Namen der Humanität, der Freiheit, 
Gleichheit, Brüderlichkeit eine große Rolle gespielt, Erzeugnisse einer lebens- 
verarmten und lebensfeindUchen Nur-Geistigkeit. Auch im politischen Leben 
können echte Werte nur geboren werden aus den auf der Seite des^ Lebens 
stehenden erscheinenden Wirklichkeiten gelebter Volksbräuche und lebendiger 

Volksgesinnung . 

Durch die Teilhabe am Geist trägt jede menschliche PersönUchkeit die Mög- 
lichkeit innerer Widerstreite zwischen Geist und Leben in sich. Die Be- 
Avältigung dieser Konflikte, welche aus der biologischen Urtatsache der Zwie- 
spältigkeit des Menschen stammen, gehört zu den dringlichsten Aufg^en einer 
neuen, an biozentrischen Gedanken angelehnten Erziehung. Diese Erziehung 
muß - und dabei ist eine gleichzeitige E r t ü c h t i g u n g d e s L e i b e s u n - 
erläßliche Lebensnotwendigkeit — das Grundwesen des im Bio- 
logischen verankerten Menschen festigen, damit es den anstürmenden Forde- 
rungen des Geistes gewachsen bleibt. Aus dieser Einsicht ergeben sich be- 
deutsamste Kulturaufgaben für Menschen- und Seelenführung, deren letztes 
Ziel allein sein kaim die vollständige, wesensgemäße Entfaltung der in die 
Person gelegten Wachstumskräfte; und solche Seelenfülirung kann nicht aus 
Ideologien, sondern nur aus den Mächten und Kräften des Blutes und Lebens 
gespeist werden. 

Die Gedanken Hans Prinzhorns, wie er sie besonders in seiner „Psycho- 
therapie“ und in seiner „Persönlichkeitspsychologie niedergelegt hat, können 
zusammen mit dem oben dargestellten Leitlinien von Ludwig Klages die 
Wege zu diesen Zielen weisen. 


4 * 


52 


L. Seif 


I 


L. SEIF: 

VOLKSGEMEINSCHAFT UND NEUROSE 

Jeder Mensch steht in einem unvermeidlichen Bezugssystem drinnen, ohne 
das er überhaupt nicht existieren würde: Mensch — Mitmensch: Mann 
und Frau — Familie — Volk — Menschheit (= sämtliche Völker) — Erde — Kosmos. 
Dieses Bezugssystem ist eine Tatsache, ist unser Menschenschicksal und 
unsere Aufgabe. 

Eine Gemeinschaft ist (oder sollte sein, wenn sie eine richtige Gemein^ 
Schaft sein will) eine „Wir“-Beziehung mit einem gemeinsamen Ziel und 
gegenseitiger Hilfeleistung zur Lösung der gemeinsamen Lebensaufgaben. Da- 
mit eine Gemeinschaft eine Volksgemeinschaft sei, muß als wesentlich noch 
dazu kommen die Zusammengehörigkeit, das Verwachsensein durch Blut und 
Boden, Sprache, Weltanschauung, Kultur, Religion, Kunst und Tradition, Sitte 
usw., also die Einordnung des privaten Interesses der Individuen und der 
Gruppen in das öffentliche Interesse des Volksganzen und seiner Aufgaben. 

Unmittelbar, konkret gegebenes Bezugssystem ist für den einzelnen die 
Familie imd die Volksgemeinschaft. Sie sind unmittelbare Schicksals-Gemein- 
schaft imd Aufgabe. 

Der einzelne Mensch ist nicht ein Körper oder eine Seele oder ein Geist 
oder ihre Zusammensetzung, sondern ein primär gegebenes Ganzes, ein 
In-dividuum, eine in jedem Sinne in sich zusammenhängende, unteilbare, 
lebendige Einheit, zielgerichtet im Hinblick auf den Lebenszusammenhang, 
in dem es steht, also auf die durch das Leben und Zusammenleben gestellten 
Aufgaben. Vom Ganzen, von dieser Einheit des Individuums zu abstrahieren, 
einzelnes herauszulösen, z. B. etwa Bewußtsein, Unbewußtes, Sexualität, 
Körperliches usw. oder auch das Individuum aus seinem sozialen Lebens- 
zusammenhange zu lösen und es für sich allein verstehen wollen — es hat noch nie 
einen einzelnen Menschen allein gegeben — , heißt >auf wirkliches Verstehen, 
auf Erfassung eines Sinnzusammenhanges der verschiedenen Ausdrucksformen 
des Individuums verzichten. 

Damit ist schon angedeutet, daß derMensch ebenso Einzel-Ganzes 
wie Glied-Ganzes ist, daß also zu seinem Schicksale und seiner Aufgabe 
gehört die Gegensatzspannung: Mensch— Mitmensch (Familie, Volks- 
gemeinschaft), daß er frei und abhängig, frei und verantwortlich ist, Subjekt 
und Objekt gegenüber der Natur, der Gemeinschaft und Kultur. Durch die 
dauernd wechselnden Forderungen des täglichen Lebens wird die Gegensatz- 
spannung „Mensch Mitmensch^^ un Hinblick auf die nächste Umgebung und 
das Volksganze zur täglichen Aufgabe der Herstellung ihres „unge- 
fähren“ Gleichgewichtes. Und zwar sind es vorzugsweise drei Aufgaben, ^e 


Volksgemeinschaft und Neurose 


53 


im Mittelpunkt einer jeden Volksgemeinschaft stehen: die Verbundenheit der 
Volksgenossen schlechthin, die Sorge um das tägliche Brot und um die Nach- 
kommenschaft; Gemeinschaft also, Arbeit und Liebe, unter denen die Gemem- 
schaft der „Wir“-VerbundeiJieit auch die Grundlage der beiden anderen ist, 

der Arbeit und der Liebe. r « i i a/t i. 

Diese Lebensbewegung des einzelnen wie des Volksganzen und der Mensch- 
heit geht im Dienste der Selbsterhaltung und Entwicklung immer v o n e i n e m 
Minusweit tu einem Pluswert, also v o ne in e mm Anbetracht 
der harten WirkUchkeit und der Begrenathdt mensAhcher Fähigkeiten und 
Kräfte begreiflichen Gefühle der Unzulänglichkeit, Unsicher- 
heit und Minderwertigkeit in der Richtung eines Stre- 
bens nach einem Ziel der Sicherheit, Macht Uberlegcn- 
eenheit, Totalität, Vollkommenheit. Schon Plato beschneb 
diesen Vorgang in seinem unsterbUchen „Gastmahl“ R i e h a r d A v e n a r i u s 
in seiner Lehre von der Vitaldifferenz und ihrer Aufliebung, A 1 f r e d A d 1 c i 
in seiner Individtialpsychologie, dieser Psychologie der Gemeinschaft, deren 
Gegenstand „der Mensch als Mitmensch“ ist. Ausdruck jener Lebensbewegung 
ist die Tendenz des Individuums, das so wichtige und über die Stellung zur 
Umwelt orientierende Selbstwertgefühl zu heben und vor allem vor 

einem Sinken zu schützen. j o- u 

Wie verträgt sich dieses Ziel persönlicher Überlegenheit und Sicherheit 

mit der Kontaktfähigkeit, dem Gemeinschaftsgefühl und den Forderungen 

der äußeren sozialen Wirklichkeit? tt ^ -i u m w. e« lat oa 

Wollen wir uns von einem Menschen ein richtiges Urteil bilden, so 

wichtig, zu beobachten, wie er sich zu seinen Lebensaufgaben in der Gcm«m 
schaftf Arbeit und Liebe stellt, wie er sich da bemnmt. Tut er mit, zögert 
er löst er die Aufgabe nur teilweise, gebraucht er Ausreden, weicht er aus, 
um sich auf gemeinschaftsfeindlichen Umwegen den Schein einer persön- 
lichen Überlegenheit zu erUsten? Wie steht er zur KameradscMt, 
Freundschaft, zum anderen Geschleckte, zu seiner Volksgemeinschaft, zum 
Mtspielen, zur Mitarbeit, zur Kultur und iliren Forderungen ? A 1 1 e di e s e 
Fragen sind nicht ohne Gemeinschaftsgefühl zu losen. 
Wer sie ohne Gemeinschaftsgefühl lost, muß scheitern, 
gerät auf den Abweg der Neurose, der Suchten, Perversionen, Verwahrlosung, 

mancher Geisteskrankheiten, des Selbstmordes. 

Wie sich einer verhalten wird, hängt von der Lebens- und Weltanschauung 
des Menschen ab, worin, in welchen Werten er den Sinn des 
Lebens sieht. Sind es selbstische, persönliche W erte als letzte Lebenswerte 
wie Macht um der Macht willen, Glück, Erfolg, Besitz, Genuß und Ver- 
gnügen, Eitelkeit, Prestigesucht, von denen aus das Leben solange einen Wert 


54 


L. Seif 


und Sinn hat, als diese Werte gesichert sind, so ergibt sidi die Leben^- 
anschauung des Materialismus und Hedonismus, die von Pessi- 
mismus und Fatalismus unabtrennbar ist. Es ist die Weltanschauung 

D 

des für das Leben schlecht vorbereiteten, verwöhnten Kindes, im wesent- 
lichen auch des nervösen Menschen („mir geht nichts über mich‘‘. Max 
Stirner). Der Gegensatz dazu ist die über-individuelle Weltanschauung des 
Id ea 1 i smus, die dem Leben dadurch einen Sinn gibt, daß sie das Ideal 
selbst, also einen End-Wert, einen Wert, sub specie aeternitatis gesehen, z. B. 
das Ideal der Gemeinschaft, Ehre, Gleichberechtigung usw. in d a s 
Leben der konkreten Gemeinschaft hineinträgt, einen Wert also, 
für den auch das Leben hingegeben werden kaim. „Und 'setzet dir nicht das 
Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!“ (Kant, Fichte, 
H. Kerl er). 

Entgegen der verantwortungsscheuen Weltanschauung, das Leben zwangs- 
läufig durch die Kausalität bestimmt sein zu lassen, ist die Weltanschauimg 
des Idealismus final, auf Freiheit und Verantwortung auf gebaut, also mutig, 
aktiv und heroisch. 

Am häufigsten erscheint, in unzähligen Nuancen, eine Mischung aus beiden 
Anschauungen, der persönlichen Interessen und der überpersönlichen, sach- 
lichen und sozialen mit einer mehr minder starken Tendenz der Überbetonung 
der ersteren („Ich tue ganz gerne das Richtige, nur darf dabei mein Vorteil 
nicht zu kurz kommen!“). Hierher gehört auch die Neurose mit ilirem „Ja“ 
zur Gesellschaft, um allerdings mit dem „Aber“ das egoistische Interesse 
zu verschleiern. Die Harmonie der persönlichen und sozialen 
sachlich en Interessen, des Machtstrebens und Gemeinschaftsgefühles, 
ist nur durch das Übergewicht der letzteren herzustellen. „Gemeinnutz geht 
vor Eigennutz.“ 

Jene oben angeführten Lebensfragen widerspiegeln die Meinung eines 
Menschen von sich, seinen Kräften, der Umwelt, seiner V orbereitung, 
den Grad seines Mutes, kurz seinen Lebensstil, den er sich „zur 
Überwindung seines Minderwertigkeitsgefühles“ in den ersten drei bis fünf 
Jahren seiner Kindheit ertastete, nicht in deutlichen Begriffen, sondern in 
einem gewissen emotionalen Dunkel. „Nicht in den Menschen und Dingen, son- 
dern in unserer Meinung von Menschen und Dingen hegen unsere Schwierig- 
keiten“, sagt E p i k t e t. Kein Mensch kann umhin, sich einzuschätzen, 
wertend Stellung zu nehmen zu seinen angeborenen Fähigkeiten und den Ein- 
drücken, die ihm die Umwelt vermittelt. Zu welcher „Meinung“ ein Kind 
kommt, in welchen, in seinem individuellen Lebensstile niedergelegten Ver- 
haltungsweisen diese Meinung ihren Ausdruck findet, das ist nicht etwa ein 
zwangsläufiger, kausaler Abklatsch von organischen und Umweltfaktoren, 


55 


Volksgemeinschaft und Neurose 

sondern freie, aktive, schöpferische Leistung des Kindes. Man weiß noch 
nichts, wenn man etwas über seine Organstörungen, über die Mängel seiner 
Erziehung oder über sein verstärktes Minderwertigkeitsgefühl weiß. Erst 
im Verhalten des Kindes zur Umwelt, in seiner sozialen 
Bedingtheit, zu der vor allem seine Charakterzüge gehören, zeigt 
gjßjj. unter de m Einflüsse dieser aktiven, schöpferischen 
§rellungnah ixi e des Kindes seine „M! e i n u n g . 'W as das Kind 
aus alledem macht, ist nicht aus einem Teil des Kindes, einem Triebe, 
dem Unbewußten, einem Organsystem, der Umwelt zu erklären, sondern nur 
als seine freie, schöpferische Leistung zu verstehen. 

Daß hier etwas mehr vom Kinde gesprochen wird, hängt damit zusammen, 
daß die Wurzel des Verstehens, des Bewegungsgesetzes, des Lebensstiles des 
Erwachsenen in der Kindheit ruht. 

Nun zur Neurose! Bevor wir ihre Definition geben, auf die schon An- 
deutungen aus dem Vorausgehenden hinweisen, sei festgestellt, wie ungeheuer 
verbreitet diese Erkrankung heute überall auf der Erde, sicherlich aber in 
Europa ist, wie qualvoll viele Menschen ihr ganzes Leben damit zubringen, wie 
einschneidend ihre sozialen Wirkungen auf FamiUe, Ehe, Beruf und das ge- 
sellschaftliche Leben sind, welche oft sehr schweren Konflikte, Opfer, Lasten 
und Kosten nicht nur der nächsten Umgebung, sondern insbesondere der 
ganzen Volksgemeinschaft erstehen, und wie sehr alle diese Tatsachen Gegen- 
stand der Forschung und mannigfaltigster praktischer Versuche geworden 
sind, dem Übel abzuhelfen, in allererster Linie seitens der Medizin. Von 
größter Tragweite ist es deshalb für den einzelnen Kranken, die nächste Um- 
gebung und das so sehr in Mitleidenschaft gezogene Volksganze, ^er Wesen, 
Entstehimg, Verhütung und Behandlung der Neurose zu einer richtigen Er- 
kenntiiis zu koiuincn. 

Vergleicht man einen ungefähr normalen Menschen und einen Nervösen, 
die einer Aufgabe, der „überwindmig einer Schwierigkeit“, etwa im Berufe 
gegenübergestellt sind, so zeigen zunächst beide eine gewisse affektive Er- 
schütterung: Der Normale stutzt, erschrickt zunächst wohl auch. Aber diese 
Welt ist ihm seine Heimat, hier ist er zu Hause, er hat Vertrauen zu sich und 
Hl die Vertrauenswürdigkeit des Lebens, von dem er gut weiß, daß zu ihm 
auch Schwierigkeiten und Mißerfolge gehören, er wird dank semem Mute imd 
seiner wachsenden besseren Vorbereitung angesichts der Aufgabe schöpferisch, 
erfinderisch und aktiv, setzt sich mit ihr auseinander, freut sich des Erfolges 
oder lernt vom Mißerfolg, immer bereit, seinen Anteil zur Lösung der ge- 
meinsamen Lebensaufgaben seines Lebenskreises, der Familie, des Vaterlandes 
beizutragen. So wird er seine emotionale Erschütterung, seinen Schrecken 
dureb Auseinandersetzung mit der Aufgabe los. 


56 


L. Seif 


Ganz anders der Nervöse, entsprechend natürlich den zahlreichen Ab- 
schattierungen individuellen Lebens und Verhaltens: Er ist auch erschüttert, 
etwas mehr wie der andere, aber er b 1 e i b t erschüttert, wird seinen Schrecken 
nicht los, hält ihn sozusagen immer in Bereitschaft im Falle einer Begegnung 
mit der Wirklichkeit. Er zögert angesichts der Aufgabe, schwankt, gebraucht 
und liebt Ausreden (Kopfschmerz, Angst, Schüchternheit, Erröten, Schwätzen, 
schlechter Schlaf, Magenkrämpfe, Übelkeiten, Harn- und Stuhldrang, Zwangs- 
vorstellungen, Depressionen, Ohnmacht usw.). Er tritt den Rückzug an, den 
ein langes Training von Kindheit an vorbereitete: Gefühle, Verbal tungsweisen 
und Träume, um bei seinem Lebensstile zu halten, den Rückzug vor der 
Entscheidung und Verantwortung gegenüber der sozialen 
Aufgabe mit einem „Ja, aber“, „Ich will schon, aber ich kann nicht“. Mit 
dem „Ja , mit dem „Ich will schon“ macht er theoretisch den Forderungen, 
der Gemeinschaft eine Konzession, um mit dem „Aber“ und dem „Ich kann 
nicht der Tat und der Verantwortung nicht nur enthoben zu sein, sondern 
durch die „Krankheit“ (nur dieser gewährt die Gemeinschaft Enthebung von 
der Verantwortung) auch noch Privilegien, Hilfe, Fürsorge, Trost, Mitleid, 
Liebe in Anspruch zu nehmen. Der wesentliche Sinn seines Ver- 
haltens aber ist, diesen überempfindlichen, ungeduldigen — der Nervöse 
kann auf nichts warten — leicht entmutigten EitlenvorderBlamage, 
vor einem Sinken seines Selbstwertgefühles in den Ab- 
grund der W ertlosigkeit zu sichern. Dies will er, nicht die Krank- 
heit, wie oft fälschlich gemeint wird. Diese ist ihm nur Mittel zum Zweck, 
sich vor dem Schlimmsten, dem Verluste seines Heiligenscheines, seines Gott- 
älinlichkeits-Anspruches, vor dem Fall seines Hochmutes zu schützen. 

Und er hat ja recht. Er brauchte für die Lösung seiner Aufgaben weder den 
richtigen Mut noch die richtige Vorbereitung dazu mit. Diese seine Eitelkeit, 
die ihn ewig zu Taten vorwärts treibt und ewig wieder vor ihnen warnt und 
ihn zurückstößt, als stünde er vor der größten Gefahr, die ihm passieren 
könnte, nämlich seine völlige ertlosigkeit zur Entlarvung zu bringen. Er 
hat ja sein Vertrauen zu sich und den Menschen, dem Leben verloren — alles 
dies natürhch in individuellen Unterschieden. Die Frage: „Was denken die 
Menschen von mir, welchen Eindruck mache ich auf sie?“ ist für ihn die zen- 
trale Frage. So sind für ihn die verschiedenen Masken seines Rückzuges von 
früher Kindheit an wohl trainiert. Als Deserteur ins feige Hinterland, weg 
von der Front des Lebens, die Mut und Gemeinschaftsgefühl verlangt, die 
er nicht besitzt, hat er immer die Symptome, die Logik, die Argumente, die 
Gedanken und Gefühle und Verhaltungsweisen, die er braucht zur Deckung 
seines Rückzugsgefechtes, zur Rettung seines Selbstwertgefühles vor der 
Selbstverachtung. Er wird immer vor der Aufgabe ausreißen. 


Volksgemeinschaft und Neurose 


57 


die seiner „Meinung“ auch schon als Kind zu schwer vorkam (hieran ist nichts 
von einer Regression). Er wird sich nur solche Aufgaben Zu- 
trauen, die er auch als Kind schon mit Erfolg und Auszeichnung seines 
ewig hungrigen Selbstgefühles zustande brachte. 

Damit ist schon gesagt, daß die Aktivität des nervösen Menschen ver- 
ringert ist, der Umkreis seiner Kontaktfähigkeit und damit auch seiner 
Lebensmöglichkeiten, seiner Vitalität, seiner lebendigen Unbefangenheit stark 
eingeengt ist im Vergleich mit dem gesunder, normaler Menschen. Sein ver- 
kleinerter Alctionsradius erlaubt ihm, i m S o z i a 1 e n nur insoweit mit- 
zutun, als sein privates Interesse, seine persönliche 
Überlegenheit gesichert ist, allerdings nur solange, bis diese conditio 
sine (pia non seines Mittuns, die für ihn sichere freundliche Situ- 
ation sich ändert. Seine Neigung zu Rückzügen verrät ja eindrücklich und 
unmittelbar, wie schwach entwickelt seine Kontaktfahigkeit ist. 

Größere Aktivität eines Kindes, immer unter Berücksichtigung des ein- 
zelnen Falles, deutet im Falle eines späteren Versagens nicht so sehr auf Neu- 
rose, als bei Mangel an Mut und richtiger Vorbereitung — M u t u n d G e - 
meinschaft gehören ja untrennbar zusammen, — auf Ver- 
wahrlosung, Verbrechen, auf Suchten wie Alkohol, Morphium und gelegentlich 
auch auf Suicid. 

Wie tief eingegraben das Ideal der Gemeinschaft als oberster leitender 
Wert gerade auch im Nervösen ist, trotz seinem „über die Gern ein- 
schaftverfügen, oh ne für sie verfüg bar zu sein“, zeigen ja ge- 
rade seine Ausreden, Rechtfertigungen, sein „Ja, Aber“, seine Verbeugung 
vor der Gemeinschaft in dem Augenblicke, wo er sie ausnützt und schädigt 

in einem Atemzuge. 

Geht man den Bedingmigen dieser schlechten Vorbereitung nach, so stößt 
man auf die Atmosphäre der Kindheit, auf den sozialen Lebenskreis, die 
Familie, die ja ihrerseits wieder nicht abzutrennen ist von der Gesamt-Menta- 
lität des Volkes, die sich auch in der der Familie mit ausdrücken kann. Es gibt 
ja auch Gemeinschafts- und Volksneurosen, wie es der Weltkrieg, sein Vorher 
und sein Nachher in erschütternder Weise zeigte. 

Die wichtigste Rolle beim Kinde und damit auch für die Volksgemeinschaft 
spielt die Mutter, die, wenn sie ihre spezielle Funktion verfehlt, als Treu- 
händerin das Vertrauen des Kindes zu ihr zu wecken und auf den Vater und 
die Geschwister und allmählich auch auf die Welt außerhalb der Familie 
weiterzuleiten, eine zwiefache Gefahr für das Kind bedeuten kann: 1. Die 
Mutter verwöhnt das Kind, das damit leicht zur „Meinung“ kommen kann, 
alles müsse ihm entgegenkommen, helfen, schenken, alles bequem und ange- 
nehm machen. Rücksicht auf andere nehmen, Sch^vierigkeiten übenvinden, 


58 


L. Seif 


Kameradschaft. Freundschaft, Liehe zu seinem Volke entwickehi, lernt es 
nicht. Angstzustände, nächtliches Aufschrecken, Weinen, Bettnässen, Stottern, 
Stuhlverstopfung, Kopfweh usw. werden ausgenützt zu einem Ziele der über- 
legenheit. Tag und Nacht die Mutter oder irgendeine andere Person in den 
Dienst zu stellen oder sich durch jene Verhaltungsweisen an ihr zu rächen 
und sie zu ärgern. Alles geht gut, solange die gleichmäßige, .'freundliche 
Situation festgehalten werden kann, wogegen Änderungen, so auch im 
späteren Erwachsenenlebeii, dem Lebensstile entsprechende Affektstürme aus- 
lösen, die ausgenützt werden, um die bedrohte Eitelkeit imd Herrschsucht 
auch vor der kleinsten Beeinträchtigung zu sichern. 

Dagegen wird vergleichsweise das ermutigte Kind, das das große Glück 
hatte, von seinen besser vorbereiteten Erziehern der Gemeinschaft, der Über- 
windung von Schwierigkeiten und dem Selbstvertrauen gewonnen zu werden, 
lernen, Änderungen und Erschütterungen tätig zu bewältigen. Der Mutige 
überwindet diese Erschütterung tätig, der mutlose Nervöse verewigt sie. Dies 
.unterscheidet beide. 

Die zweite Gefahr ist, daß die Mutter das Kind entweder vernachlässigt 
oder zu strenge behandelt, \vas das Kind entweder in die verwöhnenden Arme 
des Vaters treibt oder sein Leben lang leicht der Meinung lausliefern kann, es 
sei in Feindesland. 

Organminderwertigkeiten ivie Störungen der Ernährung, Atmung, des Kreis- 
laufs, der Sinnesorgane, Haut usw. sind in der Regel vererbt imd können das 
Kind leicht zu der Meinmig verführen, es sei durch sein Handicap den Auf- 
gaben der Gemeinschaft und den bevorzugten Gesunden nicht gewachsen, 
dies um so mehr, als es bei den Eltern nicht die richtige Hilfe und An- 
leitung fand. Im Gegensätze dazu vergleiche man hiermit den illustrativen 
Fall des armlos geborenen HermannUnthanin der ausgezeichneten Auto- 
biographie: Pediscript. 

Alle diese und noch viele andere ähnliche Faktoren, die hier nicht weiter 
aufgeführt werden können, sind nicht ein kausaler Zwang für das Kind, nervös 
zu werden, sondern „Bausteine“, die das Kind frei und schöpferisch zum 
Aufbau seiner Persönliclikeit benützt. Geschieht dies unter der Verführung 
einer wohlverständlichen, aber nicht berechtigten zu niedrigen Selbstein- 
schätzimg, also eines verstärkten Minderwertigkeitsgefühles zum Aufbau einer 
nervösen Persönlichkeit, so werden alle individuell ausgebildeten nervösen 
Symptome zu körperlichen wie seelischen Dauersymptomen (die körperlichen 
Symptome durch den Einfluß der Emotionalität auf vegetatives Nervensystem 
und endocrine Drüsen). 

In welchem Ausmaße die gestörte Volksgemeinschaft mitbeteiligt ist an 
dem Zustandekommen der Neurose, die eine der verführerischsten an- 


Volksgemeinschaft und Neurose 


59 


steckenden Erkrankungen sein kann, beweist die Tatsache, daß so viele Er- 
zieher, Mütter, Väter, Ärzte, Kindergärtnerinnen, Lehrer in nervösen 
Schwierigkeiten stecken und also imgenügend vorbereitet sind, erzieherische 
Fehlschläge zu vermeiden oder, wo sie schon geschehen sind, sie heilen zu 

helfen. i 

Wenn der Satz richtig ist, daß der unentwickelte oder minder entwickelte 
(nicht Gehirnkranke) zu seiner Entwicklung des mehr entwickelten Menschen 
bedarf, so gilt auch der umgekehrte Satz, den mir eine fast zwölfjährige 
Erziehungsberatungstätigkeit durchwegs bestätigte, daß die Gharakterfehlcr 
des Kindes widerspiegeln die Charakterfehler der Erwachsenen. Wie sollen 
Blinde Blinde führen, wenn sie selbst durch eine ähnliche oder gleich nervöse 
Familientradition nicht gelernt haben, ihre sozialen Lebensaufgaben zu lösen! 
Vater, Mutter, Lehrer, Seelsorger usw., selbstunterdrückteUnter- 
drücker, sind ein häufiger Fall. Die schädigende sog. Gemeinschaft wird 
wieder geschädigt, der circulus vitiosus, der Hexenkreis ist fertig. Zum Raufen 
gehören eben zwei. Auflösende Tendenzen im Vollcsganzen schädigen den Teil, 
den einzelnen, und das Ganze. 

Fassen wir zusammen* Die Neurose ist eine vom Fatieiitcn selbst unver- 
standene Verwendung der aus seinem verstärkten Minderwertigkeitsgefühle 
im Zusammenprall mit den berechtigten, manchmal auch nicht berechtigten 
Forderungen der sozialen ^Virkhchkeit entstandenen Affekt Wirkungen, um 
Leistungen der Gemeinschaft ohne Gegenleistung zu erschleichen und sich 
ihren notwendigen Forderungen durch Rückzug ohne Verantwortung zu ent- 
ziehen. 

Heilung und Verhütung; Es gibt keine Verpflichtung zur Neurose, 
wohl aber, wie gezeigt wurde, in Anbetracht der allgemeinen Unzulänglichkeit 
menschlicher Kräfte und der Unerbittlichkeit der Wirklichkeit eine mehr 
oder minder starke Verlockung. Den vermeintlich größeren Leiden des Zu- 
sammenlebens zu entrinnen, bezahlt der Nervöse mit den oft schweren Kriegs- 
kosten eigener, vermeintlich kleinerer Leiden im Dienste der Rettung seines 
überempfindlichen Selbstwertgefüliles. Die schwierige Auswirkung für den 
Kranken wie für die Volksgemeinschaft ruft dringend nach Abhilfe. Lautete 
das Motto des entmutigten Nervösen: „Wenn ich einen Schritt vorwärts tue, 
so bin ich verloren,“ so bedarf er jetzt jener Selbstbesinnung, Mut und Ver- 
trauen weckenden Führung, die ihm hilft zu dem Punkte zu kommen, wo er 
selbst, frei aus sich sagt: „Wenn ich jetzt den Schritt nicht vorwärts machte, 
dann wäre ich verloren.“ 

Dem ist aber beizufügen, daß jeder Zwang oder Druck zu einer Änderung, 
Bemoralisieren, Erweckung von Gewissensbissen, Schuld- und Reuegefühlen, 
von Zerknirschung leicht zu einer gefährlichen Beschämung des Selbstwert- 


60 


L. Seif. Volksgemeinschaft und Neurose 


gefühles und damit zu einer Verschärfung des Minderwertigkeitsgefühles und 
zu einem Widerstande gegen die Änderung führen, wo nur die sachliche und 
ermutigende Haltung des Psychologen die Voraussetzung für eine freie und 
spontane Änderung zur Mitarbeit und Selbständigkeit mitschaffen helfen kann 
dadurch, daß die Fehlschläge ruhig und freundlich als verständliche, wenn 
auch irrtümliche „Meinungen“ entlarvt werden. 

Nietzsches prophetisches Wort: „Es wird eine Zeit heraufkommen, in 
der alles Erziehung sein wird. Aber die ersten müssen sich selbst erziehen“, 
und Clausewitz’s mutiger, allem feigen Glauben, von irgendwoher viel- 
leicht Hilfe zu erhalten, absagender Entschluß: „Ich sage mich los von der 
leichtfertigen Hoffnung einer Errettimg durch die Hand des Zufalls“, zeigen, 
daß das Problem der Volkserkrankung, die man Neurose nennt, und seine 
Lösung durch ihre Heilung und V erhütung nicht länger mehr dem Z u f a 1 1 e 
ausgeliefert bleiben darf, sondern ihrer allmählichen Verwrklichung zuge- 
führt werden muß durch die Lösung der vordringlichsten Aufgabe; der -Er - 
Ziehung der Erzieher. 

Politik undPädagogik wirken hier zusammen :DiePolitik durch 
Schaffung des institutioneilen Rahmens einer echten Volksgemeinschaft, die 
P ädagogik durch ihre in diesen Rahmen eingegliederte Mitarbeit in Form 
A^on Verhütung von Fehlschlägen einerseits und Erziehung der Jugend zu 
einem freien, gleichwertigen und gleichberechtigten Mitgliede der Volks- 
gemeinschaft, desgleichen diePsychotherapie,dieim Grunde auch Er- 
ziehung ist, durch Erweiterung und Vertiefung des Verständnisses jenes 
Stückes Kindheit, in dem das Kind unter dem Zusammenstöße mit der Wirk- 
lichkeit seine wichtigste Funktion, seine Kontaktfähigkeit, sein Gemeinschafts- 
gefühl einzuschränken anfing, und auf der Basis dieses vertieften Verstehens 
durch Weckung des Mutes zu einer besseren Vorbereitung für die ge- 
meinsamen Lebensaufgaben. Verstehen seiner selbst und des 
Mitmenschen ist aber der Weg zur Lösung jener unend- 
lichen Aufgabe (K ant): Die Gestaltung der wirklichen 

Volksgemeinschaft dem Ziele der idealen Volksgemein- 
schaft allmählich immer näherzubringen. 

Es wäre dies die Aufgabe, der zu spielenden Symphonie des Volksganzen 
immer bessere Mitspieler zu gewinnen. Von der Erfüllung dieser Bedingung 
hängt die Lösung der auf das letzte Ganze ausgerichteten Aufgabe ab, all- 
mählich zu einem besseren Konzerte der Völker und damit zu einer lebbareren 
Erde zu gelangen. 


J. H. Schultz. E>er Yoga und die deutsche Seele 61 

J. H. SCHULTZ: 

DER YOGA UND DIE DEUTSCHE SEELE. 

Selbstverwirklichuiigist von uns immer als das Letzte der Psycho- 
therapie benannt worden; nicht „Ich“ -Verwirklichung; nicht Gestaltung nach 
irgendeinem dem Arzte inneren Bilde, sondern Aufbau des anderen aus 
seinen Kräften, Maaßen, Eigenheiten, Möglichkeiten und Notwendigkeiten; 
nicht aus einem Einzelnen, sondern aus der schöpferischen Fülle seines ge- 
samten Seins. 

Sich selber treu zu sein, soll der andere erfahren, erkämpfen. Sich selber 
treu werden, wozu die Selbstfindung allein führen kann, ist das psycho- 
therapeutische Heilungserlebnis, imd die mit verantwortende Ehrfurcht vor 
dem seelischen Sein des anderen ist das Siegel, in dessen Namen arbeiten, 
jetzt und solange es eine ärztliche Psychotherapie strengen Sinnes geben wird. 
Überflüssig, nach anderen Vollmachten Ausschau zu halten oder pathetisch zu 
fragen, in wessen Namen unsere Arbeit geschehe. 

So muß jeder Versuch, in der Psychotherapie Wesensfremdes an den an- 
deren heranzubringen, als Fehlgriff angesehen werden; gerade von hier aus 
erscheint die Frage nicht überflüssig, ob die jetzt so vielfachen Be- 
mühungen, den Yoga für unsere Psychotherapieauszu- 

werten, vor sachlich er und besonnener Kritik stand halten 

könn en? 

Zu ihrer Beantwortung soll in kurzen Zügen versucht werden, die w e s e n t - 
liehe Eigenart des Yoga zu kennzeichnen und daran an- 
schließend einige neuere Arbeiten zu betrachten, die Psycho- 
therapie und Yoga behandehi. ' 

^^Dig Anfänge des Yoga^^ ^^§1- 1* ue r in seiner verdienstN ollen Studie 

„Der Yoga als Heilweg“ (Stuttgart, Kohlhammer, 1932) „gehen zurück in die 
Zeit der altindischen Frühgeschichte; wir dürfen sogar die Behauptung wagen, 
daß sie urindogermanisch sind“. Gleichwohl zeigen sich verwandte 
Ansätze in allen primitiven Kulturen. Das Wort Yoga von der Sanskritwurzel 
yuj (lateinisch jugun, griechisch Cöyo?» deutsch Joch) heißt „Anjochen, An- 
spannen“, wobei für Hauer das „Anjochen“ der schweifenden Gedanken 
das Entscheidende ist. Es handelt sich also beim Yoga nicht um irgendeine 
Glaubenslehre; Yoga ist, wie Heiler in seiner schönen Arbeit über „die 
buddhistische Versenkung“ (München, Reinhardt 1922) ausführt, „eine ge- 
meinindische Geistesrichtung... das Bestreben, durch körperliche und 
geistige Methoden der Konzentration zu höheren Bewußtseinszuständen zu ge- 
langen, kurz, eine mystische Psychotechnik“. 


62 


J. H. Schultz 


Dementsprechend finden tvir unter den indischen Yogin die verschieden- 
artigsten Menschentypen und sehen mehr oder minder systematisierten Yoga 
bei Anhängern der verschiedensten Weltanschauxmgen, Religionen und Sekten- 
lehren. „Der Gedanke, die Vereinigung der individuellen Seele mit der Welt- 
seele durch Meditation herbeizuführen und diese durch mechanische Mittel 
zu unterstützen, ist so allgemein anerkannt in Indien, daß auch die Ange- 
hörigen anderer Sekten so gut wie Laien mit dem Yoga-Apparate seit alter 
Zeil vertraut gewesen sind“ (R. Schmidt, Fakire und Fakirtum 2. Auli., 
Berlin, Barsdorf 1921). Auch die sich von Menschenfleisch ernährenden 
Siva- Verehr er, die Aghori z. B., trieben Yoga. 

Bei dem ehrwürdigen Alter des Yoga, der bis in die ältesten Teile des 
Rigveda (erste Hälfte des zweiten Jahrtausend vor Christi Geburt) in Andeu- 
tungen zurückreicht und in dem jüngeren Athärvaveda, dem brahmanischen 
„Veda der Zauberer“ (R. Schmidt) schon genauer dargestellt wird, hat sich 
dementsprechend im Verlaufe der indischen Geistesgeschichte eine überaus 
wechselvolle gedankliche Anfüllung ergeben. 

Es darf daher als erstes, für unsere Frage wichtiges Ergebnis festgestellt 
werden, daß Yoga als „Technik“ oder „Geistesrichtmig“ nicht an besondere 
Heillehren gebunden ist, ja nicht einmal eine bestimmte weltanschauliche 
Haltung erfordert. Den Yoga für imsere Therapie fruchtbar machen wollen, 
bedeutet also an sich in keiner Weise ein übernehmen geformter fremder 
Geistigkeit. Die Spree soll nicht zum Pseudo-Ganges umgekitscht werden. 
Niehl nur fehlt dazu dem deutschen Arzte die vertiefte Beherrschung des 
Stoffes, sondern er darf sich hier — von allgemeinen guten Gründen ab- 
gesehen — auf alle führenden Fachgelehrten berufen, die, wie R. Otto, 
11. Zimmer, I. W^. Hauer u. v. a. nicht müde werden zu betonen, wie 
gerade nach wirklich gründlichem, von umfassendem Fachwissen unterbautem 
Beschäftigen mit der Welt des Ostens ihre Unzugänglichkeit für den Euro- 
päer offenkundig ist. Der beste deutsche Kenner der indischen Plastik, 
H. Z i in m e r , schildert für dieses sein eigenstes Gebiet („Kunstform und Yoga 
im indischen Kultbild“, Berlin 1926) das Erlebnis unübertrefflich klar mid 
unverstellt: „wenn sich in uns bei Begegnung mit indischer Plastik noch immer 
wieder statt spontanen Ergriffenseins und unmittelbarem Kontakt ein milder 
Schauer ehrfürchtiger Verwunderung, ein unwillkürliches Leisegehen der Seele 
wie beim Betreten fremder, halbverhangener hoher Räume einstellt, uns 
fremde Fühlung überfällt, muß es fruchtbar sein, dieses sich immer wieder 
einstellende Eindruckselement festzustellen rmd anzuerkennen, anstatt es in 
kaum bemerkter Aufwallung von Scham vor uns selbst, als unseres leiden- 
schaftlichen Erkenntniswillens imwürdig und mit imserer Lust, in diese große 


Der Yoga und die deutsche Seele 


63 


Welt einzugehen, unvereinbar, aus dem Lichtkreis des Bewußtseins zu ver- 
bannen, wenn es ilin betritt.“ ■ 

Ernsthafte Bemühungen mn den Yoga als eine allgemein mensch - 
liehe Erlebnisweise brauchen diese Gefaliren nicht zu fürchten. ,J)as 
Denken der Veden stammt nicht aus Geist und Hirn, sondern aus Leben und 
Leib“, wie H. Zimmer („Ewiges Indien“, Kiepenheuer 1930) schön formu- 
liert. Yoga ist „Weg des Lebens in sein eignes Inneres“, „Aufhebung des Ge- 
wahrwerdens zugunsten des Innewerdens. Alle wesentliche Erfalirung kann 
nichts anderes sein als Selbstergründung des Lebens“. 

Die Yogin sind „Philosophen aus dem Blute“, die K 1 a g e s in seinein 
Werke über „die psychologischen Errungenschaften Nietzsches“ von den 
„Hirnphilosophen“ unterscheidet. 

Was dem Yoga Sonderstellung und Sonderbedeutung gibt ist nicht land- 
gebunden Indisches, weltgebunden Ostisches; im Yoga sind allgemein 
menschliche Erlebnisweisen sorgfältiger geordnet, hin- 
gebungsvoller gestaltet, opferwilliger ausgebildet. Aber 
kein Stück des Yoga ist ihm allein eigentümlich. Mystische Intuition religiös 
Erschütterter aller Zeiten, Länder und Religionen ließ ungeordnet imd auf- 
baulos gleiches seelisches Geschehen vorbrechen. Besonders anschaulich hat 
F. H e i 1 e r in seiner bekannten Monographie über „Das Gebet“ die Gebets- 
und Versenkungsstufen verschiedenster Zeiten und Religionen zusammenge- 
stellt und die gemeinsamen Stationen dieses Menscliheitsweges zur Tiefe an- 
schaulich geniächt. Hier nehmen gerade unsere deutschen großen Mystiker 
einen bedeutsamen Platz ein. Die nahen innerseelischen Beziehungen solcher 
Ausnahmezustände zum seelischen Aufbau des allgemeinen religiösen Erlebnis 
sind neuerdings besonders schön in W. Gr u eh ns Religionspsycholog.e 
(„Jedermanns Bücherei“, Hirt, Breslau 1926) dargetan. Vor allem das monu- 
mentale Werk seines uns so früh entrissenen Lehrers Girgenso in ü er 
die Psychologie des religiösen Erlebens bietet neben Gruehns eigenen 
Studien eine Fundgrube für liier wichtige psychologische Daten; zeigt docli 
die eingehende verstehende und phänomenologische Bearbeitung schlichter 
religiöser Erlebnisse, daß sie unauffällig, aber unverkennbar in sich tragen, 
was in religiösen Ausnahmezuständen spontan, im Yoga systematisch er- 
arbeitet, aus der Tiefe vorbricht. Entschluß der Zuwendung, Hingabe an das 
Innen bis zur Kontalctlösung mit der Umwelt, leibhaftig Werden tiefster 
Wesenheit in körperlicher Gebundenheit. So ist auch religionspsychologisch 
der Yoga kein abseitiges Einzelphänomeii; er ist in seinem wesentlichen 
Gehalte nicht einmal lediglich an Ausnahmezustände gebunden. 

Yoga entspricht allgemeinsten menschlichen Erleb- 
nis weisen; in ihm fand die ahnende Intuition Altindiens den Selbstaufbau 


64 


J. H. Schultz 


und die Selbstbeschreitung von urtümlichen Stufen des Menschenweges in 
seine eigne Tiefe. Damit dürfen wir zwei für die Psychotherapie wesentliche 
Fragen stellen: 

1. W as kann der Yoga uns über den W eg zur Tiefe all- 
gemeinpsychologisch lehren? 

2. Was kann der Yoga uns über den Weg zur Tiefe tech- 
nisch lehren? 

Am Yoga, so als allgemeinste menschliche Erlebnisweise verstanden, hat 
die deutsche Seele vollen Anteil. Besonderen Anteil darum, weil es sich hier 
um indogermanische Urtradition handelt, deren ältestes Sprachdenkmal ja 
eben die Veden darstellen. Mag auch die Geisteswelt der in Hochasien ein- 
dringenden Aryas vor Jahrtausenden von drawidischen Überlieferungen An- 
regungen erhalten haben — viele Indologen neigen dazu, den Fluch ewiger 
Wiedergeburt (samsara) zum unentrinnbarem Leiden des Lebens als einen 
solchen Fremdkörper zu betrachten — das Grundprinzip der letzten Wirklich- 
keit des Innerlichen bleibt in allen seltsamen Vermummungen der indogerma- 
nischen Geschichte lebendig. 

Der Weg zur Tiefe ist bei allem echten Yoga seit Jahrtausenden gegliedert, 
wobei 7 — 8 „angas^'^, Glieder, unentschieden werden. Es sind: 1. Yama 
(„Zügelung“, Hauer), Die Erfüllung der großen Gebote als Ausdruck be- 
wußter Bereitschaft zum Heilswege. 2. Ni yama („Selbstzucht“, Hauer), 
Die Observanz. Hier finden wir im indischen Yoga, besonders in der technisch 
vollendetsten Form, dem Hathayoga, der leider von allzu geisteswissenschaft- 
lichen Forschern oft unterschätzt wird, eine Reihe sehr interessanter Einzel- 
heiten. Die Reinigung des Organismus wird durch eine Reihe genauer Maß- 
nahmen sorgfältig betrieben; das Verschlucken eines langen schmalen Leine- 
w^andstreifens, der dann wieder herausgezogen wird, stellt eine Art primitiver 
Magenspülung dar („Dhauti“); Darmspülungen („Basti“), Nasen-mundson- 
dieren mit Wollfäden („Neti“), Bauchschnellen und -rotieren („Nauli“) werden 
genannt tmd endlich die „Kapälabhäti“übung die in der Geranda-Samhita als 
Nasendusche, in der Hathayogapradipika als Hyperventilation geschildert wird. 

3. Äs ä n a , die Posituren oder Haltungen. Ihrer sind von Gott Siva 8 400 000 
angegeben; R. Schmidt reproduziert 87 indische Originalabbildungen aus 
dem Buche von Garbe. Sie sind teils hypnosigene, teils gymnastische,' teils 
ausruhende Haltungen und führen nun in Vereinigung mit die Atmimg modi- 
fizierenden „Mudra“ zu Ausnahmezuständen. Als Beispiele seien genannt: der 
Kinnbrustschluß (Jalandhava MHudra), der Fersenafterschluß (Mulabandha), 
die Rachenverstopfung mit der künstlich verlängerten Zunge (Khezari). 

4. Pränäyäma, die Atemzucht besteht z. T. in äußerst anstrengenden 
Atemübungen, besonders nach Richtung der Apnoe. 


Der Yoga und die deutsche Seele 


65 


Diese 4 Stufen bilden den Kriyayoga, den Yoga der Praxis, der äußeren 
Hilfsmittel. Psychotherapeutisch wichtig ist an ihnen vor allen Dingen, daß 
gerade durch diese „äußerlichen, technischen“ Maßnahmen der Mensch als 
lebendig Ganzes angegangen wird. Die Leib -Seele-Einheit wird nicht 
nur theoretisch respektiert — wie auch jetzt von vielen Autoren der Medizin — 
sondern es wird wirklich ernst mit ihr gemacht, und „der Mensch“ „von der 
körperlichen Seite“ her in konsequenter, systematischer Arbeit angefaßt. Der 
Weg in die Tiefe ist ein Weg des ganzen lebendigen 
Menschen. Dabei dürfen Einzelheiten im alten Yoga nicht pedantisch ge- 
nommen werden, stellt er doch ein seltsamstes Durcheinander unvergleich- 
licher Empirie und krasser Fantastik darl Wichtig ist für unsere Auseinander- 
setzung nur das Prinzip der psychophysischen Eiiilieit. 5. Pratyähära, 
das Zurückziehen der Seele von den Sinneseindrücken, bedeutet im Prin- 
zip ein sich Abwenden von Außeneindrücken und leitet als erste fast rein 
geistige Übung zum Rajayoga, dem hohen Yoga über, der in 2 oder 3 Stufen 
geordnet wird. 6. D h a r a n a , die Fixation des geistigen (leiblichen) Blickes, 
7. Dhyana, die Kontemplation der Meditation, ein inneres Sich-Zuwenden 
auf Bilder, Klänge, Offenbarungen des Inneren. 8. Samadhi, die eigent- 
liche Versenkung (sam-a-dha zusammensetzen, „Einfaltung“, Hauer), deren 
Glück in einer oft zitierten Übersetzung von Oldenburg gepriesen wird: 

„Wenn die Donnerwolke die Ti’oramel rührt, 

Auf der Vögel Pfaden der Regen rauscht. 

Und in stiller Bergesgrotte der Mönch 
Der Versenkung pflegt, kein Glück wie dies! 

Wenn am Ufer von Strömen blumenumblüht. 

Die der Wälder bunte Kronen kränzt, 

Er in seliger Ruh der Versenkung pflegt, 

Kein Glück mag ihm werden, das diesem gleicht!“ 

Neben den allgemeinen Hinweisen für den Weg in die Tiefe und seine 
Stufen enthält der Yoga noch eine Fülle spezieller Materialien. Die indische 
Yogalehre hat viele innerseelische Erfahrungen in scheinkörperlichen Schilde- 
rungen niedergelegt. So finden wir z. B. in jüngeren, tantrischen Yoga sechs 
„Körperzentren“, Cakra, geschildert, die in naher Beziehung zur Lehre von 
der „Kundalini“ stehen. Diese „Körperzentren“ oder „Körperlotos“ sind vom 
Scheitel bis zum perinäum über den Leib verteilt und kommen im Tantra Yoga 
als kreisförmige Gebilde zur Darstellung, in denen kultische Tiefensymbole 
tiefsinniger Art eingebaut sind. Solche Ornamental-Mystik begegnet uns be- 
kanntlich vor allen Dingen in den Suchzeichnungen, wie sie G. G. Jung be- 
sonders verwerten gelehrt hat. Es handelt sich um urtümliche Symbolismen, 
und der Tantra Yoga ist an solchen Gebilden besonders reich. C. G. J un g 

Zeatralblatt für Psychotherapie VII. 5 


66 


J. H. Schultz 


hat, wie Kran efeldt im Zentralblatt für Psychotherapie berichtet, iüerüber 
von H a u er 3.— 8. X. 1932 ein Seminar halten lassen, dessen wichtigste Punkte 
hier nochmals erinnert seien. Im Tantra -Yoga ist die mann -weibliche Polarität 
in dämonischen Gestalten deutlich, wobei Gott Siva (Ungarn) das Männliche, 
die Sakti. (yoni) das Weibliche vertritt, der auch die im Becken ruhend gedachte 
Kundalini-Schlange zugehört. Im absoluten Brahman verschmelzen beide. 
In den Körper Cakra aufkonzentrierend wird nun der Yogin zur syntheti- 
sierenden Eingestaltung der Mann -Weihkraft in sich geführt. Der Yogaweg 
in seinen hier liegenden allgemeinen Bezügen \vird von K r a n e f e 1 d t in 
diesem Falle wie folgt, referiert: 

„Das zentrale Geheinmis des ganzen Weges ist die verschiedene Gestaltung 
des Mann -Weiblichen: die Idee der Gegensätzlichkeit in der Sakti und die 
Idee der Gegensätzlichkeit zwischen Sakti und dem Gotte (Siva). Dieser Ge- 
danke tritt nicht nur in der verschiedenen Gestaltung von Gott und Göttin 
in den einzelnen Cakras auf, sondern auch in der verschiedenen Gestaltung von 
linga und yoni, die wir im untersten Cakra, dann im vierten, dem Herz-Cakra 
und im sechsten, dem Stirn-Cakra antreffen, jedesmal dasselbe Symbol mit 
einem gewandelten Sinn: das umgekehrte Dreieck als Symbol des weiblichen, 
darin der aufrecht stehende conus als Symbol des Männlichen. Im untersten 
Cakra, dem mülädhära („Wurzelstütze“), in dunkelroter yoni ein linga, der 
umringelt wird von der schlafenden Schlange KundaUni — d. h. eigentlich 
summt sie, ist also in gewisser Weise wach, hat mit dem Leben der Welt zu 
tun, ist aber nicht realisiert. Dies Cakra hat mit dem Erotischen im engeren 
Sinne zu tim. Psychisches und äußeres Geschehen wird regiert vom Erotischen. 

Im Zentrum der Herz-Cakra wiederum linga und yoni, aber hier in Gold. 
Dies Cakra ist die Region des schöpferischen Gestaltens, des schöpferischen 
Lebens überhaupt. Hier flammen zum erstenmal die großen Erkenntnisse 
auf, und zwar unter der Voraussetzung der harmonischen Vereinigung von 
Mann- und Weibkraft. Denn jedes Schaffen ohne diese Vereinigung ist nur 
ein Vorbeischaffen an der Realität. Das Schaffen in der Vereinigung aber ist 
der erste Anlaß zur Erkenntnis — Erkenntnis, womit in Indien immer ge- 
meint ist „reale Gegenwärtigung, das Gehabtsein von . . . 

Im Stirn-Cakra zum dritten Male das yoni-linga-Motiv. Es ist hier die 
Sphäre der großen ins letzte Metaphysische tauchenden Intuition. Auch hier 
würde jeder Versuch, der nicht getragen ist von inniger Vereinigung von 
Mann- und Weib-Kraft Vorbeigehen an der höchsten Realität. 

Wenn man ivill ist dieser Weg von unten nach oben eine „Sublimation“ 
zu nennen. Dies ist aber nicht so zu verstehen, daß ivir zuerst eine minder- 
wertige erotische Kraft hätten, sondern vielmehr so, daß sich dieselbe Kraft, 
die sich im mülädliära mächtig ausgewirkt hat, nicht verändert, sondern 


Der Yoga und die deutsche Seele 


67 


sich nur langsam einem Bereich um den anderen entwindet und jedesmal, wenn, 
sie sich einem Bereich entwunden hat, dem nächstfolgenden ihre Kraft zuträgt. 
Hauer meint, daß diese bedeutende Erkenntnis auch dem Westen langsam 
aufdämmert. Sie ist der Jung sehen Energielehre (Libido) bekannt. Aber 
in der indischen Sprache wird es besonders deutlich, wie auch schon im mü- 
lädhära-Geschehen, also im Sexuellen, die gemeinte Vereinigung des Mann- 
Weiblichen durchaus nicht vorhanden zu sein braucht, auch wenn sie „sthüla“ 

mäßig noch so aufdringlich jirobiert wird. Auch im Sexuellen wird — mit 
Hauer zu reden — an der „eigentlichen Realität vorbeigeschafft, wenn 
der suksina-Sinn dieses Geschehens nicht begriffen ist. 

Und von hier ist es, wenigstens andeutungsweise, auch verständlich, daß 
die Schlange Kundalini ei’st im obersten Cakra, dem Stirn-cakra, realisiert 
w’ird, worauf sie zunächst ihren Abstieg beginnt, der sie bis ins unterste zurüek- 
führt. Erst von dort steigt sie wieder auf und „nachdem die Göttin die drei 
lingas durchbohrt hat und alle Lotusse erreicht hat . . . leuchtet sie auf in 
der Fülle ihres Glanzes. Darauf geht sie in ihren Subtilzustand, glanzvoll wie 
der Blitz und zart wie die Lotus-Fiber zum flammengleichen Siva, der höchsten 
Wonne, indem sie mit Plötzlichkeit hervorbringt die W^onne der Befreiung”. 
(Vers 51 des Sat-cakra-nirüpana.) 

Fügt so ein Forscher von Range C. G. Jungs komplizierteste Tiefen-- 
erlebnisse spezieller Yogaformen in den Rahmen kosmisch-menschlicher Aus- 
einandersetzungen von allgemeiner Bedeutung, so ist auf der anderen Seite 
die nüchterne Übungsarbeit des autogenen Trainings in nähere Fühlung 
mit dem Yogaproblem gelangt. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis unserer 
Zeit erlaubt im Gegensatz zu dem nach dieser Richtung primitiven Rüst- 
zeug des Yoga im Prinzip systematisch fortschreitender physiopsychisch-ratio- 
iialer konzentrativer Selbstentspannung den Weg zur Tiefe in sachlichem 
üben zu beschreiten. Organsystembeherrschungen (Gefäßapparat I Vege- 
tativum!), die dem indischen Yogin nicht einmal als Aufgabe erscheinen 
konnten, sind so erreichbar und in zielbewußtem und ausdauerndem ülien 
so zu festigen, daß Selbstruhigstellen des ganzen Menschen gelingt, üben 
dieser Unterstufe, der Selbstruhe, entwickelt sich eine Oberstufe der Ver- 
senkung, die späterhin überraschende mid bis in Einzelheiten reichende Über- 
einstimmung mit Dhäranä, Dhyäna und Formen des Samadht ergab. Ein 
in weitem Maße selbst regulierbarer Weg zur tieferen Innenschau, zur Welt 
der Bilder (C. G. Jung, Klag es) tat sich auf, manchem leichter gangbar, 
als die von C. G. Jung so erfolgreich ausgebaute Zeichenmethode. Denn 
im Verharren der Versenkung, in verweilender Innenschau gestatten uns die 
Bilder ähnlich ruliige und genaue Verarbeitung, wie bei Zeichnungen, sie 
sind nicht so flüchtig und unbestimmt, wie die Träume des Nachtschlafes. 


68 


J. H. Schultz 


Allerdings sind diese Möglichkeiten an eine Voraussetzung absolut gebunden, 
an eine völlig zielbeAvußte, sorgfältige und ausdauernde eigene Übungsarbeit. 
Selbst die einfachen Resultate der Unterstufe sind „intellektuellem“ Ergreifen 
uiizugängHch und nur durch erlebende Selbstgestaltuiig erreichbar. \^ie mi 
autogenen Training aus einfachsten Übungshaltungen durch automatische 
„Transfert“-Generalisierung, durch Entdeckung neuer Ichteile — anfangs 
„körperhafter“ Art — eine Schaltungsbeherrschung des Gesamtverhaltens 
in organischer mühevoller Übungsarbeit erobert wird, war im Yoga seit Jahr- 
tausenden die übende Selbsterarbeitung Forderung. In dem Yoga -Lehrinsü tut 
von S’ Rimat Kuvalayäuanda, Kawalyadhama bei Lossavla (Bombay) 
werden 20 Jahre Training in völliger, gemeinschaftlicher Klausur verlaiyt; 
der Schüler muß vom 16. bis 36. Jahre pausenlos dort verweilen. Hier werden 
mit den Untersuchungsmitteln der modernen Medizin an den Studierenden 
sehr bemerkenswerte Befunde erhoben, die in der dort erscheinenden Spezial- 
zeitschrift Yoga Mimänsa seit Jahren veröffentlicht werden. Kuvalaya- 
nanda kommt das große Verdienst zu, die entscheidende Bedeutung des 
Hatha Yoga durch moderne Experimente dargetan zu haben. Neben sehr 
instruktiven Röntgen- und Blutdi-uckforschungen ist besonders interessant der 
Nachweis, daß beim Uddiyana-Nauli ein negativer Luftdruck im Dickdarm 
entsteht, wodurch das aktive Aufsaugen von Flüssigkeit durch den After, 
eine uralte Yoginleistung, biologisch erklärt >vird. _ 

Die jedem Yogakenner banale Tatsache, daß ein Übungsweg notig ist, da .>» 
nur der Totalerfaßte Zugang findet, muß in einer psychotherapeutischen Ent- 
wicklungsphasc. wo das Hauptinteresse der IMehrheit tiefenpsychologisc 
menschenkundUchen Fragestellungen zugewandt ist, mit Dringlichkeit unter- 
strichen werden. Nicht Nachfälschung fremder kultischer Gänge, sondern 
die Herausarbeitung des allgemein menschlich Fördernden ist die Aufgabe. 
Der „neue Weg in die Tiefe“ ist in Wahrheit der uralte Pfad der Menschheit, 
Ihn gilt es der deutschen Seele zu bahnen-, aber es sind noch kaum die An- 
sätze der ersten Schritte vorhanden, so schmerzlich in vielen von ims das 
Bewußtsein lebt, daß gar manches „Deutsche“ gefährliches, verbildendes und 
verkümmerndes Fremdgut ist. Eben um dieser Ünbegangenheit der Wege 
willen stehen der Heranziehung indisch -philosophischer und indisch-rehgioser 
Materialien große Bedenken entgegen; es gilt Empirie zu treiben und nicht 
zu philosophieren. Das eben die Empirie dem schlicht Schauenden allge- 
meinste menschliche Gänge zeigen wird, hat sich in der kollektiven Unter- 
bewußtseinsbetrachtung bei C. G. Jung schon bewährt. 

Rückblickend darf festgestellt werden: D er u r tüml ich e We g i n d le 
Eigentiefe, der Yoga, ist Weg, nicht Ziel. Daher an 
keinerlei Weltanschauliches, „Inhaltliches“ gebunden 


69 


Die dialektische Chat aktcrlaindc als Ergebnis der kulturellen Krise 

zu eigenem Wesen, zum „Selbst“ und vom „Ich“ führend. 
Seine scheinbar phantastischen Bilder und Spiegelungen 
enthüllen aufgeschlossener schauender Hingabe ihrem 
Sinn (C. G. Jung), seine scheinbar abseitigen und bizarren 
technischen Regeln erweisen sich, tiefster Intuition ent- 
stammend, als in völliger Übereinstimmung mit rational 
abgeleiteten psychophysischen Übungen Iconzentrativer 
Selbstentspannung (autogenes Training). Lebendige Ge- 
samterfassung in folgerichtiger ausdauernder Übungs- 
arbeit, Yoga-Künstlertum, nicht \ogavirtiiosität: alle 
diese Ergebnisse der letzten 20 Jahre versprechen für die 
deutsche Seele in ihrer Wesenheit fruchtbar zu werden. 

Was die Methoden aus dem Grenzbereich der Yoga fördern, ist eigenstes 
Leben aus der Tiefe. Dem zwischen ameriko-europäischer Realhast und 
ostischer Versunkenheit vereinsamten Menschen unserer Zeit sind hier in voller 
Bewahrung seiner Eigenheit neue Wege auf getan. Hilfen zu dem großen Ziele 
über sein Ich zu seinem Selbst und damit zu unserem Ziele zu kommen: zux’ 
'Selbstverwirklichung. 


FRITZ KÜNKEL: 

DIE DIALEKTISCHE CllARAKTERKUNDE ALS ERGEBNIS DER KULTU- 
RELLEN KRISE. 

I. Die Aufgabe. 

Die Psychotherapie ist ein Teil der Kultur.- Überall, wo es Kultui gibt, finclcn 
sich auch seelische Spannungen und geistige Aufgaben, die von einem Teil der 
Bevölkerung noch nicht oder nicht mehr bewältigt "werden können. So ent- 
stehen Entwicklimgskrisen und Leidenszuständc, die zum großen Teil noch 
geheilt werden können, wenn nur die richtige Seelenfülirung vorhanden ist. 
Bleibt diese Seelenführung aus oder tritt an ihre Stelle gar eine ungeschickte 
Behandlung, so verschärfen sich die inneren Kidsen, und die Zahl derer, die 
„unheilbar“ werden, wächst erheblich. — Die Aufgabe der Psychotherapie 
war zu allen Zeiten und ist noch heute die Rettung der „Mühseligen, und Be- 
ladenen“, die zugrunde gehen, wenn ihnen niemand hilft, die aber leistmigs- 
fähig und oft sogar besonders produktiv werden, Avenn die Hilfe gelingt. 

Wohl gibt es unter unseren Patienten sehr viele, deren Heilung vom Volks - 
ganzen aus gesehen nicht allzu wichtig erscheinen mag; aber ein großer 
Prozentsatz besteht auch aus Menschen, die am Scheideivege zivischen tiefen 
Depressionen und höchsten kulturellen Leistungen hin und her schwanken. Die 


70 


Fritz Künkel 


Namm Kleist und Nietzsche mögen genügen. Selbstmord nnd Irrsinn einerseits, 
luisterbliche Werke andererseits — das Zünglein an der Wage dieser En - 
Scheidung hat der Psychotherapeut zu sein. Er gehört mit zu den Geburts- 
helfern der nationalen Kultur. Daß die heutige Psychotherapie dieser gro en 
Aufgabe nur erst in sehr beschränktem ]\Iaße gerecht zu werderi vermag, 
ändert durchaus nichts an der Aufgabe selbst. Es ist nur tie zu e auern ^ 
Interesse unserer Kultur; und es ist ein Grund mehr, daß wir uns mit allem 
Ernst und aller Selbstkritik an die Arbeit begeben. 

Wahrscheinlich haben in anderen Kulturen ^ q 

Yoga-Tradition der Inder - die Psychotherapeuten, zu deutsch 
ihre Aufgabe weit besser gelöst. Auch die Kirche des deutschen Mittelal^ 
war uns hierin zweifellos überlegen, während maii von der heutigen kirch- 
lichen Seelsorge wenigstens in therapeutischer Hinsicht wo i as 
behaupten muß. Den Anspruch auf Heilung hat die christliche Kirche fast 
ganz Lfgegeben; ihr Ziel ist die Heiligung. Aber auch mr, die wir uns 
kühnUch als Seeleiiärzte bezeichnen, vermögen unsere Aufgabe noch mc i zu 
lösen; und unsere kirchlichen Vorgänger lösen sie nicht mehr Eine eigentlic 
o^eistige Führung und Beratung in den ständigen Entwicklungsl^isen er 
Hunderttausende von Durchschnittsmenschen kommt nicht zustande, beelen- 
führung, Menschenführung im geistigen oder im religiösen Sinne tut not; abei 
statt dessen verweist man die Suchenden auf unsere Dichter und Denker, man 
läßt sie aus Goethe und Nietzsche sich heraussuchen und imßyerste len, was 
ihnen gerade paßt, während die praktische Beratung und 
noch heimlich und verschämt in abergläubischen Sekten oder bei Ka 
legerinnen zu ihrem Rechte kommt. Jeder ^trologe, jeder Graphologe 
ernsthafte sowohl wie der Dilettant), jede Handleserm und jeder Telepath 

treibt tatsächlich Psychotherapie. . . 

Zahllose Menschen bedürfen der seelischen Führung und zwar ^ 

Sinne einer gesunden Erziehung, wie sie der Staat in seinen ^^-disehen ^ 
kulturpolitischen Organisationen jetzt leistet, sondern darüber ^ ® 

der Heilpädagogik und der religiösen Vertiefung. Hier haben 
Ärzte seit einigen hmidert Jahren völlig versagt. Und solange sich die Ar 
darauf beschränken, nur Neurosen zu behandeln, während die Geistlichen sic 
darauf beschränken, das Wort Gottes zu verkünden, werden wir nicht weitei- 
kommen. Wenn wir also nicht hmidertlausende von Volksgenossen der o -- 
ktdten, privaten und völlig unkontrollierbaren Schein-Psyehotherapie, dieser 
Psvehophthorie oder Seelenverderhiiis, in die Arme treiben wollen, mi^sm 
wb- von der nm-ärztlichen und der nur-priesterbchen Arbeit - die oelbst- 
verständlich außerdem bestehen bleiben und aufs sorgsamste gepfM werden 
muß - zu einer gemeinsamen und durch Gemeinsamkeit vertieften beelenfuh- 


71 


Die dialektische Charakterkunde als Ergebnis der kulturellen Krise 

rung übergehen, in der sich die seelsorgerischen Erfahrungen der Jahrtausende 
mit den psychologischen und biologischen Errungenschaften der Gegenwart 

sinnvoll durchdringen. . , , j 

Im Dienste dieser großen Aufgabe will die dialektische Charakterkunde, von 

der im folgenden die Rede ist, nur ein bescheidener Beitrag sein. Weder ein 
einzelner Forscher noch eine einzelne „Schule“ kann das eben genannte Ziel 
aus eigener Kraft erreichen. Die Zusammenarbeit, die wechselseitige Berichti- 
<Kung und Ergänzung vieler Forscher und vieler Schulen ist nötig, daimt eine 
deutsche Psychotherapie zustande komme, die dem Reichtum unserer mneren 
Möglichkeiten und der Schwere unserer äußeren Aufgaben gerecht werden 
kann. 

II. Die Grundbegriffe. 

Die Tatbestände, mit denen die verschiedenen Forscher sich befassen, sind 
nahezu die gleichen, nämlich die Schwierigkeiten und Nöte, die der kämpfende 
und irrende Mensch, der gesunde wie der kranke, in seinem eigenen Innein 
spürt. Aber jeder Betrachter — wie etwa C. G. Jung und Ludwig Klages 
sieht sic von einem anderen Standpunkt aus; sie ordnen sich ihm in einem 
anderen Gesichtswinkel und zeigen ihm daher verschiedene Seiten. Diese Ver- 
schiedenheit des Standpunkts wird entscheidend für die praktische Brauch- 
barkeit der Methode und für die theoretische Klarheit des wissenschaftlichen 
Systems. Nach außen hin wird sie weitliin sichtbar durch die Wahl der Grund- 
begriffe. So spricht Klages vom Gegensatz „Geist-Leben“ und Jung vom 
Gegensatz „bewußt-unbewußt“; und je richtiger, je tiefer man die Grund- 
begriffe versteht, um so mehr begreift man die Wahrheit und die Lebensnähe 
des betreffenden Systems (denn es ist nicht so, daß der eine recht hat imd 
der andere unrecht; sie sagen vielmehr beide die Walirheit). Aber es kommt 
jetzt darauf an, welche Begriffsbildung sich am besten mitteilen, lehren und 
in der praktischen Arbeit verwenden- läßt. Und in diesem Sinne schlägt die 
dialektische Charakterkunde vor, grundsätzlich auf das Begriffspaar „Sub- 
jekt und Objekt“ zurückzugehen. .. . • 

Subjekt ist zunächst der Einzelmensch. Objekt sind die Gegenstände, mit 
denen er sich auseinandersetzen muß (die Außenwelt). Objekt wird aber auch 
sein eigener Leib, sobald er an ihm leidet, und seine Stimmungen, Affekte 
und Gedanken, sobald er zu ihnen Stellung nimmt (die Innenwelt). Und Objekt 
wird ferner auch der Mitmensch, sofern man sein Menschentum oder sein 
Subjektsein vergißt. Wird dies Subjektsein nicht vergessen — und das ist die 
ursprüngliche Haltung des Menschen — so erlebt sich der Einzelne als Teil 
einer Ganzheit; das Subjekt mit vielen Köpfen, das „Wir“, tritt handelnd 
hervor. Der einzelne erlebt dann sein eigenes Subjektsein nicht als Ichhaftig- 


72 


Fritz Künkel 


keit, sondern als Wirhaftigkeit. Nur für das Subjekt gilt der Satz des Aristo- 
teles, daß das Ganze früher da ist als die Teile. 

Aber der Begriff des Subjekts erweist sich als recht schwierig, da sich das 
Subjekt nie zum Gegenstand der Forschung machen läßt. Man kann einen 
Menschen erforschen, aber nur sofern er Objekt ist. Das Eigentliche und 
Letzte an ihm, der Kern seines Wesens, bleibt unerforschlich und unbegreif- 
lich — aber gerade deshalb um so wirksamer. Er ist das „ens ineffabile deii 
alten Philosophen, das irrationale Prinzip der Lebendigkeit. 

Nur in negativen Aussagen können wir ihm näherkommen: Das Subjekt 
ist nicht gleichbedeutend, aber doch nalie verwandt mit dem Bewußtsein. 
Das Bewußtsein kann durchaus entarten und subjektfremd werden, z. B. in der 
Zwangsneurose; aber je lebendiger ein Mensch ist, je mehr Subjektität ihm 
zulconunt, um so bewußter wird er auch sein. Und ferner: Das Subjekt ist 
nicht gleichbedeutend mit Einheit der Person, aber es ist ihr doch nalie ver- 
wandt. Die Einheit der Person kann sich durchaus krankhaft und subjektfremd 
auswirken, etwa durch die Unterdrückung imbequemer Wünsche und Be- 
dürfnisse. Aber je mehr ein Mensch zum Subjektsein erwacht, um so ein- 
heitlicher wird er alle seine Möglichlceiten in sich versöhnen. Und drittens: 
Das Subjekt ist nicht zeitlos, aber doch der Zeitlosigkeit nahe, und ebenso 
nicht raumlos, aber doch der Raumlosigkeit nahe. Das Subjekt lebt immer 
„hic et mmc“; es ist das „imc stans“ der mittelalterlichen Denker (wie von 
philosophischer Seite Heidegger und von theologischer Seite Heim jetzt 
wieder eindringlich betont hat). Wer Zukunft und Vergangenheit vergißt, wird 
zum Tier; aber wer sich nur hach Zukunft und Vergangenheit richtet, kann dem 
Jetzt nicht mehr gerecht werden; er wird zum Neurotiker. Je reiner ein 
Mensch zum Subjekt wird, um so entschlossener meistert er die Gegenwart; 
er kennt zwar die Vergangenheit, aber er läßt sich nicht durch sie binden; 
er denkt an die Zukunft, aber sie schreckt ihn nicht. Er überwindet beide 
durch seine Entscheidung. 

Damit ist das Einzige angedeutet, was sich positiv über das Subjekt aussagen 
läßt: Subjekt sein heißt sich entscheiden; aber es heißt auch die Folgen der 
Entscheidung tragen, verantwortlich sein. Anders ausgedrückt: Niemand ist 
nur aktives Subjekt (sonst wäre er Gott); er ist vielmehr immer gleichzeitig 
auch Objekt und darum passives Subjekt. Er muß als passives Subjekt die 
Rückwirkungen ertragen, die er als aktives Subjekt hervorgerufen hat. 
Zwischen den Begriffen Objekt-Sein und Passives-Subjekt-Sein entfaltet sich 
die weitere Begriffsbildung, mit deren Hilfe wir den Problemen der Neurose 
und der Psychose gerecht zu werden hoffen. 

Subjekt und Objekt sind Wechselbegriffe; das eine ohne das andere kann 
nicht Vorkommen. Aber dem Subjekt steht das Objekt nicht nur gegenüber, 


Die dialektische Charakterkunde als Ergebnis der kulturellen Krise T3 

wie anfangs gesagt wurde, sondern es liegt im NVesen des Lebens, daß jedes 
Subjekt gleichzeitig von außen her wie ein Objekt behandelt wird. Es muß 
teils passiv, teils aktiv jeden Augenblick sein Subjektsein aufs neue erweisen; 
es muß sich als Subjekt kämpfend behaupten, oder es wird tatsächlich zum 
Objekt herabgewürdigt. Der Kampf vuns Dasein ist der Kampf um das Subjekt- 
sein, und das heißt, der Kampf um die Freilieit dei- Entscheidung und um das 
Recht der Verantwortung. Denn in Entscheidung und Verantwortung liegt der 
Unterschied zwischen Subjekt und Objekt. Unsere Oiarakterkunde ist die 
Charakterologie der Verantwortung. 

Die Auseinandersetzung zwischen Subjekt und Objekt bezeichnen wir (mit 
Hegel) als Dialektik; doch brauchen wir hier auf diese Terminologie nicht näher 
einzugehen. 

HL Die Charaktergeschichte. 

Die Psychologie ohne Seele und, was auf dasselbe herauskommt, die Cha- 
rakterkunde ohne Lehre vom Subjekt stand um die Jahrhundertwende in 
voller Blüte. Der Krieg brachte die Wendung: die Besinnung auf das Eigene, 
auf das Innere, auf das Subjektale (das nun erst vom Subjektiven unter- 
scliieden werden konnte). Der Ausdruck subjektal bezeichnet das vom leben- 
digen Subjekt Ausgehende, die Lebensäußerung, im Gegensatz zu den objek- 
talen Vorgängen, die in der toten Materie verlaufen. „Subjektiv“ dagegen 
bedeutet nur individuell gültig im Gegensatz zu objektiv oder allgemein gültig. 
Subjektale Vorgänge wie etwa die Aufstellung der fünfundneunzig Thesen 
durch Luther können durchaus objektive Gültigkeit haben; sie können Welt- 
geschichte sein. 

Diese Wendung auf das Subjektale blieb nicht subjektiv. Bei dieser Einkehr 
und Besinnung fand nicht jeder nur sich selbst, wie es in der Renaissance und 
auch noch in der Romantik der Fall war. Das Fronterlebnis hatte uns etwas 
Neues gebracht. Bei der Rückbesmnmig und inneren Einkehr fanden wir auf 
dem Grunde unseres Daseins nicht mehr das Ich, nicht mehr die private, in- 
dividuelle Persönlichkeit, sondern das Wir, die Kameradschaft imd das Volks- 
tum. Wer praktisch eingestellt war, wer handelnd auf die konkreten äußeren 
Zustände losging (der Extravertierte im Sinne Jungs), machte sich Avirhalt 
unter rücksichtslosem Einsatz seiner Person an die Arbeit; wer aber theo- 
retisch eingestellt war, wer denkend und forschend auf die inneren Stimmen 
lauschte, blieb gebannt vor einem schweren Rätsel stehen. Man war ein Einzel - 
mensch, und in jeder Wissenschaft, in jeder Psychologie und jeder Philosophie 
blieb nach der subjektalen Seite hin das Ich. das individuelle Bewußtsein, das 
persönliche Subjekt die letzte Instanz. Auch das „Bewußtsein schlechthin“, 
wie es der deutsche Idealismus gemeint hatte, konnte nicht hellen. Und doch 


74 


Fritz Küiikel 


wurde das Wir unmittelbar erlebt. Die Gruppe, die Kameradschaft, das Volk 
stand nicht nur draußen in der äußeren Wirklichkeit, sondern auch innen auf 
dem Grunde des Charakters. Aber wie das Wir im Ich enthalten sein konnte, 
war nicht zu begreifen. So blieb die Psychologie noch jahrelang vor ihrem 
ungelösten Rätsel stehen. Nur die Dichtung war imstande, diese begrifflichen 
Schranken zu überrennen. 

Den ersten wesentlichen Schritt in der Richtung auf das neue 2ael tat 
C. G. Jung, indem er den Begriff des „Kollektiven Unbewußten^‘ schuf. Auch 
andere Versuche traten hier und da auf wie etwa das „Volksorganische Denken“ 
von Berthold Otto. Die Mehrzahl der Psychologen bUeb jedoch in psychotech- 
nischen und bestenfalls in gestalt-theoretischen Problemen stecken, und der 
Psychotherapeut, der es ja immer nur mit einzelnen Patienten zu tun hatte, 
kam über den Individualismus erst recht nicht hinaus. Kennzeichnend ist die 
Position Alfred Adlers, der das „Gemeinschaftsgefühl“ noch als ideale For- 
derung aufstellt, aber von einer wirklichen konkreten Gemeinschaft, ihren 
inneren und äußeren Lebensvorgängen, ihrem Entstehen und Vergehen gar 
nichts zu sagen weiß. Wir mußten über Adler hinausgehen. 

Der letzte Anstoß kam uns aus der Pädagogik. Adler konnte entgleiste 
einzelne Kinder auf heilpädagogischem Wege wieder in die Gemeinschaft ein- 
ordnen. Die Lehrer aber verlangten weit mehr von uns. Wenn in einer 
Klasse von vierzig Schülern plötzlich eine Gruppe von vier oder fünf Meu- 
terern sich zusammenschloß, löste sich die ganze Klasse in ein Chaos auf. Was 
ging hier vor? Hier wirkten Dinge, die bisher in der Psychotherapie kaum 
eine Rolle spielten: Kameradschaft, Treue, Kampfesmut, Verantwortung, 
Führertum und Gefolgschaft. Und wie mit einem Schlage war Einsicht, Ver- 
ständnis und begriffliches Erfassen da: das Fronterlebnis, das „Wir“ draußen, 
sein inneres Vorhandensein, die wirhafte Charakterhaltung, die Treue und 
der Zerfall des Wir, die Auflösung der Front, die Ersetzung der wirhaften 
durch die ichhafte Charakterform. 

Die neuen Grundbegriffe Wirhaftigkeit und Ichhaftigkeit beschreiben zwei 
entgegengesetzte Daseinsforraen des Subjektes. Der einzelne kann sich als Teil 
eines Ganzen erleben, er steht als Ich im Dienste eines Wir und ist imstande, 
für dies Wir sich selbst aufs Spiel zu setzen. (Man sollte hier nicht von Opfer 
reden; der Einsatz des einzelnen für sein Volk ist nicht Opfer, sondern Selbst- 
verständlichkeit; wer sich opfert, denkt schon an eine ichhafte Märtyrer- 
krone.) Im anderen Falle erlebt sich der einzelne selber als ein Ganzes, als 
einen \^ollmenschen im Sinne der Renaissance. Er stellt die anderen, die er 
als Nur-Objekte sieht, oder auch das Wir (zu dem er nicht mehr gehört) rück- 
sichtslos und unbedenklich in den Dienst seiner ichhaften Ziele. 


75 


Die dialektische Charakterkunde als Ergebnis der kulturellen Krise 

In dieser Bereicherung des Subjektbegriffes \vurde das abstrakte „Gemein- 
schaftsgefühl“ alsbald durch konkrete Inhalte ersetzt. Das Wir als äußere 
Lebensform und die dazugehörige Wirhaftlgkeit als innere Charakterform 
erwies sich auf den verschiedenen Kulturstufen des deutschen Volkes als sehr 
verschieden. Aber es wurde eine zusammenhängende Entwicklung sichtbar, 
die vom Urwir der Markgenossenschaft über das gestufte Wir des Feudalis- 
mus zum Individualismus der Neuzeit und auch über die Neuzeit noch hin- 
aus zu einer neuen, künftigen Form von Wirhaftigkeit hinüberführte. 

Als unterscheidendes Merkmal dieser Charakterformen ergab sich die Ver- 
antwortung: 

Urwir: Das Ganze fühlt sich verantwortlich für jeden einzelnen. 

Feudalismus: Der Führer fühlt sich außerdem verantwortlich für das Ganze. 
Individualismus: Jeder einzelne fühlt sich außerdem verantivortlich fiu sich 

selbst. 

Reifendes Wir: Jeder einzelne fühlt sich außerdem verantwortlich für das 

Ganze. 

So wurde uns das Stück der deutschen Geschichte, das wir selber mit- 
erlebten, nämlich der Übergang vom Individuahsmus zum Reifenden Wir, 
auch theoretisch zur Quelle einer Menschenkunde und einer Charakterkunde, 
die nun erlaubte, alle Fragen der Psychotherapie, der Heilpädagogik und der 
Seelsorge noch einmal in Angriff zu nehmen, um sie mit Hilfe der neuen 
Begriffe von einer neuen Seite her zu erfassen. 

Die Zukunft wird zeigen, ob diese Übersetzung aus der erlebten Welt- 
geschichte in die bewußt gestaltete Geistesgeschichte Anspruch auf Gültig- 
keit und Brauchbarkeit machen kann, oder ob es sich dabei nur um die privaten 
Konstruktionen einiger Einzelgänger handelt. 

IV. Die Charakterstarrheit. 

Die Gestaltung der ersten Grundbegriffe (Subjekt und Objekt) war auf 
tlieoretischem Wege und letzten Endes aus einer weltanschaulichen, nämlich 
protestantischen, Gnmdeinstellung erwachsen. Die weitere Entfaltung des 
Subjektbegriffs (in lebhafte und %virhafte Subjektität) war aus dem prak- 
tischen Erleben des Krieges, der bündischen Bewegung und den pädagogischen 
Aufgaben hervorgegangen. Aber die praktische Arbeit brachte eine weitere 
Durchbildung der Begriffe und eine immer neue Korrektur und Ergänzung 
der Theorie durch den Vergleich mit der Wirklichkeit. Besonders waren es auf 
psychotlierapeutischem und heilpädagogischem Gebiet die Fragen der Ent- 
«rleisung, der Fehlentwicklmig und der Krankheit, die den Anstoß gaben zu 
hnmer tieferem Erfassen der Lebensvorgänge und ihrer Hemmung. Daß eine 
solche Erfassung ohne die Mitarbeit imd Vorarbeit der gesamten übrigen 


76 


Fritz Künkel 


Psychologie und Psychotherapie nicht gedacht werden kann, versteht sich von 
selbst. Alle Arbeit, auch wenn sie in Kritik und Abwehr bestellt, ist schließ- 
lich Zusammenarbeit; und die Produktivität gehört nicht dem Ich an, sondern 
dem Wir, dessen Organ oder Ausdruck man bestenfalls ist. Wir glauben 
jetzt, den Grundzug jeder psychischen Krankheit und auch das Fundament 
aller charakterlichen Fehlentwicklungen durch den Satz bezeichnen zu können: 
Der Mensch hört auf, lebendiges Subjekt zu sein, weil er nicht gleichzeitig 
aktives und passives Subjekt sein möchte; er löst sich daher vom Objekt los, 
indem er reines Subjekt (Gott ähnlich) zu sein versucht, oder er verhält sich 
wie ein Objekt unter Objekten (Totstellreflex), indem er sein Subjektsein 
gleichsam verheimlicht. In beiden Fällen geht er der Auseinandersetzung 
mit der Wirklichkeit und somit dem Leben selbst aus dem Wege. Im ersten 
Falle entsteht ein gesteigertes Scheinleben, wie wir es am krassesten wohl 
in der Manie zu sehen bekommen; im letzteren Falle entsteht scheinbare Leb- 
losigkeit, wie sie am deutlichsten in der stumpfen Verblödung als End- 
zustand der Schizophrenie beobachtet werden kann. Zwischen dem Beginn 
der Ich-Erstarrung und ihren Extremen, wie sie eben angedeutet wurden, liegt 
die ganze Fülle von Zwischenstufen, die wir als schwierige Charaktere, als 
Neurosen und Psychosen zu beschreiben gewohnt sind. 

Schon der erste Schritt auf diesem Wege, die Abwendung des Kindes von 
der Wirklichkeit, oder subjektal gesprochen, seine Entmutigung, kann nach 
zwei entgegengesetzten Richtimgen erfolgen. Das Kind kann sich von der 
Außenwelt abwenden, wenn es dort zu viele schlechte Erfahrungen macht, 
und sich mit seinen inneren Erlebnissen genug sein lassen. Die Auseinander- 
setzung des Subjektes mit den äußeren Objekten wird aufgegeben, und die- 
jenige mit den inneren Objekten wird bevorzugt. So entsteht die typische Cha- 
rakterhaltung, die C. G. Jung unter dem Namen der Introversion meister- 
haft herausgearbeitet hat. Die entgegengesetzte Haltung, das Aufgeben der in- 
neren Auseinandersetzvmg zugunsten der äußeren, etwa weil man zu oft als 
Träumer und Phantast kritisiert worden ist, führt zum Typus des extra- 
vertierten Charakters. Jung glaubt hier die Auswirkung von Erbanlagen zu 
erkennen, und wir können ihm zustimmen: Es scheint Kinder zu geben, die 
von vornherein und ohne jede äußere Beeinflussung mehr zur Entfaltung des 
Innenlebens neigen, und andere, die ganz unmittelbar bereit sind, sich in erster 
Linie mit der Außenwelt auseinanderzusetzen. Die ersteren smd geborene 
Dichter und Denker; die letzteren geborene Tatmenschen. Die meisten Kinder 
freilich zeigen eine Mischung beider Anlagen; und auch hier berechtigen die 
extremsten Fälle gleichzeitig zu den größten Hoffnungen und den größten 
Sorgen. 


Die dialektische Charakterkunde als Ergebnis der kulturellen Krise 


77 


Aber von Introversion und Extraversion möchten wir doch erst sprechen, 
wenn zu jener Veranlagung noch ein äußerer Einfluß hinzugetreten ist, wenn 
nämlich dem einen die äußere und dem anderen die innere Entfaltung ver- 
leidet oder geradezu unmöglich gemacht worden ist. Dann entsteht un Cha- 
rakter des Kindes ein Gesetz, das im entscheidenden Augenblick automatisch in 
Wirksamkeit tritt. Wenn das Leben die Wendung nach außen verlangt, er- 
scheint gleichsam im Innern des Kindes eine Warnungstafel, auf der ge- 
schrieben steht: „Verbotener Weg! Weitergehen bringt Lebensgefahr!“ Das 
Kind bleibt stehen, und keine Macht der Welt bringt es vorwärts — außer 
einem gut geschulten Heilpädagogen. Diese inneren Gesetze wirken nach dem 
Schema des Spruches: „Gebranntes Kind scheut Feuer,“ Sie sind das Ergebnis 
sehr früher und sehr schmerzlicher Erfahrimgen; sie bleiben unbewußt und 
sind vom Willen des Kindes aus nicht mehr beeinflußbar, wirken daher 
zwangsläufig und können durch kein „Sich zusammennehmen^'^ überwunden 
werden. Wir nennen sie „Dressate“, weil sie gleichsam das Ergebnis einer 
frühen Dressm darstellen. 

Erst wenn durch ein solches Dressat die Beschäftigung mit der Außenwelt 
oder mit großen Teilen derselben unmöglich gemacht oder doch stark beein- 
trächtigt ist, werden wir den Ausdruck „Introversion“ anwenden; und erst 
■wemi umgekehrt die Auseinandersetzung mit den eigenen Phantasien, Ge- 
danken imd Stimmungen durch Dressate verboten oder stark eingeschränkt ist, 
halten wir den Fall der Extraversion für gegeben. 

Die Dressate bedeuten eine teilweise Erstarrung des lebendigen Subjektes. 
Eia Teil oder eine Seite des Lebewesens wird der freien Entscheidung und 
darum auch der Verantwortung entzogen; das Subjekt zieht sich gewisser- 
maßen auf einen kleineren Teil seines Gebietes zurück imd überläßt das übrige 
den zwangsläufigen Naturgesetzen und den neuaufgetretenen Charakter - 
gesetzen, nämlich eben den Dressaten, die nicht weniger zwangsläufig wirken, 
überall, wo von Automatismen, Stereotypien, Perseverationen und Zwangs- 
symptomen die Rede ist, wird man diese Beschreibung ohne weiteres gelten 
lassen. Aber auch die scheinbar ,,freien*''’ und ganz subjektalen Affektausbrüche, 
etwa in der Angstneurose oder in der Hysterie, beruhen letzten Endes auf 
automatischen Schaltimgen. Man kann sie experimentell hervorrufen. 

Die Automatisierung der Lebensvorgänge durch starre Dressate bezeichnen 
wir als „Psychosklerose“; und wir bilden uns die Arbeitshypothese, daß ver- 
mutlich alle Neurosen und auch ein Teil der Psychosen auf derartige psycho- 
klerotische Einschränkungen des Subjektseins zurückzuführen sind. — Was 
Ludwig Klages als „Geist“ bezeichnet, erscheint von unserem Standpunkt aus 
als erstarrtes, sklerotisch gewordenes Leben und zwar besonders im Bereich 
der höheren Funktionen. Was er „Leben“ oder „Seele“ nennt, erscheint uns 


78 


Fritz Künkel 


als (las ungetrübte Subjektsein des Menschen, ^ivobei dann dieser Mensch sowohl 
aktiv wie auch passiv sein muß; er muß Entscheidungen treffen und die 
Folgen seiner Entscheidungen auf sich nehmen. 

Daß auf miserer heutigen Kulturstufe die Psychosklerose stets im Dienste 
der Ichhaftigkeit steht, daß also das Subjekt, welches vor den Folgen seiner 
Handlungen bewahrt werden möchte, nicht „Wir“ heißt sondern „Ich“, ergibt 
sich schon theoretisch aus der Lage miserer Kultur. Denn mutlos sein heißt 
auf der früheren Stufe verharren, nämlich Individualist bleiben wollen; mutig 
sein dagegen heißt vorwärts gehen über den Individualismus hinaus zum 
Reifenden Wir hinüber, und das heißt gleichzeitig Verantwortung übernehmen, 
ins Unbekannte vorstoßen, neue Lebensformen schaffen und die Folgen dieses 
Handelns in vollem Maße auf sich nehmen. Als handelndes Subjekt erlebt der 
mutige Mensch — zum mindesten im heutigen Deutschland — nicht mehr 
sein Ich, sondern das innere Wir, die W^irhaftigkeit, die zur Lebensform seines 
Subjektseins geworden ist. Psychosklerose ist darum für uns Heutige not- 
wendigerweise gleichbedeutend mit Ichhaftigkeit, und Ichhaftigkeit ist ohne 
Psychosklerose nicht denkbar; denn wer nicht starr wäre, würde der ge- 
schichtlichen Entwicklmig folgen, er wäre schon längst nicht mehr In- 
dividualist. 

V. Die Charakterpathologie. 

Der „nervöse Charakter“ im weitesten Sinne des Wortes ist deimiach zu 
beschreiben als eine ursprünghch sinnvolle, aber völlig zwangsläufige Ein- 
schränlcmig der Subjektität. Es entsteht eine Art von Charaktermaske, die 
subjektiv immer durch ein „Ich muß“ oder „Ich bin nun einmal so" gekenn- 
zeichnet ist. Fragt man nach dem Ziel oder nach dem Sinn dieser selbst- 
tätigen Freiheitsberaubung (wie es Alfred Adler uns trefflich gelehrt hat), 
so ergibt sich aus der eben geschilderten Entstehungsgeschichte stets das un- 
bewußte Ziel der lebhaften Selbstbewahrung. Noch genauer gesagt: Der Einzel- 
mensch richtet sein Leben (unbewußt oder bewußt) so ein, daß er sich nach 
Möglichkeit gegen jede Beeinträchtigung oder Schädigung grundsätzlich zur 
Wehr setzt. Sein letztes Ziel ist also, wie Franz Schauer sorgfältig nach- 
gewiesen hat, immer ein negatives. Die Gegnerschaft gegen etwas Negatives 
kennzeichnet den nervösen Charakter, während die Einstellung für etwas 
Positives dem gesunden eigentümlich ist. Der Nervöse sucht das Positive nur 
sekundär als Sicherung gegen etwas Negatives; er strebt nach Bildung oder 
nach Reichtum, um vor Blamagen oder vor dem Verhungern sicher zu sein. 
Der Gesunde dagegen strebt nach Bildung und vielleicht auch nach Reichtum, 
um das Leben für sich und andere immer lebenswerter zu gestalten. 


Die dialektische Charakterkuude als Ergebnis der kulturellen Krise 79 

Zu den beiden schon genannten Kennzeichen des nervösen Charakters, der 
Starriieit (Psychosklerose) rmd der Ichhaftigkeit (Egozentrizität), tritt nun ein 
drittes hinzu, nämlich die grundsätzliche Gegnerschaft (Negati^ismus), die 
jedes Wagnis tmd jedes Ujibekannte ablehnt, um die Reste der Subjektität, 
die nur durch schmerzlichen Verzicht auf große Teile des Subjektseins noch 
gewahrt werden konnten, nicht noch einmal aufs Spiel zu setzen. So wird es 
verständlich, daß der Nervöse mehr oder Aveniger am Leben vorbeilebt, daß 
er schwere Sorgen hat, wo andere kaum nachdenklich werden, oder daß er 
„leichtsinnig“ wde der Vogel Strauß den Kopf in den Sand steckt, wo andere 
sich ernsthaft ergriffen fühlen. Und es Avird auch klar, daß auf dem Grunde 
dieser Haltung, gewissermaßen hinter den starren Sicherungen verborgen, 
immer die Angst auf der Lauer liegt. 

Sobald die Sicherungen zu versagen drohen, tritt die Angst hervor; und die 
Angst vor der Angst zwingt zum Aufbau immer Aveiter vorgeschobener Maß- 
i’egeln, die wie Forts vor einer Festung das Gelände schützen sollen. Wer, die 
gesellschaftliche Niederlage fürchtet, geht am besten gar nicht mehr in Ge- 
sellschaft. Er wird zum Einsiedler; aber gerade dadurch geht ilim die Übung 
des menschlichen Umgangs immer mehr verloren, und die Wahrscheinlich- 
keit einer Niederlage Avird um so größer. Dariun muß das Zusammentreffen 
mit anderen Menschen immer sorgfältiger vermieden Averden; das steigert die 
Ungeschicklichkeit, und diese wiederum steigert die Menschenscheu. Dieser 
circulus vitiosus psychopathiae, der Teufelskreis, findet sich überall, wo die 
subjektale Einschränkung des Subjektseins erst einmal begonnen hat. Der 
Mensch entzieht sich mibewußt, aber sinnvoll seiner Entscheidungsfähigkeit 
und seiner Verantwortung ein Stück weit, um in den übrigen Teilen seines 
Wesens freies und ungefährdetes Subjekt bleiben zu können. Aber das Leben 
erlaubt niemandem, ein gottähnliches Nur-Subjekt zu sein; es macht jeden 
auch Aviederum zum Objekt. Dieser im Rückzug begriffene Mensch muß die 
Folgen seines Rückzuges tragen; und mutlos wie er ist, antAvortet er auf die 
neuerliche Relastmigsprobe mit einem neuerlichen Rückzug. Es bleibt ihm 
nichts übrig, als seine Politik des Verzichtes fortzusetzen. Darum verschärfen 
sich die negativen Züge des nervösen Charakters automatisch. Die Symptome 
werden starrer, das Leben wird scliAvieriger. Und die Angst, die doch ver- 
mieden werden sollte, macht sich immer drohender bemeifcbar. — Jede 
Psychosklerose treibt in ihre eigene Krisis hinein; die Ichhaftigkeit vergiftet 
sich selbst; die Mittel, die ihrer Rettung dienen sollten, führen ZAvangsläufig 
ihren Untergang herbei. — 

Je nach der extravertierten oder introvertierten Grundeinstellung wird die 
spätere Gestaltung des nervösen Charakters mehr durch unbeherrschte „auto- 
matische“ Affekte oder mehr durch ungeAvollte „automatische“ Handlungen 


80 


Fritz Kunkel 


gekennzeichnet. Die Affektneurose ist dem extra vertierten Typus eigen; denn 
wer den äußeren Objekten verhaftet ist (da ihm das imiere Gegengewicht und 
die Möglichkeit zur selbständigen, besonnenen Stellungnahme versagt bKeb), 
wird von den Menschen und den Dingen seiner Umgebung willenlos hin- und 
hergerissen. Seine Antworten erschöpfen sich gewissermaßen in einem lauten 
Ja oder in einem lauten Nein; aber selbständige Entschlüsse kommen nicht 
mehr zustande. So erklären sich die „dumpfen, triebhaften Reaktionsweisen 
bei unkomplizierten, primitiven oder imausgereiften Menschen“, die Ernst 
Kretschmer als typisch für den hysterischen Charakter bezeichnet. Daß die 
„Regulationen“ (im Sinne G. von Bergmanns) durch ein jahrelanges Training 
dieser Art ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden, falls sie nicht schon von 
vornherein dem betreffenden Typus entsprachen, dürfte ebenfalls leicht ein- 
zusehen sein. Die „thyreotische Konstitution“ (von Bergmann) läßt sich viel- 
leicht als ein krasser Sonderfall der geborenen Extravertierten im Sinne 
C. G. Jungs verstehen; und man könnte annehmen, daß nur eine besonders 
sorgfältige Pädagogik solche Menschen vor der starren Extraversion zu 
schützen vermag. Wenn es gelänge, diesen zur Extra Version und darum auch 
zu den Affektneurosen Disponierten doch noch den Weg nach innen mid damit 
den inneren Ausgleich ihrer exogenen Schwankungen offen zu halten, so 
würden sie vermutlich besonders produktive Menschen werden. Im ungün- 
stigen Falle dagegen dürften sie je nach ihrer besonderen endokrinen Eignung 
mehr den hysterischen oder mehr den basedowartigen Erkrankungen zum 
Opfer fallen. 

Die extra vertierte Form der Psychosklerose bildet aber nicht nur die Grund- 
lage der hysterischen Neurosen und der verwandten polyglandulären Krank- 
heiten, sondern sie muß nun auch als Ausgangsstellung der zirkulären Psy- 
chosen aufgefaßt werden. Es würde zu weit führen, die Zusammenhänge und 
die Unterschiede des zyklothymen Charakters (Kretschmer) und der Affekt- 
neurosen hier vom Standpunkt der dialektischen Charakterkunde aus zu dis- 
kutieren. Doch scheinen sich sowohl die Gemeinsamkeiten wie auch die Tren- 
nungslinien zwischen beiden deutlich aufzeigen zu lassen. — 

Die introvertierte Festlegung des psychosklerotischen Charakters wird durch 
die vorhin genannten Teufelskreise mehr oder weniger deutlich in der Rich- 
tung auf die Zwangsneurose hin weiterentwickelt. Wer dem inneren Objekt 
verhaftet ist (weil ihm in der Außenwelt das Gegengewicht, nämlich die extra- 
vertierte Interessenrichtung, versagt blieb), muß die polare Struktur des inner- 
seelischen Lebens unmittelbar in sich erfaliren. Er fühlt sich nicht wie der 
Zyklothyme eine Zeitlang hoch erhoben und dann eine Zeitlang tief hinab - 
gedrückt, sondern er sieht, daß jeder Gedanke sowohl wahr wie auch unwahr 
sein muß; er erlebt seine Gefülile als Reichtum und als Armut zugleich: er 


Die dialektische Charakterkunde als Ergebnis der kulturellen Krise 


81 


erweist sich als ein schizothymer Charakter. Gleichzeitig aber ist er gegen die 
Außenwelt mehr oder weniger gut abgeschlossen; und gerade darum sind die 
wenigen Beziehtmgen, die er noch hat (etwa zu Eltern oder einzelnen Freunden), 
für ihn von ganz ungeheurer Wichtigkeit, Es kann leicht dazu kommen, daß 
er von ihnen abhängig wird wie ein Sklave, und daß er doch gleichzeitig ver- 
suchen muß, sie sich restlos zu unterwerfen. Sie erscheinen ihm schwarz und 
weiß zugleich, wie urzeitliche Dämonen, die viele Gesichter haben: die 
„Archetypen“ des kollektiven Unbewußten werden auf die nächsten Mit- 
menschen projiziert. Dann bleibt nichts weiter übrig, als durch urzeitliche 
magische Zeremonien die Dämonen immer aufs neue zu beschwören: der Weg 
in die Zwangsneurose ist der einzige, der hier noch offen steht. Nicht nur die 
äußere Ähnlichkeit, sondern auch die innere Bedeutungsgleichheit zwischen 
Zwangssymptomen und primitiven, magisch-religiösen Riten ist ja oft genug 
betont worden. 

Auch hier müssen wir auf die Darlegung der Ähnlichkeiten und Trennungs- 
linien zwischen dem zwangsneurotischen und dem schizoiden Charakter ver- 
zichten. Zusammenfassend mag nur noch betont werden, daß hier bei den 
introvertierten wie vorhin bei den extravertierten Typen die sinnvolle Tendenz 
der Ichbewahrung einerseits und die Bereitschaft der zunächst zweckvollen, 
später aber geradezu zweckwidrigen biologischen Möglichkeiten andrerseits 
beachtet werden muß, wenn die Krankheitsbilder richtig verstanden und be- 
handell werden sollen. Unser pathologischer Standpunkt entspricht in dieser 
Hinsicht weitgehend demjenigen von Emst Kretschmer. 

VL Die Charaktertherapie. 

Es ist in letzter Zeit oft betont worden, daß die Psychotherapie nicht Symp- 
tome zu beseitigen habe und daß sie auch nicht Krankheiten heilen solle, son- 
dern daß sie den ganzen Menschen aus einer falschen in eine richtige Ein- 
stellung zum Leben hinüberführen müsse. Danut ist sie zur Charaktertherapie 
geworden. Vom Standpunkt der dialektischen Charakterkunde aus bedeutet 
dies, daß die Einschränkungen des Subjektseins durch Entfaltung größerer 
Entschlossenheit, Verantwortimg und Fähigkeit zum Folgentragen ersetzt 
werden sollen. Daß die Krankheiten und ihre Symptome dann ihre Bedeu- 
tung verlieren oder völlig verschwinden, unterliegt keinem Zweifel. Die Frage 
bleibt nur, wie dieses Erwachen einer größeren Lebendigkeit und dieses Hin- 
einwnehsen in eine tiefere Verantwortung zu bewerkstelligen ist. 

Fast noch öfter hat man davon gesprochen, daß es sich in der Psychotherapie 
um. eine Art von Nacherziehung handelt, daß Entwicklungshemmungen weg- 
geräumt und Fehlentwicklungen rückgängig gemacht werden sollen. Auch 
diese Anschauung ist richtig; sie heißt in unserer Sprache: Wer in der Ich- 

Zentralblatt für Psychotherapie YII. 6 


82 


Fritz Künkel 


haftigkeit steckengeblieben ist, muß den Schritt zum Reifenden Wir nacb- 
holen; imd wer sich gar noch auf der Stufe des Urwir befindet, muß den 
weiten Weg durch den Individualismus hindurch bis hinein in die jetzt histo- 
risch richtige Charakterhaltung zurücklegen. Diese Auslegung der „Nach- 
erziehung‘‘ bringt die therapeutische Aufgabe unmittelbar mit den Problemen 
der heutigen Kulturkrise in Verbindung; und es leuchtet ein, daß nicht nut 
der Patient, der an seiner „Zurückgebliebenheit“ leidet, sondern daß auch der 
sonst gesunde Zeitgenosse, der hinter der Gegenwart zurückbleibt, eine solche 
Therapie nötig hat. Doch versteht es sich von selbst, daß die Therapie als 
planmäßige Vervollständigung einer gehemmten Charakterentwicklimg nur 
Aussicht auf Erfolg haben kann, wenn der Patient durch sein eigenes inneres 
Leiden (nicht durch äußeren Dmck) zu der Überzeugung gelangt ist, daß er 
sich in dieser Hinsicht helfen lassen muß. 

Man kann den Heilimgsvorgang — Alfred Maeder folgend — als eine drei- 
stufige dialektische Entwicklung verstehen. Die erste Stufe besteht in der 
Herstellung des „Wir“ zwischen Arzt und Patient, und zwar auf derjenigen 
Ebene, auf der die Entwicklung des Patienten ihren Umweg begonnen hat. In 
schweren Fällen entspricht diese Ebene einem sehr frühen und unreifen Ent- 
wicklungsstadium. Die Patienten müssen auch in diesem Sinne „wieder werden 
wie die Kinder“. Aber bekanntlich stellen sich imseren Bemühungen schon hier 
die oft erörterten „Widerstände“ entgegen. Der Wimsch nach Genesung wird 
geradezu ersetzt durch die Angst vor der Gesundheit. Und der Patient hat 
recht: Gesundheit ist durchaus keine leichte und angenehme Sache; Gesundheit 
bedeutet viel Arbeit, Verantwortung und Gefahr. Wer gesund werden will, 
muß also gerade das auf sich nehmen, wovor er von jeher geflohen ist; er muß 
im vollen Sinne Subjekt werden, nicht nur aktiv in der Entscheidung, son- 
dern auch passiv im Folgentragen imd von neuem aktiv im Bessermachen und 
im Weiterarbeiten trotz aller Mißerfolge. 

Hier schon schiebt das Leben dem noch kranken, dem noch nicht ganz 
vorhandenen Subjekt die volle Verantwortmig des hundertprozentigen Mensch- 
seins zu: er hat zu wählen zwischen weiterer Flucht vor der Verantwortung 
mit Fortdauer der Symptome und zwischen Übernahme der vollen Verant- 
wortung mit nachfolgendem Abbau der Krankheit; und er hat die Folgen 
für seine Wahl in vollem Maße zu tragen. Diese Tatsache, daß er sein eigenes 
Schicksal wirklich trägt und daß er sich ihm durch keine noch so geschickte 
Flucht entziehen kann, daß er also vollauf Subjekt ist, trotzdem er sein 
Subjektsein von Anfang an eingeschränkt liat, diese Tatsache allein schon 
läßt das Wesen der Neurose als Abwegigkeit, Irrtum und Fehlentwicklung 
deutlich hervortreten. Aber noch ist der Patient nicht fähig, die Verant- 
wortxmg für sein Schicksal auf sich zu nehmen. 


Die dialektische Charakterkunde als Ergebnis der kultnrellen Krise 


83 


Das Urwir muß wieder hergestellt werden, trotzdem der Patient, seinen 
Dressaten gehorchend, sich dagegen aufs entschiedenste wehrt. Aber mehr 
noch: sobald die tiefe innere Verbundenheit zwischen Mensch mid Mensch 
erlebt wird, tvird sich zeigen, daß ein Urwir zwischen heutigen Menschen nicht 
mehr bestehen kann. Die schwerste aller Enttäuschungen (die der Patient in 
seiner Kindheit nicht verwinden konnte) muß innerhalb der Therapie noch 
eiiunal durchlebt, ertragen und im Dienste der Gharakterreifung gutgeheißen 
%verden. Der Patient erlebt, daß es ein Wir gibt, auch wo seine kindlichen 
Fordenmgen nach restlosem Verständnis, restloser Wärme und restloser Be- 
jahimg schon längst nicht mehr erfüllt werden können. Die Verschiedenheit 
der Einzelcharaktere, das Geltenlassen des anderen, das Anerkennen seiner 
Eigenart und die Rücksichtnahme auf seine besonderen Aufgaben und 
Pfbehten wird auf dem Wege vieler kleiner Enttäuschungen und überwin- 
dungen langsam gelernt. Damit ist die zweite Stufe des Heilungsprozesses schon 
in Angriff genommen. Das ursprüngliche Wir entfaltet sich und bereichert 
sich durch die Differenzierung seiner Einzelpersonen. Das Wir wird tragfähig 
für Differenzen; es entsteht eine innere Distanz zwischen den Einzelmenschen, 
ohne daß ilire Verbundenheit im Wir dadurch gelockert wird. Das ursprüng- 
liche Wir geht durch individuelle Ausgestaltung der Einzelcharaktere ins 
reifende Wir über. 

Nach C. G. Jung besteht der Heilungsvorgang in einer Verstärkmig der 
Extraversion beim Introvertierten und vungekehrt in verstärkter Introversion 
beim Extravertierten. Besonders im letzteren Falle wird das Erwachen des 
kollektiven Unbewußten zum mientbehrlichen Bestandteil der Genesung. Wir 
meinen, daß die Rückkehr ins Urwir bei beiden Krankheitstypen unentbehr- 
lich ist, daß aber die eigentliche Heilung im Abbau der ichhaften Dressate 
besteht. Nur wer nicht mehr (bewußt oder unbewußt) für die Erhaltung seines 
privaten Lebens kämpft, kann für das Leben des Wir, der Famihe oder des 
Volkes, in den Kampf gehen. Nur wer sein (ichliaftes) Leben aufs Spiel setzt, 
wird sein (wirhaftes) Leben finden. 

Aber auch wenn dieser Teil des Weges zurückgelegt ist, bleibt noch eine 
schwierige Aufgabe zu lösen. Es ist die dritte Stufe der Behandlung, die meist 
als die „Loslösung vom Arzt“ beschrieben wird. Vom Standpunkt der dialek- 
tischen Charakterbehandlung aus muß jedoch ein wesentlicher Teil der Los- 
lösimg und Verselbständigung des Patienten schon auf der zweiten Stufe er- 
reicht werden. Der Patient hat seine persönliche Eigenart schon entfaltet; 
er hat sein „Ich“ schon gefunden ; er hängt nicht mehr am Arzt und auch 
nicht mehr am ärztlichen Wir (etwa einem Arbeitskreis oder einer Haus- 
gemeinschaft). Aber er hat sein eigenes Wir noch nicht gefunden; er ist in 

C* 


81 


UJ k^/ä. /ff2H 


II. ScluiUz-Mcnckc 

seiner eigenen Familie, seinen Arbeitskreis oder seinen Beruf noch nicht hin- 
eingewachsen. 

Wir wissen alle, daß „geheilte“ Patienten bei ilirer Rückkehr in die Familie 
noch einmal von der Gefahr eines schweren Rückfalls bedroht sind. Erst wenn 
diese Belastungsprobe auch noch überstandeii ist, kann die Heilung als ge- 
lungen gelten. — Diese Einordnung in das alte Wir von einem neuen Stand- 
punkt aus, nämlich im Sinne eines Reifenden Wir, erweist sich stets als eine 
sehr schwere Aufgabe. Denn die früheren Weggenossen stehen selbst dem 
Reifenden Wir wohl ausnalunslos noch fern (denn sonst wäre die Neurose 
längst geheilt). Nun kommt das Sorgenkind, der früliere Halbtote, als ein 
fast ganz Lebendiger zurück; sein Vorhandensein wirkt beunruhigend und fast 
kränkend. Er muß schon sehr weise, sehr menschenfreundlich und sehr aus- 
geglichen sein, die Heilung muß also überaus gut gelungen sein, wenn hier 
nicht schweres Ärgernis entstehen soll. Meist aber müssen wir bekanntlich halb 
oder dreiviertel geheilte Menschen aus der Therapie entlassen; und darum wird 
eine Fülle von Reibimgen und Dissonanzen entstehen, die alle erst überwunden 
werden müssen, bevor der Patient nach der gesmiden Ichfindung auch die ge- 
sunde Wirfindung noch erreichen kann. Diese Zeit der Nachbehandlung bringt 
oft genug eine Nachreifung nicht nur des früheren Patienten, sondern seines 
ganzen Lebenskreises mit sich. Je stärker sich sein eigenes Subjektsein in der 
Form des Reifenden Wir entfaltet, um so mehr wird auch sein Lebenskreis 
zur Reifenden Wirhaftigkeit übergehen. Der vorher Steckengebliebene, der 
auch seine Umgebung gehemmt hat, muß nmi vorangehen; seine Verantwor- 
tung wächst ins riesenhafte. Ob dieses oder jenes Symptom noch eine Zeit- 
lang fortdauert, wird nebensächlich; es handelt sich schon längst um andere 
Dinge, nämlich um den Übergang sehr vieler Volksgenossen aus der starren, 
ichhaften Charakterhaltung zur Reifenden Wirhaftigkeit. Die Übernahme 
dieser Verantwortung wirkt letzthin als gesundende Kraft. — Darxun ist nicht 
nur jeder Psychotherapeut, sondern auch jeder Patient ein Mitarbeiter an der 
ungeheuren Aufgabe, die vor uns liegt, nämlich am wirhaften Aufbau des 
deutschen Volkes. 

H. SCHULTZ-HENCKE: 

DIE TÜCHTIGKEIT ALS PSYCHOTHERAPEUTISCHES ZIEL, 
ist eine Verkennimg, zu glauben, die Psychotherapie sei reine Wissen- 
schaft. Es ist also auch falsch zu glauben, es käme bei ihrer Beurteilung nur 
(auf die Wahrheit ihrer wissenschaftlichen Thesen an. Die Psychotherapie ist 
Iwenigstens ebensosehr Stellungnahme, praktisches wertgerichtetes Eingreifen. 
Und dieses ragt in die außerwissenschaftliche Sphäre hinein. Ziele sind weit- 


85 


lJ>ie Tüchtigkeit als psychotherapeutisches Ziel 

anschaulich tuid nicht wissenschaftlich bedingt. Auch wenn der Stoff, die 
Materie, der Gegenstand einer Handlung, eines Bemühens, einer Strebung 
einen hohen Grad von Eigengesetzlichkeit hat, so ist doch das Werk, das aus ihm 
geformt wird, nicht nur von jener Gesetzlicltlceit abhängig. In der Psycho- 
tlierapie bestimmen Wertgefülil, Wille, Blut, Leben das Ziel und nicht die 
Wissenschaft. Auch die Gesundlieit ist nicht etwa Wert an sich. Sie ist nicht |; 
unter allen Umständen ein Wert, der verwiiklicht werden muß. Sie hat sich 
der Welt der Werte überhaupt einzufügen, wie sie ihren Niederschlag in einer 
Weltanschauung finden. Und diese ist stets wesentlich politisch mitbestimmt. 
Von dieser Seite her also hat ein Volk einen Anspruch darauf, daß auch die 
psychotherapeutischen Wertsetzungen der Gesamtheit der Werte eingeordnet 
werden. Auf keinen Fall sollte sich der, der bloß Wissenschaftler zu sein 
glaubte, ^vundern, wenn ein Volk in Zeiten der Not jene Einordnung der psycho- 
therapeutischen Zielsetzungen fordert. Zum mindesten sollte die Wissenschaft 
von sich aus immer wieder bereit sein, die Zielsetzungen zu überprüfen, imt 
denen sie in die Praxis hineingeht. So allein wird sie sich auch vor denen recht- 
fertigen können, die ihr die Existenz gewährleisten. Denn der Wissenschaft 
ist ja zunächst nur Freiheit zur Forschung gegeben, damit aber noch nicht 
völlige Handlungsfreiheit. 

Wenn liier also die Tüchtigkeit in den Mittelpunkt der psychodiera- 
peutischen Zielsetzung gestellt ivird, so geschieht dies im Dienste freiwilliger 
Selbstbesinnung einer wissenschaftlichen Disziplin auf ihre zusätzlichen M ert- 
bestandteile. 

Was ißt Tüchtigkeit? 

Es soll hier keine Definition gegeben werden. Aber es soll angegeben 
werden, was man sich im strengeren psychologischen Sinn wohl darunter vor- 
stellen darf. Zur Tüchtigkeit gehört in erster Linie Kraft. Die ist dem 
Menschen als sein Pfund mitgegeben, das er zu verwalten hat. Und viel wäre 
in Ordnung, wenn er diese Kiaft, diese Bereitschaft imd Fähigkeit zu 
lebendi<^er Expansion immer ausreichend zur Verfügung hätte. Denn diese 
gesammelte Kraft muß er zunächst einmal in Freiheit zur Verfügung haben, 
wenn er sie nach den Gesetzen seiner Vernunft, seines Gewissens in Zucht, 
Ordnung, Disziplin formen können soll. Hat er diese Kraft aber beieinander, 
formt, gestaltet er sie nach den Maßstäben seines Gewissens, so ordnet er sich 
damit in das Ganze der Menschen, unter denen er lebt, die ihn tragen, die 
ihm helfen, denen er hilft, selbsttätig ein. Wer gesunde Kraft beieinander hat, 
geht nicht seine eignen Wege. Er ist der Gemeinschaft, in der er lebt, ver- 
pfhehtet imd verbunden. Es ist ihm eine Selbstverständlichkeit, sich zu 
fragen, wo er helfen kann. Es gibt niemand, der keine Begabung hätte, irgend- 
wo anzupacken. Es gibt viele, die meisten, die keine Sonderbegabung haben, 


86 


H. Schultz-Heiicke 


aber soviel allgemeine Fälligkeiten hat ein jeder, daß er jederzeit bereit sein 
kann, zu helfen und im Helfen den Sinn seiner eignen Existenz zu erfüllen. 
Kicht, weil er von außen dazu getrieben wird, weil er leider eignes Genießen 
verlassen und sich lästigem Opfer zuiv^enden muß, sondern weil er nur wirk- 
lich leben imd sich selbst entfalten kann, wenn er sich mit seinen Fähigkeiten 
in den Dienst dessen stellt, was mehr ist als er. 

Aber: er muß seine gesammelte Kraft zur Verfügmig haben, um sie so ver- 
werten zu können. 

Ein Mensch mit neurotischem Symptom hat diese expansiven Kräfte nicht 
beieinander. Nicht so weit, wie es seiner Totalnatur entspricht. Ein Teil 
seiner expansiven Kraft fließt in seine Symptomatik ab. Sie wird dort nutz- 
los vertan, dem Neurotiker zu Leide, seiner Mitwelt entzogen. Wer ihn von 
seiner SjTnptomatik befreit, gibt ihm seine Kraft, gibt ihm die Herrschaft über 

i seine Kräfte zurück. Damit aber schenkt er der Gemeinschaft die Kräfte 
dieses Einzelnen. Der Gesunde verwendet sie dann in deren Dienst. Die Psycho - 
tlierapie hat diese Aufgabe in erster Lhiie, dem Neurotiker seine expansiven 
Kräfte wieder voll zur Verfügung zu stellen. 

Gilt das eben Gesagte aber für alle Psychotherapie? Sind alle Fälle vori 
Neurose grundsätzlich so strukturiert, wie es eben dargestellt ■wurde? 

Hier setzt die differenzierende Wissenschaft ein imd zwar einschränkend. 
Gewiß, die Struktur aller Fälle von Neurose ist grundsätzlich die gleiche. 
Jedesmal handelt es sich darum, daß expansive Kjräfte an ihrem Auswirken 
verhindert, sich in Symptomen entladen. Dennoch aber unterscheiden sich 
die Fälle sonst völlig gleicher Symptomatik sehr erheblich voneinander. 
Ei-stens gibt es solche mit lärmender, „schwerer“ Symptomatik imd andre 
mit weniger heftigen Symptomen. Aber dieser Punkt ist n i c h t der wesent- 
liche. Denn gerade die Fälle mit heftiger Symptomatik sind in der Regel die 
leichten, und solche mit leichter Symptomatik können gerade die schweren 
sein. 

Es ist ungeheuer bedauerlich, daß sich die Keimtnis dieses Tatbestandes 
in der wissenschaftlichen Welt so sehr wenig durchgesetzt hat. Denn diese 
Kenntnis ist unerläßlich für jede differentielle Indikationsstellung. Leider 
kann dieser Tatbestand aber nicht kurz geschildert werden. Es wird hier 
dalier auf breitere Ausführungen verwiesen i ). Andrerseits aber muß er hier 
dennoch kurz beleuchtet werden, sonst kann nicht Klarheit darüber entstehen, 
warum tatsächlich die Tüchtigkeit das Ziel psychotherapeutischen Bemühens 
ist oder sein muß. 

s. „Einführung in die Psychoanalyse“, G. Fischer, Jena 1927. S. 76 ff., 266 ff.; 
s. „Die heut. Aufg. d. Psychoth. als Wissenschaft“, Allg. ärztl. Z. f. Psychoth., Bd. '1 
H. 4 S. 244 ff. 


87 


Die Tüchtigkeit als psychotherapeutisches Ziel 

Die schwere Neurose beruht auf der Gehemmtheit sehr erheblicher expan- 
siver Kräfte. Dieser Satz ist nicht umkehrbar. Denn schwere Gehemmte 
können „gesund“, d. h. symptomlos bleiben. Aber, wenn jemand Symptome 
produziert, hat er nur dann eine schwer neurotische Struktur, wenn er 
sehr erhebliche Kräfte nicht zur Verfügung hat. Sehr erheblich im Ver- 
hältnis zum Kraftmaß, das seiner Person anlagemäßig zur Verfügung steht. 
Der schwere Neurotiker ist der untüchtige Mensch kat exochen. Von der 
Gehemmtheit seiner expansiven Kräfte her. Es sind Ausnahmen, die aus dem 
Rahmen der Diskussion fallen, wenn einmal ein genialer Neurotiker über- 
kompensierend doch etwas Großes schafft. Von der Ausnahme her laßt sich 
die Regel nicht interpretieren. Wir haben es in der Psychologie g^z über- 
wiegend mit ungenialen Untüchtigen zu tun. Schon die Sonderbegabung fallt 
nicht ohne weiteres unter den Titel Genialität. 

Mit diesen Untüchtigen haben wir es zu tun, soweit unsre Patienten zu j 
den schweren Neurotikern gehören. Und auf diese bezieht sich auc | 
wesentlich jene tlierapeutische Zielsetzung. Das ist die erste Abgrenzung, die 
vorgenommen werden muß, sollen Übergriffe und Unklarheiten vermieden 
werden. Mit andren Worten heißt dies, daß die leichten Neurotiker zu 
den Tüchtigen bereits gehören. Wer näher zusieht, Wd sich davon über- 
zeugen können, daß dies zutrifft. Er wird finden, daß in deren Leben, in das 
Leben eines sonst tüchtigen Menschen, regelmäßig ein äußeres Geschehms er- 
schütternd eingreift. Und zwar handelt es sich fast immer um außergewöhnlich 
schwere Ereignisse. Sind sie das nicht, so heilt die Neurose in recht kmzer 
Zeit spontan aus. Dagegen spricht nicht, daß in einer begrenzten Zahl von 
Fällen eine vorschnelle Rentengewährmig einen eben erschütterten Menschen 
verführen kann, dem Leben auezuweichen und krank zu bleiben. 

Die leichten Neurotiker sind „an sich“ tüchtige Menschen. Jedenfalls haben 
sie ihre expansiven Kräfte, eine wesentliche Grundlage der Tüchtigkeit zur 
freien Verfügung. Sie sind nicht wesentlich gehemmt. Es ist also einzuräumen, 
daß man in ihrem Fall eigentlich nur von der Wiederherstellung ihrer Tüchtig- 
keit sprechen kann, nicht aber von deren Herstellung. Diese ist allem beim 
schweren Neurotiker erforderlich. Die Gegenüberstellung der beiden Worte 
Wiederherstellung und Herstellung trifft wohl den Tatbestand in ausreichender 

Weise. 

Daraus aber ergeben sich für die Therapie sehr wesentliche Gegensätze. 
Und die bestehenden wissenschaftlichen Gegensätze finden so ihre Erklärung. 
Besonders erklärt sich von hier aus, warum mit so viel Beharrlichkeit und 
Selbstgewißheit alle die verschiedenen Schulen an ihren Überzeugungen fest- 
halten, als ob sie allein gültig wären. 


88 


H. Schultz-Hencke 


Ein an sich tüchtiger Mensch wird, durch ein Ereignis schwer erschüttert, 
mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Symptome bilden. Wer viele Menschen- 
leben überblickt, wird dies bestätigen müssen. Neurotische Symptome sind 
zunächst kein Zeichen von Schwäche. Weil dieser Tüchtige aber in seiner 
Kernstruktur gesund ist, weil er nahezu alle seine expansiven Kräfte bei- 
einander hat, wird sich sein Kern der erschütterten Schale gegenüber durch- 
setzen. Er wird mit recht hoher Wahrscheinlichkeit in kürzerer Zeit, höchstens 
in einem halben Jahr etwas spontan gesimden. 

Daraus folgt, daß Ruhe, körperliche Arbeit für den sonst geistig Tätigen, 
alle möglichen Kräftigimgsmaßnahmen, förderlich sein werden. Aber man 
sollte wissen, daß sie eben nicht heilen sondern Gesundxmg befördern. W enn 
man das aber weiß, so ist es natürlich durchaus legitim, in solchen Fällen auf 
schweres therapeutisches Geschütz zu verzichten. 

Dies würde noch nicht in menschlicher Beratung bestehen. Wer geübt und 
in der Lage ist, auf Grund einer einfachen Anamnese ein solches im Augen- 
blick etwas in Unordnung geratenes Leben zu überblicken, wird auch den 
Versuch machen können, seelisch einzugreifen. Und zwar grundsätzlich so, 
daß augenblicklich verschüttete, gelähmte Expansivkräfte wieder frei werden 
und ihren alten Platz in sinnvoller Lebensführung wieder einnehmen. Solche 
Hilfe ist durchaus möghch und entspricht durchaus den strukturellen Ver- 
hältnissen der leichten Neurose. Es hat auch immer schon Ärzte gegeben, die 
diese Hilfe mit Erfolg leisteten. Wohlgemerkt, eine Hilfe auf Grund einer 
einfachen Anamnese, einfach menschlicher Auseinandersetzung mit einem akut 
erschütterten Menschenleben. 

In solchen leichten Fällen besteht hier bereits die Möglichkeit einer Wahl 
der therapeutischen Methode nach persönlicher Eignung mid Neigung des 
Arztes. Ohne Zweifel kann man hier in vielen Fällen ebensogut einfach Ruhe 
geben und abwarten wie klug beraten. Mag das eine etwas länger dauern. Es 
ist wohl nicht sicher zu entscheiden, ob nicht die Selbsdieilung durch einfaches 
Ruhenlassen oft stabilere Resultate hat als ein nicht ganz ausgefeiltes mensch- 
liches Beraten. Dieses mag im Augenblick positiv erschüttern, mag die Symp- 
tome schnell zum Schwinden bringen. Vielleicht will aber auch hier eigent- 
lich gut Ding seine Weile haben. Es soll nicht entschieden werden, was wohl 
das Wahrscheinlichere ist. Vielmehr soll deutlich werden, wie ganz aktives, 
spezielles Verhalten des Arztes und völlige Passivität durchaus verständlicher- 
weise gleich guten Erfolg haben können. Wenn — es sich um gleich-leichte 
Fälle handelt. 

Sehr grob voneinander verschiedene therapeutische Maßnahmen haben liier 
also „gleichen“ Wirkungswert. Eben, weil sie beide nur zu fördern vermögen 
und auch nur schon Werdendes zu fördern brauchen. 


89 


Die Tüchtigkeit als psychotherapeutisches Ziel 

Und beide Methoden sind durchaus kausal. Es ist völlig unrichtig, hier 
nicht von kausaler sondern nur von „symptomatischer“ Heilung zu sprechen. 
Gerade diejenigen, die sich vonviegend mit schweren Neurosen beschäftigen, 
also ganz besonders gute Strukturkenntnisse besitzen müßten, sollten wissen, 
daß es leichte Neurosen gibt, sollten 'wissen, wie diese aussehen und bereit- 
willig feststellen, daß diesen gegenüber die Methode der Wahl in leichtem 
Geschütz besteht. Und ~ daß so kausal gearbeitet wird, nicht „sympto- 
matisch“. 

Ein Kunstfehler wäre es nur, schwere Neurosen ebenso mit leichtem 
Geschütz anzugehen. Ist man sich nicht völlig klar über die Sch^vere eines 
vorliegenden Falles, so wird man es natürlich mit leichtem Geschütz 'x er - 
suchen dürfen und sogar sollen. Aber es wäre verfehlt, 'viele Monate oder gar 
Jahre hindurch bei leichten therapeutischen Maßnahmen zu bleiben. 

Es erhebt sich in diesem Zusammenhang die Frage, wieviel solcher leichten 
Neurosen es wohl gibt. Von einer Praxis mit vorwiegend schweren chronischen 
Fällen her ist dies sehr schwer zu beurteilen. Wegen der Unbekanntheit der 
Problemstellung ist aber auch von andrer Seite her m. W. kaum ein Versuch 
exakterer Feststellung gemacht worden. So ist immer noch eine ungefähre 
Schätzmig erforderlich, wenn man urteilen will. Vielleicht sind es 50 o/o der 
Fälle, die zu den leichten gehören. Vielleicht sind es noch mehr. Keinesfalls 
ist es so, daß die schweren nur 20 o/o betragen oder umgekehrt, daß dies für 
die leichten gilt. Solch ungefähre Feststellung muß uns vorläufig noch weiter 
genügen. 

Das würde also heißen, daß etwa die Hälfte aller neurotischen Menschen 
Joch zu den mehr oder weniger Untüchtigen gehört. Und weiter, daß es sich 
hier also nicht um die bloße Wiederherstellung der Tüchtigkeit, sondern um 
deren Herstellung handelt. 

Dabei ergibt sich aus dem Dargestellten, daß nicht etwa 50 o/o leichte Neu- 
rosen ohne Übergang den andren 50 schweren gegenüberzustellen ^vä^en. Die 
Verteilung der Neurosenschwere hat vielmehr sicher eine Kurve, deren Verlauf 
wir nicht genau kennen. Aber sicher können wir über sie aussagen, daß sie die 
Darstellung fließender Übergänge ist. 

Entsprechend dieser Tatsache zeigt sich daher auch, daß es leichte Neurosen 
gibt, die gerade eben in einem halben Jahre etwa spontan abkhngen würden. 
Solch ein Abklingen wird ja häufig genug berichtet. Man sollte es nur auch 
ausdrückheh als wissenscliaftUche Tatsache formulieren und berücksichtigen. 
Dabei ist es klar, daß ein halbes Jahr wiederum die Angabe einer Größen- 
ordnung war. Im Grenzfall Avird eine leichte unbehandelte Neurose auch 
einmal erst nach ein oder anderthalb Jahren abklingen. Und das ist nicht 
wunderbar, sondern als einfaches Faktum zu registrieren. Jedermann kann 


90 


H. Schultz-Hencke 


beobachten, daß Menschliches, Episoden im Menschenleben, oJft eine etwa 
dreijähnge Dauer haben. Die Menschen neigen nur falscherweise dazu, viel zu 
kurze Ablaufszeiten für relevantes seehsches und körperliches Geschehen anzu- 
uelunen. Ein Furunkel heilt in vier Wochen. Aber die rote, veränderte Ge- 
websstelle, die er hinterläßt, verschwindet oft erst nach einem Jahr. Aber 
dann verschwindet sie auch und nicht erst nach zehn Jahren. Im allgemeinen. 
Ebenso verlieren sich Narbenschmerzen, Narbenrückstände nach organischer 
Erkrankung nicht kurz nach der Heilung. Aber im allgemeinen auch nicht 
eret luich vielen Jahren, sondera nach einem, nach zweien. Das gleiche gilt für 
seelisches Gebiet. Auch da gibt es regelhafte Ablaufszeiten, die der Kenner 
berücksichtigt, die heute aber in der Wissenschaft noch viel zu wenig aus- 
drückliche Beachtung finden. Also — es gibt auch einmal leichte. Neurosen, 
die erst nach ein, nach anderthalb Jahren spontan abklingen; mid (in andren 
Fällen) auch abgeklungen wären, wenn man sie nicht behandelt hätte. 

Dementsprechend stuft sich nun eine Reihe von therapeutischen Maßnahmen 
ab, von denen folgerichtigerweise berichtet wird, sie wären bei der und der 
Symptom a r t mit Erfolg verwendet worden. 

Der hier verfügbare Raum erlaubt es nicht, auf sie ausführlich einzugehen. 
Es mußte genügen, oben zwei äußerlich sehr verschiedene Maßnahmen, eine 
ganz passive und eine ganz aktive, einander gegenüberzustellen. Nur zu dem 
Zweck, zu zeigen, daß für jeden Leichtheitsgrad einer Neurose eine Gruppe 
von Maßnahmen zur Verfügung steht. Diese versprechen in der Hand des 
Geübten, zu ihnen Neigenden, einen annähernd gleichen Erfolg. Und einen 
nicht rätselhaften, sondern durchaus verständlichen, wenn man einerseits die 
vorhandene Tüchtigkeit des Patienten = S p o nt a nh eilungst en- 
de n z , andrerseits die Reichweite der betreffenden Maßnahme berücksichtigt. 

So können verschiedene Medikamente gerade eben ausreichen, ein Symptom 
solange physisch zu unterbinden, bis der Patient sich strukturell wieder er- 
holt hat. i ^ ! I { ; 

Suggestionen leichterer oder schwererer Art können dasselbe leisten. 
Wenigstens dadurch, daß sie ängstliche, verstärkende Aufmerksamkeit dem 
Symptom gegenüber in expansiven Optimismus verwandeln. 

Für bestimmte Schweregrade der Neurosen ausreichend! 

In noch schwereren Fällen reichen dann die bisher genannten Maßnahmen 
nicht mehr aus. Dann kann ein autogenes Training vielleicht ausreichend 
wirksam sein. Wird dieses bis zu höherer Stufe ausgedehnt, so fallen in sein 
Bereich noch schwerere Fälle. Und hier wird dann bereits Ordnung der Per- 
sönlichkeit erstrebt. Diese geht weiter in die Zielsetzung der Neuordnung über. 
Und au dieser Stelle wiedeiuin beginnt die Wahlmöglichkeit zwischen tief- 
gehender ordnender Selbstschau und weiteren Methoden. Es kann die Ein- 


Die Tüchtigkeit als psychotherapeutisches Ziel 


91 


oi-dnung iii die große Welt menschlicher Auseinandersetzung mit dem Leben 
und dem eignen Innern erstrebt werden. Ausgehend vom Traum können die 
Niederschläge solcher Auseinandersetzung in Kult, Ritus, Legende, Sage, 
reUgiöser Lehre der Völker zur Ordnung individuellen Lebens verwendet 
werden. Expansives Erleben wird dadurch gefördert. Wie weit das dann 
bei jüngeren Menschen trägt, welche Strukturwandlung zur Tüchtigkeit hin 
es bei Menschen in der zweiten Lebenshälfte bewirkt, kann erst der Vergleich 
mit den Erfolgen andrer Methoden zeigen. Und dieser Vergleich liegt leider t 
noch weit vor uns. Z. B. wird hier die Leistungstherapie hinsichtlich ihier I 
Reichwei te eins t zu uBerprüfen sein. Auch deren Vorgehen ist klar, ihre Be- j 
zogenheit auf die Struktur der Neurosen ist bündig. Aber ihre Zuordnung zu den 
Neurosen verschiedener Schwere ist noch ebenso fraglich wie die der mit Ana- 
logien aus der Völkerpsychologie arbeitenden Methode. Das eben heißt Reich- 
weite, daß gefragt werden muß, für Neurosen welcher Schwere und Sonder- 
art (nicht Symptomart!) eine bestimmte, an sich erfolgreiche Methode noch 
Avirkungskräftig genug ist. Es ist heute nicht mehr am Platze, die Wirkungs- 
möglichkeit einer der ja klar genug beschriebenen Methoden in Frage zu stellen. 
Es kommt lediglich darauf an, abzugrenzen, bei welcher Neurosenschwere sie 
noch ausreichen. Es kommt darauf an, welches Ausmaß an primärer Ex- 
pansionsgehemmtheit sie zu beseitigen vermögen. Und das heißt, anders aus- 
gedrückt, welches Maß an Untüchtigkeit sie in Tüchtigkeit zu verwandeln ver- 
mögen. Dann aber auch, welche von ihnen die Möglichkeit hat, ohne das 
Expansive wieder in neue Gehemmtheit zu verwandeln, 
die voll entfalteten expansiven Kräfte am besten zu disziplinieren. Dann erst 
Avird sich auch herausstellen können, welche praktische Bedeutung das schAvere 
Geschütz der individualpsychologischen Methode und welches das noch 
schwerere der (theorie- rmd spekulationsfreien) Psychoanalyse hat. Diese beiden 
Methoden greifen wohl ihrer Absicht imd Art nach am tiefsten in die seelische 
Struktur ein. Und die Psychoanalyse geht am direktesten gegen die Gehemmt- 
heit des Expansiven im Menschen an. Sie sucht am unmittelbarsten die eine 
notwendige Grundlage der Tüchtigkeit herzustellen: den Vollbesitz aller der 
Kräfte, die der Mensch anlagemäßig miterhielt. 

Psychoanalyse abgesehen von ihrer spekulativen und theoretischen Ver- 
fahrenheit ist die Lehre vom gehemmten Menschen. Nicht mehr, aber auch 
nicht weniger. Sie ist eigentlich eine Desmologie^), und ihre Methode ist 
die der Desmolyse. 

Sollten die orthodoxen Anhänger der Psychoanalyse darauf beharren, ihre 
spekulativen Theorien unter allen Umständen vor dem berechtigten Zerfall zu 


defj/iioz = Fessel. 


92 


H. Schultz-Hencke 


bewahren, und nur dieses Ganze von empirischer Wahrheit, Begriffsschieflieit 
und Spekulation „Psychoanalyse^^ zu nennen, so wird deren verifizier- 
b a r er Grundbestand eben einen neuen Namen erhalten müssen. Eis kann keine 
Rede davon sein, daß die Wissenschaft sich ihrer unzulänglichen Begriffswelt 
anpassen wird. Die Psychoanalyse ist keine „neue Psychologie“ sondern ein 
Ausschnitt aus der Psychologie. Und dieser betrifft die Gehemmtlieitsseite 
aller Menschen mit ihren weiteren Folgen. Der gehemmte Mensch ist der, 
den sic untersucht, über den sie Aussagen macht und nicht etwa der Mensch 
überhaupt. 

Eine Gruppe der untüchtigen Menschen sind die gehemmten. Gehemmtheit 
expansiver Tendenzen, Kräfte ist eine der Grundlagen der Untüchtigkeit. Ziel 
der Therapie ist die Herstellung der Tüchtigkeit. Das gilt in strengem Sinn 
für alle schweren Neurosen. Sämtliche übrigen Therapien sind nur und nur 
soweit für die schweren Neurosen geeignet, wie sie mn die Gehemmtheit aus- 
drücklich wissen, wie sie bereit und fähig sind, ihr zu Leibe zu rücken. In 
einem noch zu eruierenden Grade sind sie in der Lage, sämtliche Symptome 
zu beseitigen. Nur ein Teil von ihnen, und der auch nur in stufenweiser Reich- 
weite, ist in der Lage, schwere (nicht lärmende!) Neurosen zu heilen. 

Eine schwere Neurose heilen, heißt, dem Neurotiker Tüchtigkeit vermitteln. 
Dies kam im richtig gesehenen Ansatz schon in der Formel zum Ausdruck, 
die Psychoanalyse sei eine Art Nacherziehung. Weiterhin in der Formel, der 
Patient habe nach der Aufdeckung des Ubw. dieses zu verurteilen oder zu 
billigen. Auch in der Zielsetzung: Herstellung der Arbeitsfähigkeit, ist der 
gleiche richtige Kern enthalten. Um so bedauerlicher, daß diese Thesen nicht 
in ausführlichster Weise, gesondert der wissenschaftlichen Erörterung unter- 
zogen wurden. Ein noch so häufiger Hinweis auf diese Kurzformeln konnte 
eine solche breite Erörterung nicht ersetzen. Diese wäre ^vichtiger gewesen 
als die Hinzufügung neuer halbbiologischer Spekulationen zur Empirie. Auch 
wenn diese dazu dienen sollten, die Tatsachengruppe; verschüttete expansive 
Tendenzen weiter zu klären. 

So allein konnte es auch dahin kommen, daß die wissenschaftliche Mitwelt 
glaubte, die Desmolyse habe als beabsichtigten Effekt den der Enthemmung 
= Hemmungslosigkeit. Aus den Grundtatsachen der Struktur gehemmter 
Menschen folgt dies keineswegs. Und wer das bejahend oder verdammend 
glaubte folgern zu dürfen, tat das als Privatmann, als weltanschaulicher Be- 
jaher der Hemmungslosigkeit oder als jemand, der sich weniger um die Tat-, 
Sachen als um die propagandistische Literatur kümmerte. 

Aus den strukturellen Tatsachen der Gehemmtheit folgt nicht, daß ihre 
Aufhebung zur Hemmungslosigkeit führt. Wird ein gehemmter Neurotiker 
so expansiv, wie er es seiner Anlage nach sein muß, so fällt er damit durchaus 


93 


Die Tüchtigkeit als psychotherapeutisches Ziel 

noch in den Rahmen dessen, was man jedem Menschen an Expansion allge- 
mein zubilligt. Mag sein, daß er sich erst zurechtfinden muß, mag sein, daß 
er von den alten Fesseln befreit zunächst einmal über die Stränge schlägt. 
Vernunft und Gewissen regulieren dann stets die sich entfaltenden Kräfte. 
Und wenn sie das nicht zu tun scheinen, so liegt das daran, daß der Betreffende 
seine innerste Gehemmtheit nicht verlor, und seine expansiven Kräfte dann 
quasi-symptomatisch, explosiv hervorbrechen. Wer die zugehörigen Tat- 
bestände so darstellt, als ob es sich um Hemmungslosigkeit handle, — das ist 
geschehen und zwar bejahend, mehr unausdrücklich als ausdrücklich der 
plädiert (aus Weltanschauung!) für die Hemmungslosigkeit. Aber er stellt 
keineswegs einfach notwendige Fakten fest. Der Hemmungslose ist ebenso 
ein Fehlprodukt der Methode, wie es der hinsiechende Tuberkulöse ist, der zu- 
nächst einmal zwei Jahre auf harmlose Bronchitis behandelt wurde. Oder 
wie es der von seinen Verwachsungen Gequälte ist, dem man den Appendix 
entfernte, obgleich er eine vorübergehende Cholezystitis hatte. 

Dieses Mißverständnis, als handle es sich um Herstellung von Hemmungs- 
losigkeit, konnte sich erhalten, weil zu viel Spekulation, Begriffsschiefheit und 
theoretische Abwegigkeit in das Lehrgebäude Freuds von ihm selbst und 
seinen Schülern hineingebracht wurde. So besonders die Libidotheorie, der 
Pansexualismus“. Nur für den, der sich die beschriebenen seelischen Sach- 
verhalte (nicht die Spekulation darüber!) sehr genau ansah, konnte bald 
klar sein, daß ein sehr erheblicher Teil des bloß faktisch Geschilderten gar 
nichts mit SexuaUtät zu tun hat, sich vielmehr höchstens und dann erstaun- 
Ucherweise mit ihr koppelt. Aber all das kann hier nicht näher ausgeführt 
werden. 

Die psychoanalytische Literatur hat es selbst weitgehend verschuldet, wenn 
die Welt sich um die gemeinten expansiven Tatbestände nicht kümmert. Und 
die gesunde Menschenpsychologie hat durchaus recht, wenn sie die Sexual- 
„theorie“ ablehnt. Unbefangenes Hinsehen zeigt, daß die Sexualität unter 
andren expansiven Triebkräften eine ist. Und das geduldige Nachforschen 
bei sachgerechter Begriffsbildimg zeigt, daß das Gebiet der aggressiven 
Expansion einen sehr breiten Raum in der Struktur der Neurose ein- 
nimmt, Jas des Besitzstrebens einen breiten, und das der Sexualität einen 
weniger breiten. Mit den Worten Aggression und Besitzstreben sollen Ge- 
biete bezeichnet werden. Was hierunter subsummiert wird, ist allerdings 
nur in extenso darzustellen. 

Die Libidotheorie wird also fallen müssen und mit ihr alle zusätzlichen 
Spekulationen und korrespondierenden Begriffsschiefheiten. Was dann an 
neuer, vertiefter Einsicht in die Neurosenstruktur bleibt, ist immer noch groß- 
artig und erstaunlich genug. 


94 


H. Schiiltz-Hencfce 


Nicht habgierige, geizige, aggressive und sich animalisch austohende 
Menschen werden aus analysierten Neurotilcern. Sondern aus schwächlich ge- 
Idgigen Menschen werden solche mit normalem, gesimdem Besitzstreben, 
Geltungsstreben imd normaler Sexualität. Dies aber paßt der nächsten Um- 
gebung sehr oft nicht. Doch es kommt auf das Volksganze an, darauf, daß 
dieses tüchtige Menschen erhält und nicht in erster Linie darauf, daß die 
nächste Umgebung, an einen gefügigen Schwächling gewöhnt, sich diese Ge- 
fügigkeit erhält. 

V^as in einem schweren Neurotiker au infantilen Expansionen steckt, 
sein sog. „Ubw.“, wird so in gesunde Erwachsenenkraft übergeführt. Weich- 
heit über passegere Explosionen hinweg in Festigkeit. Schwächliche Gefügig- 
keit in gesimdes Selbstbewußtsein und Gefühl für die eigne Ehre. Nur wer 
aus ganz persönlichen Weltanschauungsgründen, die mit Psychologie und 
Wissenschaft gar nichts zu tun haben, ein haltlos genießendes Leben für wert- 
voll hält, wird dann auch seinen Patienten u. U., — in einigen Fällen gelingt 
das höchstens! — die eigne Haltlosigkeit imputieren können. Das ist dann 
aber em weltanschaulich-politischer Akt, den ein Philosoph, liberaler Theo- 
loge, radikaler Pädagoge ebenso ausführen kann. Und doch ist deshalb noch 
nicht die Philosophie, die Theologie und die Pädagogik wesensmäßig von 
auflösendem Charakter. 


Dennoch: es gibt Psychotherapeuten, die sich mit der Analyse gerade der 
schweren Neurosen befassen und trotz eines durchaus auf Zucht Diszi- 
plin, Dienstbereitschaft, Einordnung festgelegten Zieles 
dennoch an der Formel festhalten möchten, ihre Aufgabe sei als Analytiker, 
Homosexuelle m Heterosexuelle zu verwandeln. Sie neigen also dazu, das 
Kennzeichnende ihrer besondren Methode entsprechend der Libidotheorie 
sexuaUstisch zu formuUeren. Manchmal verteidigen sie dann die Libidotheorie 
aufrichtig als modus dicendi, manchmal aber übersehen sie deren Schiefheiten 
und spekulative Überspitzungen. Fragt man die Betreffenden aber genauer 
nach ihrer konkreten Meinung, oder wartet man auch nur mit der Zustimmung 
zögernd eme Weile, so werden weitere Erklärungen Hnzugefügt. Z. B. wird 
e i^zformel. Der Homosexuelle solle sich, in einen Heterosexuellen ver- 
wandeln ^ingehend erläutert, man habe eben aus einem Neurotiker „einen 
rechten Mann“, aus einer Neurotikerin „eine wirkliche, rechte Frau“ zu 
machen. Das aber klingt schon ganz anders. Und es wäre ein Glück für die- 
Wissenschaft, wenn sich die betreffenden Kollegen einmal klar machten, daß 
ein „rechter“ Mann doch wirklich etwas andres ist als ein „nunmehr hetero- 
sexueller“. Eme Seite des „rechten“ Mannes ist fast ausnahmslos seine Hetero- 
sexualität. Aber was sind die übrigen Seiten? Der Begriff „recht“ ist in 
diesem Fall mit heterosexuell doch nicht erschöpfend getroffen! Es be- 


Die Tüchtigkeit als psychotherapeutisches Ziel 


95 


darf doch keiner „philosophischen“ Schulung, um zu wissen, was erschöpfend 
ist und was nur zusätzlich charakterisierend. 

Erscheint es müßig, so zu erörtern? Aber die tvissenschaftUche Lage ist 
nun eirimfll SO. Sie muß geklärt werden, will man nicht theoretischer Diffe- 
renzen und Unsinnigkeiten wegen zulassen, daß weiterhin chaotische Willkür 
auf psychotherapeutischem Gebiet herrscht, Mißtrauen erweckend und auf- 
recht erhaltend. 

Mit all dem soll also gesagt sein, daß sich selbst hinter der abwegigen Kurz- 
formel, der Homosexuelle sei in einen Heterosexuellen zu verwandeln, unter 
dem Worte „rechter Mann“ z. B. die Vorstellung der Tüchtigkeit verbirgt. 
.Ja, es kann verkommen, daß ein Kollege, zu weiterer Erörterung aufgefordert, 
ganz eindeutig entwickelt, was man sonst eine heroische Haltung dem Leben 
gegenüber nennt. Es soll aber nicht bestritten werden, daß es Forscher gibt, 
die aus den Strukturtatsacheii des gehemmten Menschen alles andre eher als 
die Notwendigkeit einer heroischen Haltung dem Leben gegenüber „abzu- 
leiten“ suchen. 

Der schwere Neurotiker ist der Untüchtige kat exochen. Seine Heilung be- 
deutet: ihn zu ertüchtigen. Erster Ansatz: Befreiung seiner expansiven Kräfte. 
Damit diese dann unter die Herrschaft von Vemmift xmd Gewissen gestellt 
werden können. Gelingt die Befreiung der expansiven Kräfte nicht, so wird 
er seine Umgebung nur durch unbeherrschte Kraftäußei’ung, durch Sympto- 
matik oder „Schwierigkeit“ belasten. 

Eine Methode, die die Gehemmtheit bevorzugt studiert, und direkt gegen 
sie vorgeht, ist damit auch die Methode der Wahl bei allen schwersten Neu- 
rosen. Die Psychoanalyse wäre es, wenn sie nicht von wenigstens drei weiteren 
Seiten her aufs schwerste belastet wäre. Außer durch die unhaltbar einseitige 
und überflüssige Libidotheorie. Und sie ist belastet durch Übergriffe auf 
fremdes Gebiet, Übergriffe, die mit wissenschaftlieher Folgerichtigkeit nicht 
das mindeste zu tun haben. 

Auch wer sich recht eingehend mit der psychoanalytischen Literatur be- 
schäftigt, muß ihr folgende drei Thesen entnehmen : Der Kriminelle wird durch 
sie weitgehend exkulpiert. Die Religion stammt aus dem Oedipuskomplex. Es 
gibt eine besondre psychoanalytische Pädagogik. 

All dies hat aber mit Wissenschaft nichts zu tun. Hierj bricht die persön- 
liche Weltanschamuig der betreffenden Forscher in die Wissenschaft ein. Sie 
tuen mehr als das: bloße Seinswissenschaft treiben. Sie nehmen Stellung. Meist 
unausdrücklich. Im Gewände bloßer Tatsachenwissenschaft. Sie bemerken 
ihren Fehlgriff oft selber nicht. Sie nehmen Stellimg für den Kriminellen und 
glauben, Wissenschaft zu treiben. Sie nehmen Stellimg gegen die Religion und 
glauben, nur Folgerungen aus der Eigengesetzlichkeit der Kinderseele zu tun. 


96 


H. Schultz-Hencke 


Olinc Zweifel ist Freud selbst in dieser Hinsicht noch am zurückhaltendsten 
gewesen. Aber er hat dennoch nur ganz selten einmal gegen Übergriffe seiner 
Schüler Stellung genommen. Er ist eben selbst nicht klar genug davon über- 
zeugt, daß hier wirklich Unzulässiges, Unhaltbares abgeleitet wurde. 

Und doch, jene Thesen hängen, wie zu erwarten, nicht vollständig in der 
Luft. Wenn die persönliche Weltanschauung von Forschern in die Wissen- 
schaft einbricht, so ist diese damit noch nicht absolut bodenlos gewordem 
Zutreffend wären etwa folgende Formulierungen gewesen: 

Ein erheblicher Teil der Kriminellen zeigt eine schwer neurotische Struktur. 
Nicht nur selten, sondern häufig ist das so. Und gerade dieser Häufigkeit 
wegen ergibt sich liieraus nichts grundsätzlich Entlastendes. Das Faktum der 
Straffälligkeit und des Strafmaßes ist daher nach andren, moralischen, poli- 
tischen, w'eltanschaulichen Gesichtspunkten zu bestimmen. Der Psychologe 
(nicht der Verteidiger !) übergibt dem Richter das vollständige Bild des Krimi- 
nellen. Der Richter urteilt dann nach Grundsätzen, die außerhalb der Psycho- 
logie liegen und liegen müssen. Der Psychologe kann dann vielleicht besser 
als der „Menschenkenner“ angeben, ob eine Strafe den abschreckenden Cha- 
rakter haben wird, den man von ihr erwartet. Aber er kann keinesfalls darüber 
(als Psychologe) urteilen, ob und wie weit abgeschreckt werden soll. — 

Die Religion stammt nicht aus dem Oedipuskomplex. Sie hat ihren eignen 
Boden. Sie ist autochthon. Aber — der einzelne Mensch kann eine gerade 
und gesund gewachsene Religiosität und religiöse Überzeugung haben, und er 
kann ebensogut eine sehr brüchige haben. Es ist häufig so, daß die Gehemmt- 
heit von Menschen und auch ihre blinde, infantile Impulswelt trübend in 
ihr religiöses Erleben hinein ragt. Gewiß. Das ist aber etwas völlig andres, 
als die Religion aus dem Infantilen oder seiner mißlungenen Verarbeitung ab- 
leiteu zu wollen. Die katholische Kirche kennt den Begriff der Skrupulosität, 
d. h. einer schlechten, einer Pseudoreligiosität. Diese, die Pseudoreligiosität, 
ist neurotisch bedingt, wie dann der Psychologe zeigen kann. Die Kirche selbst 
verwirft aus religiösen Gründen die Skrupulosität. Diese und alle ähnlichen 
pseudo-religiösen Erlebnisgebilde fallen, von der Religion abgewiesen, in das 
Forschungsgebiet des Psychologen. Der urteilt dann nicht über die Religion, 
sondern über die mehr oder weniger brüchige Religiosität des Einzelnen. Und 
was brüchig ist, ist wert, eingeschmolzen zu werden, damit ein stabiles Ganzes 
daraus werde. 

Darüber hinaus gibt es dann eine legitime Religionspsychologie, eine Psycho- 
logie des religiösen Erlebens. Das Geistige manifestiert sich auf der Plattform 
des Seelischen. Dieses erfordert eine besondere Psychologie. Aber diese ist 
auch im Falle der Religionspsychologie weit davon entfernt, mit dem Aus- 


Die Tüchtigkeit als psychotherapeutisches Ziel 


97 


schnitt der Psychologie zusaramenzufallen, der sich um den gehemmten, un- 
tüchtigen Menschen, den schweren Nemotiker kümmert. — 

Wer sich um die Entwicklungsgeschichte gehemmter Menschen bemüht, 
wird ein Urteil darüber gewinnen, welche erzieherischen Einflüsse Hemmungen 
bewirken oder zu ihrer Entstehung beitragen. Er wird sehr bald allgemein 
feststellen können, daß zu große Härte, aber genau ebenso zu große Weich- 
heit, häufig als Resultat das gehemmte Kind haben. Er wird dann im ein- 
zelnen solche Entwicklungsbilder darstellen können. Er wird nach dem Schema 
urteilen können: Wenn hinsichtlich der expansiven Tendenzen dies tmd dies 
mit dem Kinde geschieht, folgt dies und dies daraus. Damit wird die Ent- 
wicklungspsychologie des Gehemmten zu einem Beitrag zur psychologischen 
Pädagogik. Zu dieser! Em Beitrag! Darüber hinaus aber gibt es eine philo- 
sophische Pädagogik, in der die weltanschaulichen und politischen Maß- 
Stäbe diskutiert werden. Auf diese kommt es in erster Linie an. Sie liegen 
außerhalb der Psychologie. Sie sind dieser übergeordnet. Sie haben ihre 
eignen Normen imd „Gesetze“. Die psychologische Pädagogik ist lediglich 
Materialkunde, Werkzeugkunde, nicht mehr. Und innerhalb dieser ist ein 
besondres Gebiet die Materie: gehemmter Mensch, die Technik: Enthemmimg 
des Gehemmten, und dann auch Prophylaxe der Gehemmtheit. Die Desmo- 
logie ist also Teil im Teil, Beitrag innerhalb eines Beitrags. Also ist sie nicht 
einmal „d i e“ Psychologie für Pädagogen, geschweige denn Grundlage „neuer“ 
Pädagogik oder gar innerste Substanz einer neuen Pädagogik. Wer eine 
„psychoanalytische Pädagogik“ aufbauen will, schädigt den Ruf einer soliden, 
ihrer Grenzen bewußten Psychologie des gehemmten Menschen, einer legi- 
timen Desmologie. Entweder ist er metlxodologisch nicht geschult genug, den 
Widersinn einer psychoanalytischen Pädagogik zu sehen, oder er hat aus welt- 
anschaulichen Gründen ein Interesse am überwiegen einer Pseudopsychologie, 
WAs faktisch Beitrag ist, soll Beitrag bleiben imd sich als solcher geben! Solch 
ein tadellos durchgearbeiteter Beitrag kann dann immer noch wunderbar neu- 
artig und als Leistung bewundernswert genug sein. 

Darin liegt die Standesehre des Psychologen, daß er sein Fach beherrscht. 
Das aber heißt auch, seine Grenzen kennen. Grenze, nicht scheinbare Grenzen- 
losigkeit gibt Würde. Man muß sein methodologisches Werkzeug sauber im 
Stand halten. Wenn man eine Brille braucht, muß man sie regelmäßig 
putzen. Mag das dann nicht immer und vollkommen gelingen. Die Ehre 
liegt im Bemühen, nicht im Erfolg. Das Bemühen muß aber da sein. Wer 
das große, neue und wunderbare Gebiet der seelischen Entwicklungsgeschichte 
der Menschen mitbearbeiten darf, praktisch imd forschend, hat es nicht nötig, 
von diesem Punkt aus gleich die ganze Welt erschüttern zu wollen! 


Zentralblatt für Psychotherapie VII. 


7 


98 


H. V. Hattingberg 

H. V. HATTINGBERG: 

NEUE RlCm UNG, NEUE BINDUNG 

1 . 

Die Einordnung der ärztlichen Psychotherapie in das große Geschehen, das 
uns bewegt, ist nicht ohne besondere Besinnung möglich. Vor allem andern, 
um es ohne Umschweife zu sagen, wegen der Eigenart der analytischen Ver- 
fahren. Wäre es möglich, daß wii* uns auf die suggestiven Methoden und 
Techniken beschränkten, wir wären sehr viel einfacher daran. Hier geht alles 
auf die unmittelbare Wiedergewinmmg eines Gleichgewichts, das der Mensch 
erwirbt durch Unterordmmg unter die Wertsetzungen des größeren Ganzen, 
in dem er wurzelt. Wo dieser Zusammenhang im Grunde noch lebendig ist, 
kann man sich bei der Einordnung mit der Beseitigung störender Extra- 
vaganzen begnügen. Gesunder Sinn findet hier von selbst den Anschluß an die 
große Bewegung der Zeit. 

Bei der Mehrzahl imserer Kranken aber haben wir es mit sehr viel ernstem 
Schwierigkeiten zu tun. Die lebendige Beziehung zum Ganzen ist so tief ge- 
stört, daß sie nur auf Umwegen wieder gewonnen werden kann. Hier kann 
oberflächliches Mitmachen und Gleichschalten nichts nützen. Der Mensch muß 
erst zu sich selbst, zu seiner eigenen Natur zurückgeführt werden. Auf einem 
oft recht mühseligen und langwierigen Weg, der gleich dem Dantes mit einer 
Höllenfahrt beginnt. Mit einer Höllenfahrt in die Tiefen des Unbewußten, die 
Widerstände über Widerstände überwinden muß. Soll der Kranke mit diesen 
Widerständen fertig werden, dann bedarf es der lösenden Wirkung der „ana- 
lytischen“ Erschütterung. 

Wenn wir aber einen Menschen in dem erschüttern, was ihn bisher gehemmt 
hat, so werden mit den überlebten und deshalb krankmachenden zunächst auch 
die unentbehrlichen Bindungen angegriffen. Anders: Aufhebung aller Hem- 
mungen und Widerstände kann richtungsloses Chaos zur Folge haben, wenn 
wir unser Verfahren allein darauf abstellen wollten, zu lösen. Soll ein haltbares 
neues Gleichgewicht zwischen Trieb und Zucht erreicht werden, dann be- 
darf es neben der Forderung der Selbstentfaltung der gehemmten Lebens- 
kräfte auch der Formung und Bindung. Beide, Formung wie Bindung 
müssen dabei von innen heraus entwickelt werden. Wollte man ver- 
suchen, dem sich Wandelnden irgendeine (gleichviel „neueste“) Form von 
außen aufzuprägen, wir würden nie mehr als neuerliche Schiefhaltung unter 
anderem Namen, nie echtes Wachstum erreichen. 

W^eil das so ist, kann einmal eine Psychotherapie der großen Neurosen, 
jener seelischen Gleichgewichtsstörungen, welche stets bis an die Verwurzelung 
des einzelnen im größeren Lebensganzen reichen, nicht auf die analytischen 


Neue Richtung, neue Bindung 


99 


Verfahren verzichten. Zum andern muß auch die überindividuelle Einordnung 
von innen heraus entwickelt werden; und zwar nicht nur im Ablauf des ein- 
zelnen Heilungsprozesses, sondern ebenso in der systematischen Fortbildung 
der Methode. Das aber ist nicht ohne besondere Besinnung möglich. 

2 . 

Prüft man von liier aus die Entwicklung der analytischen Psychotherapie, 
so findet man, daß sie der Frage nach den Bindungen nicht gerecht geworden 
ist. Fast könnte man sagen, sie sei ihr ausgewichen. Am eindringlichsten 
wird das an der Schule Freuds deutlich. Bringt man deren Sexualtheorie auf 
die kürzeste (notwendigerweise vergröbernde) Formel, so besagt sie etwa dies: 
die Menschen werden neurotisch, weil sie ihr Liebesbedürfnis nicht auf dem 
natüi'lichen Wege zu befriedigen wissen, weil sie ihre verdrängte Sexualität 
nur in Symptomen ausleben können. Einen Neurotiker heilen heißt also, die 
Verdrängung oder den Überdruck lebenswidriger Forderungen einer miß- 
verstandenen Moral aufheben. Anders: die Gleichgewichtsstörung zwischen 
Trieb und Zucht soll gleichsam durch eine „Ankurbelung des Trieblebens“ 
behoben werden. Als Anwalt des Natürlich-Triebhaften meinte die Psycho- 
analyse mit Problemen lediglich einer Art weiter gefaßten Sexualhygiene zu 
tmi zu haben. 

Eine solche „hygienische“ Beschränkung entsprach durchaus der allgemeinen 
Haltung der naturwissenschaftlich fundierten Schulmedizin, Sie wäre un- 
angreifbar, ja sie hätte sogar viel für sich, wenn die „Bindung an die Wissen- 
schaft“ von der sie sich herleitet, in der Tat den gesuchten Halt geben könnte. 
Wir wissen heute, daß dem nicht so ist. Eine wirklich voraussetzmigslose 
Wissenschaft, eine Wissenschaft, also jenseits aller Bindungen des Glaubens 
wie des Blutes, kann nie mehr geben als neutrale Methoden mid Techniken, 
keine Führung im hohem Sinn. Wo sie darüber hinaus als Lehre vom Wesen 
des RIenschen auftritt, wird sie unausweichlich zum Apostel einer Vemunft- 
religion, welche alle iri’ationalen, besser überrationalen Bindungen angreift. 

So war es bei Freud, der sich in einer seiner letzten Schriften offen gegen 
die religiöse Illusion als einer Kindheitsneurose der Menschheit wendet, 
um an ihrer Stelle den Glauben an die Wissenschaft, an den Gott Logos (wört- 
lich) zu setzen. Dazu kam, daß sich sein Verfahren ausschließlich an den ein- 
zelnen als Individuum wendet. Die Beziehung zum größern überindividuellen 
Ganzen wird ihm gar nicht zum Problem. Wohl auf Grund jener trüge- 
rischen Hoffnung, die er in die ungeleitete Selbstentfaltung des natürlichen 
Werdedrangs setzt. Seine Psychoanalyse begnügt sich also damit, zu lösen; in 
der Annahme, das Natürliche sei an sich gut (wie Rousseau behauptete, und 
■wie heute noch die Mehrzahl der Naturwissenschaftler glaubt). So schien 


100 


H. V. HaUiiigberg 


nichts anderes nötig, als die von außen in den Menschen hineingebrachten 
Moralhegriffe zu beseitigen. Das natürliche Werden müsse dann von selbst 
zum Guten führen. Diese gärtnerische Auffassung der Menschenbehandlung 
vergißt, daß auch die Ausbrüche der Vulkane, die Erdbeben und Sturmfluten, 
beim Menschen tierische Hoheit und Wildlieit „natürlich“ sind. Sie ver- 
gißt die Dämonie der Natur. Der Appell an das Blut, an die Triebe und In- 
stinkte hat also nur Sinn als Gegenbewegung gegen ein Zuviel an Willens- 
zucht und Bewußtheit. Weil der Mensch nicht nur ein Geschöpf der Natur, 
sondern zugleich ein Geistwesen ist, deshalb hat er von jeher und zwar 
dringender oft als nach Befriedigung leiblicher Notdurft nach Weisung für 
sein Handeln verlangt. Er kann nicht ohne eine Wertordnimg leben, und die 
hat sich die Natur bisher nicht ablauschen lassen. 

Bei Freuds Gegenspieler, Alfred Adler, steht freilich die Beziehung des 
Menschen zur Gemeinschaft im Zentrum seiner individualpsychologischen 
Lehre. Der einzelne wird krank (dies sieht Adler richtig), weil diese Be- 
ziehung gestört ist (durch ein überreiztes Streben nach Macht und Geltung), 
llui heilen heißt, das Zuviel an Überlegenheitsbedürfnis (die Überkompen- 
sation der Minderwertigkeitsgefühle) abbauen und sein Gemeinschaftsgefülil 
wecken. Man muß ihn praktisch dazu bringen, daß er „mitmacht“. Fragt man 
jedoch, welchem großem Ganzen die geforderte Ein- und Unterordnung 
gelten soll, so bekommt man von der „Individual“psychologie eine Antwort, 
die typisch ist für den Geist jener Zeit des Internationalismus, die nun hinter uns 
liegt. „Nach einem Siim des Lebens zu fragen, hat nur Wert und Bedeutimg, 
wemi man das Bezugssystem Mensch-Kosmos im Auge hat.“ Mit andern 
Worten: Ziel ist die Gemeinschaft einer übervölkischen Menschheit. 

Einer solchen Gemeinschaft können und müssen freilich die Völker zu- 
streben. Als einzelner könnte jedoch höchstens ein Geist vom Rang Goethes 
international im guten Sinn sein. Nur er dürfte sich wirklich Bürger einer 
übervölkischen Menschlichkeit nennen. Für jeden andern bedeutet Inter- 
nationalismus Aufhebung der natürlichen völkischen Bindung und damit Ent- 
wurzelung, deren Extrem die Lage des heimatfremden, glaubenslosen Fabrik- 
arbeiters in irgendeiner Großstadt darstellt. Dadurch, daß sie dem Gemein- 
schaftsgefühl ein „fiktives“ Ziel setzt (um es in ilirer Sprache zu sagen), hebt 
also die Individualpsychologie den ert der gewonnenen Einsicht selbst wieder 
auf. Dazu kommt, daß sie auch der religiösen Bindung nicht gerecht wird, 
denn Adler bekennt sich zu dem gleichen Wissenschaftsglauben wie Freud ^). 

1) Adler (Religion und Individualpsychologie). „Ist es vom reli- 
giösen Standpunkt, wie wir gezeigt haben, selbstv'erständlich, daß der Mensch sich 
vor seinem Gott wissen müsse, um sich der Gemeinschaft im höchsten Sinn anzu- 
gliedern, so steht der irrende Mensch in der Individualpsychologie vor dem common 


Neue Richtung, neue HÜKiimg 


101 


Der Sdiweizer C. G. Jung hat als einer der ersten erkannt, daß 'on allen 
Fragen, die den Menschen erschüttern, die tiefsten nicht die der Sinnlichkeit 
oder des Machtstrebens, sondern die religiösen sind. Er hat zugleich die De- 
schränknng auf eine rein medizinische Sehweise durchhrochen. Gegenüber 
Freuds „Sexualhygiene“ und Adlers Hygiene des überreizten I^Atstrebens 
wie der sozialen Einordnnng hat er die Notwendigkeit der Seelenfuhrung in 
ieneni hohem Sinn gesehen, in dem sie einst dem Priester Vorbehalten war. 

Seine analytische Technik hat Jung nach einer ganz hesondern Richtung 
ausgebaut. Ihm war anfgefallen, daß sich in den Träumen seiner Analysaiideii 
inSer wieder Bilder zeigten, für die sich in der Entwicklung des einzelnen 
«ihlechterdings keine Erklärung finden ließ. Dagpn Je be- 

deutendsten Analogien zu den Bildungen und Gestalten der Mythm, die dem 
archaischen Seelenleben entstammen sowie zu denen der Schizophrenie. Aus 
dem Erlebnis dieser Typik kam Jung zu der Annahme eines „kollektiven 
Un b e wußten“, das Bildungen birgt, die den einzelnen mit seinen geistigen 
Stammelten! verbinden. Die Eriveckung dieser „Archetypen“ (oder allge- 
meiner der Bildekräfte unbewußter Phantasietätigkeit) gelang sehr viel besser, 
wenn man die Analysaiiden veranlaßte, ihre Träume und was sich ihnen sonst 
an inneren Bildern darbot, nicht nur im Wort, sondern auch zeichnerisch 
festzuhalten. Wenn sie sich in diese ihre eigenen Gestaltungen „meditativ“ 
versenkten, konnte die Innenschau in tiefere seelische Schichten Vordringen. 
Auf einem Wege, der dem der östlichen Meditationsmethoden nahekommt. 
Auf diesem Wege soll ihnen zu einem „Urerlebnis“ verholfen werden, das 
für Jung religiösen Charakter hat. 

Zu gleicher Zeit wandte sich Jung gegen Freuds Sexualtheorie, die schon 
für Adler zum Stein des Anstoßes geworden war; er „desexualisierte die 
Libido. Er machte sie zur Allbewegerin schlechthin, und damit wurde die 
Lebenskraft aus der Enge der Geschlechtlichkeit befreit. So kann man zu- 
sammenfassend sagen, Jung habe den seelischen Hintergrund der Neurotik 

ins allgemein menschliche erweitert. ^ , 

Die Gefahr dieses besonderen Weges der Seelenfülirung wird sichtbar, wenn 
man die Tatsachen ins Auge faßt, daß auch bei diesem analytischen Ver- 
fahren der Ton so gut wie ausschließlich auf der Selbstentfaltung des inneren 
Werdens liegt. War es bei Freud die Sinnlichkeit, so sind es (hier die Bilder, 
die sich nach ihrer eigenen Gesetzlichkeit entwickeln. Die Führung hat das 

sense und vor dem als ,richtig‘ erkannten Ideal einer letzten Gemeinschaft, als dem 
Maß alles gereinigten Tuns. Vor dem Common sense, der das ,in jeder Zertpenot e 
höchste erreichbare Maß zur Beurteilung menschlicher Vernunft und zur Kontrolle 
menschlichen Handelns darstellt^ 


102 


H. V. Hattiiigberg 


Unbewußte des Analysandeu. Das muß keinen Einwand bedeuten, wenn dafür 
gesorgt ist, daß diese Entwicklung auch zur Auseinandersetzung mit den 
CM'igen Forderungen der Sittlichkeit führt, die nur in ihren Formen wechseln, 
ihrem Anspruch nach jedoch unverjährbar sind. 

Hier aber entstellt bei Jung eine besondere Schwierigkeit. Soweit sich das 
aus den Veröffentlichungen seiner Schule übersehen läßt, sind es vorwiegend 
indische (etwa solche des Kundahni Yogha), chinesische und andere östliche 
Symbole, die sich seinen Analysanden darbieten. Allein darin (selbst wenn 
man annehmen darf, was nie genug gewissenhaft geprüft werden kann, daß 
jede und zwar auch die unbewußte „atmosphärische“ Beeinflussung durch den 
Analytilcer ausgeschaltet wird) liegt die Gefahr, daß die Art der Seelen- 
führung etwas eigentümlich esoterisches, ja zuletzt den Charakter einer Ge- 
heimlehre annimmt. Es bedarf jedenfalls einer besonderen Einweihmig um 
von den Erlebnissen östlich-heidnischer Bilderschau eine tragfähige Brücke 
zu westlicher und damit notwendig christlicher Ethik zu schlagen. 

Die Gefahr der Geheimlehre oder der Entwicklung einer Privatreligion ist 
jedoch, wie wir ^vissen, die Gefahr der analytischen Bewegung überhaupt. 
Diese ist vor allem wegen der Sektenbildung ihrer verschiedenen Schulen nicht 
nur der klinischen Medizin sondern auch der allgemeinen Geistigkeit gegen- 
über in einer eigentümlichen Außenseiterstellung zum Stillstand gekommen. 
Dieses Außenseitertum bedeutet ein Hindernis für die Neurichtung. Warum 
das so ist und wie dem begegnet werden kann, das vermag 'erst eine Besinnung 
auf die neuen Bindungen deutlich zu machen, die mr erkannt und anerkannt 
liaben. Ehe wir uns dem zuwenden, ist jedoch noch eine grundsätzliche Über- 
legung anzustellen, wenn wir die Entwicklung der analytischen Psychotherapie 
ihrem' tiefem Sinn nach verstehen wollen. 

4 . 

Die gToße Umwälzung, von der wir ergriffen sind, ist im tiefsten eine geistige 
Bewegung. Daß sie zugleich eine politische ist, daß sie eine Tat ist, das imter- 
stellt sie dem Gesetz allen Tuns. Jede Tat ist einseitig, sie ist ein Entweder- 
Oder, das Entscheidung verlangt. Der Handelnde und vor allem der Politiker 
muß (ebenso wie der Soldat in der Schlacht) blind sein können für das Recht 
auf der andern Seite. Wir müssen deshalb heute dem Bestreben der xiuf- 
klärung absagen, die den einzelnen ganz allein auf die eigenen Füße' stellen 
wollte und die ihn in ihrer Übersteigerung zuletzt völlig isoliert hatte. Als 
Ärzte dürfen wir jedoch dabei nicht vergessen, daß es dieselbe Aufklärung 
war, die den Geisteskranken aus den Ketten befreite, in die ihn eine kirchlich- 
dogmatisch gebundene Zeit gelegt hatte, weil sie den Wahnsinn, den Verlust 
der sittlichen Freiheit als Sünde nahm. 


Neue Richtung: neue Bindung 


103 


In den Zusammenhang dieser Befreiungsbewegung gegen den Zwang ein» 
rational erstarrten Systems überlebter Bbidmigen gebürt auch die Analytik. 
Freud hat dem Pendel der Geistigkeit, das schwächer und schwacher 
schwingend um den Nullpunkt selbstzufriedener Vernünfagkeit krmste ^en 
heftigen Stoß versetzt. Eanen Stoß imch links, nach d» Seite des Unbe- 
wußten, des Triebhaften und der Sinnlichkeit. Gerade dadurch Aer hat er 
die gesunde Gegenschwingung ausgelöst, die zur Rückbesinnung auf die Werte 

Halten wir das fest, so wird deutlich, daß wir mit der Notwendigkeit dieser 
geistigen Pendelbewegung auch die Ausschläge bejahen müssen, die ^ir mc^ 
Lhr mitmachen können, weil wir heute an einem andern Punkt angelangt 
sind D. h. gegenständUch für unsern besondern Fall: Wir müssen die innere 
Notwendigkeit der analytischen Entwicklung auch in dem erkennen, was wir 

heute ihre Fehler nennen. -n t.i 

Das bt einmal deshalb wichtig, weil wir sonst selbst in den Fehler jenes 

(aufklärerischen!) Fortschrittglaubens verfallen würden. In der Meinung, wir, 
frerade unsere Generation hätte es durch ihr besonderes Verdienst so herrlich 
weit gebracht, daß wir alles vor uns belächeln könnten. Ein Fehler, der gerade 
einer kritischen Rückschau etwa über die analytische Bewegung gefährlich 
nahe liegen muß. Eine solche Haltung aber verträgt sich des weitern schlecht 
mit unserer psychotherapeutischen Aufgabe. Wenn wir unsere Kranken nicht 
als die schlechthin Gesunden von oben herab belehren wollen, müssen wir das 
Hin und Her ihres Werdegangs mitmachen können. Wir müssen sie auch als 
Rationalisten oder als Gläubige der Sinnlichkeit, als Observanten östlicher 
Weltflucht usw. verstehen. Echtes Verstehen aber und jene gesegnete Blind- 
heit, wie sie den Politiker schützt, schließen sich aus. 

Deshalb können wir um es noch gegenständlicher als Ärzte zu sagen, die 
Werke jenes Mannes (Freuds) nicht entbehren, die eine politisch begeisterte 
Jugend (von ihrem Standpunkt aus mit Recht) verbrannte. Wir müssen und 
wir dürfen uns zu dem bekemien, was wir seiner Arbeit verdanken, gleichviel, 
daß wir seine Irrtümer ablehnen, weil wir auf seinen Schultern stehend, weiter 
gelangt sind. Das gleiche gilt shmgemäß für alles, was hier gegenüber Alfred 
Adlers und C. G. Jungs Lehre an Kritik vorgebracht wurde. 


5 . 

Von den neuen Bindungen ist die an das eigene Volk so selbstverständlich, 
daß sie kaum einer besondern Entwicklung bedarf, wenn sie uns einmal be- 
wußt wurde. Fraglich wird nun allein, wie mau sie vergessen konnte. Die Ant- 
wort auf diese Frage ergibt sich aus der Überlegung, daß beim Menschen im 
Gegensatz zu allen andern soziallebenden Tieren die Stellung des einzelnen zur 


104 


H. V. Hattingberg 


Gemeinschaft eine problematische ist. Er ist Mensch, weil er ein Eigener ist 
mit einer einmaligen Einzelseele. Seitdem das Christentum, die Religion der 
limerlichkeit in die Welt kam, seitdem ist die wichtigste Eigenart des ein- 
zelnen Menschen sein Glaiibe, seine innere Überzeugung geworden. Diese 
Bindung nach oben, diese innere oder geistige Orientierung bekam solche 
Bedeutung, daß ihr gegenüber sogar die natürlichen Bande des Bluts zurück- 
traten. Über Bekenntnis und Glaubensgemeinschaft konnte die Zugehörigkeit 
zur Sippe, zum eigenen Volk vergessen werden. 

Auch dies war notwendig im Zuge der allgemeinen geistigen Entwicklmig. 
Im „Internationahsmus“ aber finden wir die gleiche Übersteigerung wie dort, 
wo sich Kunst oder Wissenschaft als Selbstzweck setzen. Wenn wir ihm 
nun absagen, so bedeutet das einen Schritt zu.rück zum Natürlichen, zum 
Selbstverständlichen. Eine Rückkehr zum Selbstverständlichen, d. h. frei- 
lich nicht, daß es für ims als Ärzte bei dieser theoretischen Elinsicht 
sein Bewenden haben könnte. In der Praxis ist es ja ganz allgemein 
unsere Aufgabe der neurotischen Verzerrung gegenüber wieder und immer 
wieder nut nie ermüdender Hartnäckigkeit das Selbstverständliche 
zu betonen und — durchzusetzen. Durchzusetzen, dies muß unter- 
strichen werden gegenüber der ideologischen Annahme der Freudschen 
Schule über die Selbstentwicklung der befreiten Lebenskräfte. Seit frühester 
Kindheit unterdrückte und deshalb nie geübte Lebensäußerungen, die wir 
wachrufen, bedürfen der Schulung. Gleichermaßen wie etwa ein Stuben- 
gelehrter, der sich zum Leben bekehrt, das Tanzen erst methodisch lernen 
muß, wenn sein natürlicher Bewegungsdrang durch die theoretische Einsicht 
geweckt wurde. 

Daraus folgt für uns: wir werden auch liier aktivere Therapie treiben 
müssen, indem wir von unsern Kranken die praktische Stellungnahme und 
Einordnung fordern. Wir müssen bei ihnen jene typischen Hemmungen 
beseitigen, welche sich einer innem Anteilnahme an der Erfüllung völkischer 
Verpflichtungen entgegenstellen. Jene typischen Hemmungen des Intellek- 
tuellen, eine oft rein kindhafte Angst für nicht fortschrittlich, für nicht ge- 
nügend aufgeklärt und eigenartig gehalten zu werden, die gleichermaßen 
seine religiöse Bindung bedrohen. 

Die völkische Bindung meint jedoch neben der, Betonung der Zugehörigkeit 
des emzelnen zum größern Ganzen ebenso die natürliche Bindung von Geist 
und Seele zum Körper. Sie fordert Leib-Seele-Euiheit, um es mit einem 
Schlagwort auszudrücken. Hier ist in der Entwicklung vor allem der analy^- 
tischen Psychotherapie mancherlei nachzuholen; genauer hier ist vergessene 
uralte Weisheit wiederzufinden, über die weltanschaulichen Deklamationen, 
um die es in den Schulstreitigkeiten ging, haben die Analytiker oft das eigent- 


Neue Richtung, neue Bindung 

lieh Ärztliche vergessen. Gewiß war es notig, gegenüber einer mech^istisch 
materialistischen Auffassung der Neurose, die Jahrzehnte hindurch die Hoch- 
schuleai beherrschte, mi^ allem erdebklichen Nachdruck die Psychogenie zu 
vertreten. Ja, es ist heute noch oft genug nötig! Daß aber aus dem Absehen 
von dem (lokalen) Symptomgeschehen in vielen Fällen ein Absehen von der 
Körperlichkeit überhaupt wurde, in der sich die zentrale seelische Störung 
ausdrückt, das war ebenso gewiß eine Übersteigerung. 

Eine Einsicht, die nicht mehr herbeiführt als eine Oberflächenverschiebung 
in der Sriücht des Intellektuellen, nicht mehr als eine Neu- und Umbenennung 
rationaler Zusammenhänge, kann als solche nie. heilend >rirken Erkenntms 
befi-eit allein als eine Änderung der Grundhaltung. Diese Veränderung 
muß unter allen Umständen auch ins Körperliche hmabdrmgen. Um das zul 
ermöglichen oder zu erleichtern ist es nötig, daß wir auch als Psychothma-|| 
peuten unmittelbar am Körper ansetzen. Ja, hier gilt besonders, was oben i 
durch das Beispiel des Stubengelehrten angedeutet wurde, der das Tanzen 
lernen muß. Eine Gegenanzeige für die Anwendung somatischer Hilfs- 
methoden der Psychotlierapie ist nur in jenen Fällen und jenen Phasen der 
Kur gegeben, wo der Kranke vor allem andern die Psychogenie seines Leidens 
erleben muß. überall sonst aber ist es heute unsere Pflicht, als Ärzte, als An- 
wälte des Natürlichen auch in der Psychotherapie den Ansatz am Körper nicht 
zu vergessen. Eine Forderung, die heute noch nahezu für alle analytischen 
gchulcai etwas Neues bedeutet i). 

6 . 

Die neue Bindung ist aber nicht nur eine nationale, sondern zugleich eine 
soziale und gerade darin scheint mir eine Neurichtung von größter Tragweite 
angebahnt. Was kann jedoch für uns „sozial“ bedeuten? Die Antwort ergibt 
sich aus einem Vergleich zwischen den Möglichkeiten östlicher und west- 
licher Weisheit. Im Osten ist das soziale Problem erst vor etwa 30 Jahren 
entdeckt worden. 

Damals stellte der Reformator Vivekaiianda den xVbt und die Mönche eines bud- 
dhistischen Klosters vor die Frage, ob sie denn davon überhaupt nur wüßten, daß in 
iluer unmittelbaren Umgebung Hunderttausende von Menschen verhungerten, durch 
Überschwemmungen und Seuchen umkämen, während sie sich in ihren Meditationen 
zu immer höheren Stufen innerer Vollendung erhöben. „Solange noch ein Hund in 
Indien hungert“ diese Formel schrieb Vivekananda auf die Fahne seiner Bewegung, 
„solange solle keiner das Recht haben, etwas für das Heil seiner Seele zu tun.“ 

1) So etwa dem Jungschen Verfahren gegenüber — Der indische Yogha geht nicht 
nur auf ein geistiges, sondern ebenso auf ein körperhehes Training. Es ist sehr frag- 
lich wie sich westliche Körperkultur mit östlicher Meditation in Eins bringen lassen. 


106 


H. y. Hattingberg 


Diese Forderung stellte für den Osten eine ungeheuere Neuerung dar. Die 
Menschen dieser Kulturen lebten bisher (und leben größtenteils heute noch) in 
einem für mis kaum mehi' verständlichen Grad von Urverbundenheit, von 
wechselseitiger Teilhabe. Dort bleibt deshalb der Mönch trotz aller Welt- 
llucht immer noch im ganzen beschlossen mid kann als Vertreter gleichsam 
jedes einzelnen im Volk den Weg zur göttlichen Weisheit suchen. Der Unter- 
schied zwischen den beiden Grundhaltungen wrd ganz eindringlich an jenen 
seltsamen Büßergestalten i) Indiens, Wir im Westen vermöchten sie nicht 
anders demi in Irrenanstalten (als Schizophrenien) einzuordnen und unterzu- 
bringen. Dort wird ihre (für uns krankhafte) fanatische Entrückung vom 
V^olk als heilige miterlebt. Sie haben eine Funktion im ganzen und deshalb ist 
selbst dieser Grad von Weltflucht dort nicht „verrückt“, weil die triebhafte 
Urverbundenheit erhalten ist. 

Wir im Westen haben diesen Zusammenhang verloren. Wir sind (jedenfalls 
in der Bildungsschicht, auf die es dabei ankommt) durch den fortschreitenden 
Prozeß der Individuation wie der Bewußtwerdung soweit voneinander ent- 
fernt worden, daß der einzelne nicht mehr selbstverständlich für das ganze 
stehen kann. Daraus entstand das soziale Problem, d. h. im Be- 
reich des Geistigen; der tiefe Gegensatz zwischen dem geistigen und dem un- 
geistigen Menschen, dem Gebildeten und dem Ungebildeten, dem Akademiker 
und dem Nichtakademiker, dem Theoretiker und dem Praktiker usw. Seit- 
dem aber gilt für uns jene Gemeinschaftsforderung der kantischen Ethik: 
so zu handeln, daß unser Verhalten als Richtschnur gleichermaßen für alle 
gelten könnte. Anders: auch unsere Weisheit muß uns zum Ganzen 
führen, nicht zur Ab Schließung gegenüber der Forde- 
rung des Tages. Dazu kommt, daß diese Forderung von einer AVelt der 
Technik erhoben wird, in der Klosterweisheit nur Mönchen, nicht den 
Millionen der Großstadt frommen kann. In dieser Welt der Technik ist Ab- 
geschiedenheit ein Ferienluxus. Selbst tiefste Weisheit, die der Klostermauem 
bedarf, wird deshalb von de,m Mami auf der Straße (und zwar von seinem 
Standpunkt aus mit vollem Recht) als eine Angelegenheit für feine Leute 
angesehen, die er bezahlen muß, ohne etwas anderes als das Nachsehen davon 
zu haben. 

Nun die lolgerung aus dem allen für unsere ärztliche Psychotherapie: Wir 
müssen unsere Theoreme wie unsere Verfahren darauf prüfen, was sich an 
ihnen verallgemeinern läßt. Wir werden dann auf diesen Anteil den Hauptton 
zu legen haben und unermüdlich bemüht sein, alles auf die einfachste 

1) Von ihnen stehen etwa die eine jahrelang auf einer Säule, während andere die 
hocherhobenen Arme so lauge steif gestreckt über den Kopf halten bis die Schulter- 
gelenke ankylosieren usw. usw. 


Neue Riclitung, neue Bindung 


107 


Formel i) zu bringen. Wo die Verallgememerung nicht möglich ist, werden wir 
uns wieder und wieder die Frage vorzulegen haben, ob die Verbreitung über 
das ärztliche Sprechzimmer hinaus nicht eine Gefahr bedeutet. 

Jene Gefahr, daß die Lebenshaltung, die der Mensch auf diesem Wege er- 
wirbt, ihn der großen Bewegung der Zeit entfremdet, kann gerade der Ana- 
lytiker nicht ernst genug nehmen. Seine Hilfe muß schon aus äußern (z. B. 
aus finanziellen) Gründen stets auf einen kleinen Kreis der Menschen be- 
schränkt bleiben, die an einer Neurose leiden. So liegt es nahe, daß er über 
den Privatproblemen einer bestimmten bürgerlichen Schicht den Blick für 
die großen Fragen der Menschlichkeit verliert, die darum mcht weniger ernst 
sind%eil sie sich einfacher stellen. Solange die Schicht der Gebildeten noHi 
eine Funktion im Geistesleben der Nation hatte, solange konnte es richtig 
sein, ihr alles an die Hand zu geben, was ihren Fortbestand in der alten Form 
ermöglichte. Heute hat die Bildungsschicht ihre Funktion ebenso verloren wie 
einst der Adel. Nichts kann deshalb den wenigen, denen wir zu helfen ver- 
mögen, weniger frommen als Luxuslösungen. Lösungen, die em großes Maß 
höchst differenzierten „psychologischen“ oder sonst eines „esoterischen 
Wissens voraussetzen. Eines Wissens, dessen große Ergebnisse sich nicht 
verallgemeinern lassen. 

Halten wir uns diese Forderung gegenwärtig, dann muß es uns auch ge- 
lingen, aus unsern Theoremen und Methoden alles das auszuschalten, was zur 
Bildung von Sekten und Privatrehgionen Anlaß geben kann. Die Entwicklung 
der analytischen Bewegung in diesem Sinn war freilich unvermeidlich. Des- 
halb vor allem weil die „hygienische“ Beschränkung auf „eine rein medi- 
zinische Sehweise“ eine altkluge Pseudo-Objektivität „vor“ Problemen an- 
strebte, die man als solche noch gar nicht erkannt hatte, weil sie einen ober- 
flächlichen Kurzschluß, ein Ausweichen meinte. Heute jedoch, wo wir uns 
den letzten Fragen, oder wo sie sie uns gestellt haben, heute dürfen wir uns 
wieder an das eigentlich Ärztliche halten, an das Methodische. In der Theorie 
heiß t das, daß wir mis um die Bildung werkgerechterVor Stellungen 
über die Wirkimgsweise unserer Verfahren bemühen. Was diese Bindung in 
der Praxis bedeutet, das läßt sich durch keine Formel fassen, wohl aber, so 
hoffen wir, durch die Tat verwirklichen. 

1) Freilich ohne in die Fehler der Individualpsychologen zu verfallen. Deren großes 
Verdienst ist die lapidare Einfachheit der Konzeption. In seinem Drang zur Ver- 
einfachung geht Adler jedoch soweit (wie jeder reine Rationalismus), die mensch- 
liche Problematik völlig wegzueskamoticren. Die Ambivalenz, der tiefe Zwiesinn 
unserer Natur ist ihm nichts als ein „Kunstgriff“ des abendländiseheii Denkens, die 
Sexualität „eine Bagatelle“ usw. usw. 


108 


Referate 


REFERATE 

Allgemeines 

34c Kunkel, Hans, Das Gesetz Deines Lebens. Urformen im Menschenleben. Eugen 
Diederichs, Jena, 1932. 200 S., RM. 3,80, geb. RM. 5,40. 

5, Die Gestalt dieser Welt vergeht; ich möchte mich mit dem beschäftigen, was 
bleibende Verhältnisse sind, und so meinem Geiste erst die Ewigkeit verschaffen^“ 
(Goethe). In seiner „Metamorphose der Pflanzen^^ versuchte Goethe das Lebens- 
ganze der Pflanzen, das er Urpflanze nannte, darzustellen. In allen Pflanzen ist die 
Urpflanze als etwas Lebens-Immanentes enthalten. — K. versucht eine Metamorphose 
der Lebensalter des Menschen zu schreiben. Unter dem verschieden aussehenden Deck- 
mantel der Zivilisation lebt überall die gleiche Schicksalswelt des Menschen, denn die 
Grundschicksale der Menschen (Geburt, Jugend, Reife, Tod) bleiben ewig dieselben. 
Das Schicksal hat seine Wurzel in inneren Entwicklungsbedürfnissen, darum sollte 
es heißen, daß der Mensch sein eigenes Schicksal ist, nicht daß er eins . habe. .Diese 
Urerlebnisse, die ohne Rücksicht auf die Form der Einkleidung immer wieder erlebt 
werden, die in der Seele des Erlebenden wurzeln, nennt K. „Urformen im Menschen- 
leben“, weil sie dem immanenten, urhaften Wesen des Menschen angehören. . Die 
Ganzheit des Menschenlebens können wir erst angesichts des Todes als Erlebnis er- 
fassen; denn die Ganzheit rollt sich nacheinander ab im Verlauf der Zeit. K. sieht 
5 große Schicksalseinheiten im Menschenleben, 5 biologische Epochen, von welchen 
eine jede ihr in bestimmter Weise charakterisiertes Schicksal hat. Die verschiedenen 
Epochen gehen krisenhaft ineinander über; die Krisen können Ausgang von. Erkran- 
kungen sein. Diese rein theoretischen Erörterungen w'erdcn praktisch lebensvoll ge- 
staltet, indem für die 5 Urformen Beispiele aus dem Leben und der Geschichte bei- 
gebracht werden. K. führt den Leser in das Gebiet der Schicksalspsychologie und leitet 
lim zu den letzten Gestaltungskräften des menschlichen Geschicks, die wir nicht 
draußen, sondern vorwiegend in uns selbst zu suchen haben. Das Problem der Ur- 
formen ist in künstlerischer Intuition geschaut, am erlebten Menschenschicksal studiert 
und zu einer lebensvollen Philosophie verarbeitet. Die wissenschaftlichen Ergebnisse 
der modernen Zeit auf dem Gebiet der Seelenforschung sind mit den Lebensweisheiten 
der Alten zur Synthese gebracht. M. Schroer- Essen. 

Specht, Wilhelm, Vom Wesen des Menschen. („Neue Münchener philosophische 
Abhandlungen“, Festschr. f. A. Pfänder.) J. A. Barth, Leipzig, 1933. 23 S., RM. 1,20. 

Feinsinnige Studie über die Wesensfrage des Menschen, der mit seinen Trieb- 
systemen die Werdelust der untermenschlichen Welt teilt und alle Stufen vom Pflanz- 
lichen an verwirklicht, aber durch den Geist allein steht; Geheimnisse, di© sich nur 
dem ehrfürchtig Schauenden offenbaren. S. fordert aber auch eine empirische Wissen- 
schaft, die den Menschen als Natur-, Sozial-, GJeist- und Vernunftwesen in einem 
erfaßt und damit auch zur Deutung des in der übrigen Natur nicht vorkommenden 
Verbrechens die Möglichkeit gibt. Die Fragen: gibt cs vererbliche verbrecherische 
Anlagen, welchem Erbgang unterliegen sie, wie sind nach biologisch -psychiatrischen. 
Einheiten die abnormen kriminell veranlagten Typen zu ordnen; muß der iiidi- 


Referate 


109 


viduelle Charakter vererbt oder kann er vielleicht auch etwas Ursprüngliches (Muta- 
tion) sein, und die Fragen von Selbstbestimmung und Umweltbeziehung, bilden die 
Probleme der Kriminalbiologie, die sich nicht der Hoffnung hingibt, eine berechenbare 
kriminelle Persönlichkeitsforrael je finden zu können. 

C. Haeberlin - Bad Nauheim. 


«Groddeck, Georg, Der Mensch als Symbol. Unmaßgebliche Meinungen über 
Sprache und Kunst. Internat, psychoanalyt. Verlag, Wien, 1933. 162 S., 14 Taf., 
RM. 5,—, geb. RM. 6,—. 

Viele hunderte von bedeutsamen und tiefen Zusammenhängen zwischenMensch,Mann, 
Weib, Kind, Mutter, zwischen Werden und Vergehen, Leben und Tod, Zeugung und 
Reifung enthüllenden Wortverbindungen und Wortverwandtschaften werden hier vor- 
gelegt, z. T. unter sprachwissenschaftlich genauer begründetem Nachweis, z. T. in 
Kombinationen G.s. Nur der Ethymologe wird feststellen können, wieviel von dem 
Gebrachten genauer Nachprüfung standhält. Wenn auch nur ein Teil der aufgewie- 
senen Zusanunenhänge zutrifft, — und das ist gewiß der Fall — so gibt das schon 
einen Begriff davon, wieviel Weisheit und Innewerdimg der verwandelnden Geheim- 
nisse des Lebens sich im unbewußt schöpferischen Werk lebendiger Sprachbildtmg 
bir<^t. Daß aber auch die Bilder der Maler mit tausend Dingen angefüllt sind, die nur 
das Unbewußte weiß, zeigt G. an vielen Beispielen. Das Buch macht nicht den An- 
ruch auf dogmatische Geltung seines Inhaltes, aber die lebensvolle Darstellung ver- 
mittelt viele anregende Einsichten auch für den, der G. nicht auf allen Wegen folgen 

C. Haeberlin - Bad Nauheim. 


+ Prinzhorn, Hans, Persönlichkeitspsychologie. Entwurf einer biozentrischeia Wirk- 
ILchkeitslehre vom Menschen. (Wissensch. u. Bildung N. 283.) Quelle & Meyer, Leipzig, 
1932. 119 S., RM. 1,80. 

Einer eingehenden Auseinandersetzung mit dieser Schrift, was anders als kritisch 
nicht geschehen könnte, wollen wir uns enthalten, zumal der Verf. nicht mehr unter 
uns weilt. Wer P.s Stellungnalunen kennt, wird über die hier entwickelten Gedanken 
weiter nicht verwundert sein. Biozentrik der Jungen gegen Logozentrik der Alten, 
Reinigung der Menschenkunde von Ideologie, vitale Schicht (= Blutserbe und Kultur- 
laum) als Boden des Schicksalscharakters individueller Prägung u. a., sind uns ver- 
traute Grundbegriffe solcher Anschauung. Lebendig in der Darstellung und von be- 
neidenswerter Sicherheit in der Erörterung auch kontroversester Fragen (z. B. der 
Stufen des Personseins in historischer xmd kulturhistorischer Sicht, welcher ^gen- 
stand den Hauptteil füllt), kennzeichnen wie die anderen so auch diese Schrift P.s, 
die ebenso selbstverständlich Klages als den Führer und Wegweiser in die neue 
Zeit und neue Menschheit feiert. R. A 1 1 e r s - Wien. 


^ Garns, C. G., Symbolik der menschlichen Gestalt. Neu bearb. und erweit. v. 
Th. Lessii^g. 3. vielf. verm. Ausgabe. Madaus & Co., Radebeul-Dresden, 1932. 534 S. 
RM. 8,50. 

Das Werk ist dem Gesichtspunkt unterstellt, daß ein höherer Bauplan Andres 
und Inneres des Menschen bestimme und es Aufgabe der Hermeneutik wäre, diesen 
Bauplan, diese göttliche Idee, die sich im Organischen offenbare, zu ergründen. Diese 
Hermeneutik oder Symbolik muß aus drei verschiedenen Forschungsziveigen be- 


110 


Referate 


stehen: 1. in einer Untersuchung und Messung der körperlichen Form als Organoskopie, 
2. in einer Auffindung der Relation von Körperlichem und Seelischem als Physio- 
gnomik und 3. in einer Abstraktion dessen, was an körperlichen Symptomen durch 
gegenwärtige oder vergangene Affektzustände verursacht ist als Pathognomik. In der 
tatsächlichen Ausführung geht C. von diesem Programm ab, und behandelt nur die 
Physiognomik mit einem organoskopischen Fundament; pathognomisclie Gedanken- 
gänge streift er in rein aphoristischer Weise. In seinen physiognomischen Überlegungen 
ist G. von einer eigentümlichen Gespaltenheit in der Aufstellung des für die Beziehung 
zur Innerlichkeit am Körper relevanten Gesichtspunkts. Er bringt hier eigentlich rein 
ästhetisch-gestaltlich formale, biologisch-physiologisch funktionale und lebensge- 
$chichtlich-charakterologisch indivudelle Merkmale zusammen und durcheinander. 
Dabei seien unter den ästhetisch-formalen Gesichtspunkten jene verstanden, die iJin 
zu der Aufstellung eines Typus der „Mitte“ veranlassen, der rein metrisch durch abso- 
lute Maße und Proportionen bestimmt ist (als Maßeinheit fungiert der organische 
Modul, d. i. ein Drittel der beweglichen Wirbelsäule), und für ihn einen Ideal- 
typus repräsentiert, dessen Variationen zu physiognomisch interessanten Negativtypen 
und -formen führen. Dieser Gesichtspunkt wird mit dem funktionalen gepaart in der 
Überlegung, der Mensch sei auch als ideale Mitte der Schöpfung anzusehen und sein 
wohldurchdachter Bauplan von dem Satz aus zu verstehen, daß „kein anderes lebendes 
Wesen der Erde in dem Maße zum Vorherrschen des höheren Sinnen-Nerven-Hirn- 
Icbens über alles nur das organische Material gew^ährende Bildungsleben organisiert 
ist, als eben der Mensch (S. 9/). Neben diesen zwei oder diesem einen hierarchischen 
und wertakzentbehafteten physiognomischen Modell, spielt ein 'wertakzentfreies, bipo- 
lares, empirisch verifizierbares eine Rolle, dessen Struktur es ermöglicht, die physio- 
gnomisch sicherlich äußerst wichtigen Dimensionen des Geschlechts, des Alters 
und der Rasse in Rechnung zu ziehen. 

Die Korperformen sind also gestaltlicli, funktionell und differentiell bestimmt. Das 
aus ihnen Erschlossene subsumiert C. unter die Kategorien der Konstitution, des 
Temperaments und der geistigen Anlagen. Sein Konstitutionsbegriff schließt sich ganz 
eng an den der französischen Konstitutionsforscher, wie also z. B. Halle an, nur 
daß er auf eine größere Vielfalt solcher durch Vorherrschaft „der Systeme der Physis“ 
gebildeter Konstitutionen verwiesen haben will. Er zeichnet ihrer 17, von denen 
Iieispielhaft auf die arterielle, zerebrale, laszive und pneumatische Konstitution hin- 
gewiesen sei. Auch das unter Temperament Gemeinte behandelt das Verhältnis der 
höheren psychischen zu den rein organischen Funktionen, nur mit stärkerer Betonung 
des Psychischen. Zu den bekannten vier antiken Temperamenten wird ein hier- 
aichisch höchstwertiges, das psychische, und ein tiefststehendes, das elementare, hinzu- 
gefügt. An den geistigen Tätigkeiten ist unter anderem, aber in erster Linie, ein er- 
kennender und ein empfindender Ast zu unterscheiden. Die auf diesen zwei Relations- 
fiindamenten beruhende Physiognomik besteht aus einem allgemeinen und einem 
speziellen Teil. Im allgemeinen Teil wird die Lehre von der idealen Mitte und 
1 roportionalität derart auf die Spitze getrieben, daß der Satz ,, starke Abweichungen 
in Größe und Gewdeht führen zu so starken Minusvarianten, daß jede qualitative 
Diskussion demgegenüber belanglos ist“ als konstitutives Axiom angesehen werden 
kann. Daneben gibt es phänomenologisch sehr hübsche Einzeluntersuchungen über die 
Vieldeutigkeit gewisser gesamtkörperlicher Symptome, wie die sehr bestechende 
Unterscheidung einer „geizigen“ und „geistigen“ Magerkeit. Der spezielle. Teil zer- 
fällt in eine Physiognomik des Kopfes, des Stammes und der Gliedmaßen, w^ovon 


Referate 


111 


besonders die schon funktional biologisch unterbaute Chiromantie einiges Interesse 
verdient. 

Der Goethe sehe Gedanke einer Morphologie, oder einer Symbolik der mensch- 
lichen Gestalt, der er selbst leider nie Realität verliehen hat, hat also so durch C., 
einen treuen Sachwalter des Erbes seines Meisters, Erfüllung gefunden oder zumindest 
konkrete Form erhalten. Zu einer wirklichen Erfüllung ist es leider nicht geworden, 
da dem großen romantischen Philosophen der Schwung und die Kraft, die z. B. sein 
Werk „Psyche“ beseelen, zu erlahmen schienen, als er sich daran setzte, seine Physio- 
gnomik zu verfassen. Es erscheint darum mehr als fraglich, ob Th. Lessing 
Einern Andenken eine große Wohltat erwies, gerade dieses schwächhehst geratene 
Werk des genialen Meisters auf ein Piedestal zu erheben, ebenso wie es diskutierbar 
ist ob es sehr förderlich war, durch die der Gegenwart angepaßten Anmerkungen 
des Herausgebers die Versenkung in den romantischen Geist des Buches nahezu un- 
möglich zu machen und dadurch ein bißchen meltr den Zusammenhang der ro- 
mantischen Physiognomik mit der modernen zu markieren. Die Frage, wieweit das 
Gegebene das Genommene kompensiert, mag jeder Leser für sich entscheiden. 

^ K. Wolf- Wien. 


j^Bevesz, Geza (Asterdam). Das Schöpferisch-Persönliche und das Kollektive in 
ihrem kulturhistorischen Zusammenhang- J. C. B. Mohr, Tübingen, 19-33. S. o8, 
RM. 2,40. 

R. unternimmt eine sehr dankenswerte Begriffsklärung und Darstellung tler 'Cf" 
gchiedenen individuellen und kulturell-gemeinschaftlichen Faktoren, die beim Zu- 
standekommen von Werken mitwirken. Er unterscheidet erstens jiersönliche und un- 
persönliche Arbeit, und zeichnet zweitens die verschiedenen Aspekte der Arbeit, ge- 
sehen vom Individuum, dem Werk und der Arbeit selbst aus. (Leider unterläßt cs 
R. auf die naheliegende Parallele zu den drei B ü h 1 e r sehen Aspekten der Psy- 
chologie einzugehen, woraus sich m. E. für beide Problcmkreisc Beachtliches hätte 
gewinnen lassen.) Individuelle Arbeit ist: a) autonom-schöpferisch, b) um- und weiter- 
bildend, c) nachbildend, schablonenhaft, d) interpretativ; letztere gilt als schöpferisch- 
«reslaltenden Charakters. Der nächste Abschnitt handelt von der schöpferischen Tätig- 
keit (schöpferische Kraft, schöpferischer Akt, Werk) und der folgende von der Ana- 
1 >se dieser Tätigkeit vom crlebnispsychologischen, werkobjektiven, pcisonalen und 
historischen Standpunkt aus. Diese Ausführungen sind für die Kritik „pathogra- 
h* her“ Bestrebungen wertvoll, wie die des letzten Kapitels, zumal jene über Zeit- 
^ bundenheit von Erfindungen, Zufallstheorie und Genieproblem, für die Beurteilung 
gewisser Ansichten über Pathologisches und Geniales. Der sehr gedrängte Gedanken- 
gang der kleinen Schrift ist auszugsweise nicht wiederzugeben. Ihre Lektüre sei 
Soz^logen, Kulturforschern und Psychologen, allen, die sich um den Menschen in der 
W^irkliSikeit seiner Lebensbezüge bemühen, angelegentlich empfohlen. 

R. Allers-Wien. 


* Fahrenkamp, Karl, Leid und Gefahr, Leben und Sterben, Niels Kampmann, 
Kampen/Sylt, 1933. 168 S. RM. 4,— geh. RM. 4,80. 

Gefahr ist Außenwelt, Leid ist immer seelischen Urspnmgs. Ixid und Gefahr 
weisen den jungen Arzt auf die Ganzheit des Kranken, auf die Einlieit der Person hin. 
Wir stehen vorwiegend im Dienste der Gefahrbekämpfung und verschließen uns 


112 


Referate 


noch zu sehr dem I^iderlebnis. Ohne unser modernes naturwissenschaftliches Wissen 
um die Neurose haben große Dichter in ihren Schöpfungen bewiesen, daß Leid mit 
Enttäuschung an Liebe zusammenhängt. „Es ist doch bekannt, daß in der Welt nichts 
den Menschen notwendig macht als die Liebe‘= (Goethe, Werther). Die Betrach- 
tung von Leid und Gefahr in ihrer Ambivalenz ergibt, daß der Mensch ihnen gegen- 
über seine höchsten menschlichen Eigenschaften entfaltet: der Gefahr gegenüber die 
geistigen ^ Gefahrüberwindung, dem Leid gegenüber die seelischen. Das ganze 
Buch ist wie eine Komposition über das immer wiederkehrende Grundthema: Gefahr 
und Leid. Irgendein philosophisches System ist nicht zu finden — der ärztliche 
Autor hat aus dem Leben selber „lebendige Wahrheit“ abgelesen und zu vermitteln 
verstanden. Seine Ausführungen stehen im Dienste des Strebens der ratio zur W'eis- 

M. Schrocr - Essen. 

4( Blumenfeld, Walter (Dresden), Sinn und Unsinn. E. Reinhardt, München, 1933. 
110 S., RM. 4,20, geh. RM. 5,80. 

Auch wer zu einzelnen Ausführungen des Büchleins ein Fragezeichen machen muß, 
wird B. für die lebendig anregende Klärung des so leicht schillernden Wortes „Sinn“ 
Dank w issen. Der Bedeutungsanalyse dieses und verwandter Worte ist der Hauptteil 
der Studie gewidmet. Es werden fünf Arten von Sinn (und Unsinn) herausgearbeitet: 
seniantischer Sinn des sprachlichen Zeichens, telischer Sinn des Mittels zunz Zweck, 
eidischer Sinn des Teiles im Gestaltganzen, logischer und Motivationssinn im lo- 
gischen Zusammenhang von Folgesatz und Begründung bzw. im Zusammenhang von 
lat und Motivkomplex. Immer ist Sinn-haben nur in einem „Relativen“ möglich, das 
und insoweit cs auf ein anderes hingeordnet ist. Teil II behandelt die psychologischen 
Vorgänge der Sinnerfassung und Sinnerzeugung. Wälirend die Analyse der Relations- 
einsicht bei B ü h 1er oder Lindworsky umsichtiger scheint, möchte ich auf die 
Betonung des Ineinandergreifens von Spontaneität und Rezeptivität im Denken be- 
sonders hinweisen. Teil III bespricht Sinn und Unsinn in den Grundlagen der Meta- 
physik und des Kulturganzen und schält sodann die Rolle des Unsinns und seiner 
verschiedenen Arten in ebenso vielen Formen des Komischen heraus. Ein Wort zu 
cfcr Skepsis, die sich in den Ausführungen über Metaphysik geltend macht und die 
sich nicht nur gegen Rationalismus und verwaschen irrationalistischen Intuitionismus, 
sondern gegen Metaphysik schlechthin richtet: Für sie ist eine Begründung in den 
vorausgehenden feinen Analysen nicht ersichtlich. Zwar kann selbstverständlich, wenn 
Smn-haben b^agt: „als relatives Etvvas auf ein anderes hingeordnet sein“, das Abso- 
lute keinen Sinn haben. Wohl aber ist es das, worin alles Relative seine allerletzt© 
Sinnierankerung und Sinnerfüllung findet und ohne das, trotz allen Sinnes in Einzel- 
lieitcn, das Ganze des Seins auf Nichts gerichtet und in Nichts verankert und letzten 
Endes „alles was besteht, wert ist, daß es zugrunde geht“. Ob nicht eine verglei- 
chende Analyse von Sinn, Sein und Wert hier weiterführen möchte? Der Wert der 
gebotenen Sinnanalysen wird durch diese Einwände nicht geschmälert. 

' A. Willwoll - Pulla<di. 

«Gasper, Sirgfried, Die personaiisiische Weltanschauung William Sterns. Mit 
1 Porträt. Joh. Ambr. Barth, Leipzig, 1933. 30 S., RM. 0,75. 

Das Büchlein gibt eine Einführung in die Lehre W. S t e r n s und unternimmt dazu 
den Versuch, in bestimmten Einzelthemen die „Bindungs- und Formungskraft“, die 


Referate 


113 


„Systemträchtigkeit“ der Personkategorie kritisch auseinandcrzulegen. In der Ein- 
führung sind die personalistische Lehre Insbesandere aus 3 Sätzen des S ter n sehen 
Systems heraus verstanden; 1. die Person ist Vieleinheit, unitas mu «rson 

ist psychophysisch neutral und 3. die Personen sind die einzig wirklichen Existenz^. 
Der erste Satz will besagen: „Eine Person ist ein solches ? 

Vielheit der Teile, eine reale, eigenartige und eigenwertige Emhei bildet und als 
solche trotz der Vielheit der Teilfunktionen, eine emheitliche, zielstrebige Selbst- 
Tä g^i Kennzeichnende der Person ist für S. „die konkrete zieltatige 

Ganzheit psychophysische Neutralität der Person ist aber en, nicht minder 

wichtiges Merkmal der Personkategorie, die besagt, daß ^ ^urT verschiedeL 

Erscheinungsweisen d^ Monismus wird vom Verf. 

Der in dem Sache in klarer Weise entwickelt. Die 

an lich'’das kontradiktorische Gegenteil zur Person und bedeutet 

Sache IS bei S. an sich^ zielstrebige 

demzufolg „ Wirkungsfeld fremder Gesetzmäßigkeit, nicht konkret Indivi- 

Ursprung , ^strakt Gleichsetzbares, nicht Absolutheit, sondern Relation ist . Den 
i;: tXnden ^ P-on und Sache überwindet dann S. mit Hüfe 

hier droli . . Parallelismus“, der in dem Satze: die Personen sind die 

-ffen^^klichen Existenzen, seinen reinsten Ausdruck findet. Da jedoch auch 
Tatsache mechanischer Beziehungen (Quantität und Gesetz!) unbestreitbar ist, 
fisln die Sachen nunmehr aus den Personen abgeleitet werden. Die Personen ordnen 
Hunter- und übereinander, sie sind zugleich Wirkungsfelder übergeordneter Ge^tz- 
^^^••ßiffkeiten (= Sachen) und zugleich autochthone Positionen, Quellpunkte, die ihr Sem 
die ihnen untergeordneten Teile überströmen lassen. Was von oben, d. h. vom 
^tflndnunkt des Ganzen aus, persönlich ist, ist von unten, d. h. vom Standpunkt der 
t^Hp aus sachlich, und da das Ganze nur personaler Natur sein kann, existieren eben 
I flieh nur Personen. Was die menschliche Person insbesondere angeht, so werden 
Uu vornehmlich noch 2 Bedingungsgruppen zuerkannt, die in der ,, Konvergenz not- 
- zusammentreten: der Innenfaktor „Eiitelechie und der Außenfaktor Welt, 

welch ktzterer der Mensch in der „Introzeption“ gerecht wird. Dinch die Introeeption 
h!r<^swinnt er erst kosmische» Bewußtsein, da die zu introzipierende Außenwelt 
tfpS ia nur als personal bedeutungsvolle Welt gegenübertreten kann. Sie wird, 
.reiehen notwendig zu einet Welt von .Selbstwerten*. und Stern sogt: nur 
Swertes sind. Da jedoch nach Stern nur Personen Selbstwert braitzen, wird ge- 
thlo^n Nur Personen haben Selbstwert, und alle Personen haben Selbstwett. 
Der Personallsmus ab Weltanschauung hat damit seine Hohe erreicht; nur Personen 
ird^rnn nur Selbslwerle sind. - In selir eingehenden und kritischen D.rleg|mgen 
hat d« Verf die Systemträchügkeit dieser S t e r n sehen Lehre naehgewiesen. & 
uLndeU insbesondeL die Eipnart der Personkategorm. d^jm^rh^^ 

wirken von Gesetz und Ganzheit: Personen 

an dem Gesetz der notwendigen Selbsterhaltung der personalen 

sind ja nach S. die teleologischen Selbsterhaltungs^ 

artige (unselbständige) Stellung des Psychisch^, sc le , versaffen im ein- 

zeption und die personalistische Ethik. Das Referat muß es »“h 
zelnen auf diese Einzeldinge elnzngehen, die vom Verf. so dargestellt werien, daß Jm 
Leser das ganze S t e r n sehe System in größlet Anschaulichkeit wiedereislelih Zugleich 

Zentralblatt für Psychotherapie VH, 


114 


Referate 


fühlen wir, aber aus der Darstellimg heraus^ was C. zeigen wollte, nämlich, daß wir es 
bei dem Stern sehen Personalismus mit einer lebendigen philosophischen Weltan- 
schauung zu tun haben, die sich dadurch, daß sie mit ihrem Schöpfer in inniger ? Ver- 
wandtschaft steht, immer als urschöpferisch und systemträchtig erweisen wird, 

Balthasar - Berlin. 

^ Weinreichj Otto, Menekrates Zeus und Salmoneus. Religionsgeschichtliche Stu- 
dien zur Psychopathologie des Gottmenschtums in Antike und Neuzeit. (Tübing. Btr. 
Altertumswiss., H. 18.) W, Kohlhammer, Stuttgart, 1933. S. 130, RM. 12, — . 

In der Gestalt des Arztes Menekrates, der im 4. Jahrh. v. Chr. lebte, sich auf Grund 
von Heilungen einiger Epileptiker göttliches Wesen zuschrieb und den Namen Zeus 
annahm, von einem Gefolge von „Göttern^' umgeben war, tritt eine geistige Artung 
vor das Auge, die — wie W. in eingehender Analyse zeigt — sowohl in der Grund- 
haltung als auch in Einzelmotiven weitgehend sich mit Beobachtungen neuerer und 
auch alter Psychopathologie deckt. W. macht es sehr wahrscheinlich, daß auch die 
Zeitgenossen und Nachfahren des M.-Z. dessen krankhaftes Wesen nicht verkannten, 
W. zieht viele Parallelen, zumal aus dem Formenkreise der Schizophrenie heran 
(welchen Begriff Sch. er übrigens in sehr weitem Verstände und mehr zur Kenn- 
zeichnung einer Seelenhaltung als in der eines definitiven Krankheitsbildes verwendet). 
Sehr interessant sind auch die Hinweise auf gewisse primitiv-etymologische Kon- 
struktionen, welche dem psychotischen Denken nicht weniger nahe liegen als selbst 
dem gewiß nicht mehr „archaischen“ des Griechen. So der Zusammenhang der von 
griechischem Volksdenken zwischen dem Namen Zeus und seinen Abwandlungen 
einerseits und den Worten und ötd anderseits hergestellt wird. Weil durch (did) 
ihre Rettung Leben den Kranken zuteil wurde ist eben M. der Zeus; im 

Nominativ wurde der Stamm im Akkusativ der der Präposition als wirksam 

empfunden. Auch auf andere psychopathologische Probleme fällt von der historisch- 
philosophischen Forschung her beträchtliches Licht (so auf dasZweigeschlechterwesen), 
da sich zu gewissen psychotischen, „oberflächlichen“ wie man wohl sagt, Assoziationen 
sehr bemerkenswerte Parallelen aus mythischem Denken, vielleicht überhaupt zu- 
folge immanent-sprachlicher Tendenzen, ergeben, übrigens wird einem die durch- 
gehende Einheit menschlichen Wesens und Erlebens aufdringlich, wenn man die 
auffallende Gleichförmigkeit betrachtet, die trotz der Distanz, welche einen etwa aus 
Deutschland gebürtigen Schizophrenen des XX. Jahrh. von den alten Griechen 
trennt, besteht. Des Ferneren erscheint uns W.s lehrreiche und anregende, auch treff- 
lich geschriebene, Studie sehr wichtig, weil die engen Bezüge zwischen Psychopatho- 
logie und Geisteswißsenschaft und die Möglichkeit „wechselseitiger Erhellung“ hier 
unverkennbar und zum Nutzen beider Forschungsrichtungen verwertet sind. 

R. Allers - Wien. 


Klinik 

a) Psychiatric 

Schröder, P. (Leipzig), Psychopathen und abnorme Charaktere. Münch, med. 
Wschr. 1932. H. 26, S. 1007—1009. 

Was man so Psychopathie nennt, umfaßt sehr Verschiedenes: 1. leichte Geistes- 
störungen; man soll immer an die Möglichkeit einer Schizophrenie denken. 2. Viele 
Fälle mit Körper- und Nervenleiden, die nicht sicher umschrieben odei^ ihrer Aber- 


Referate 


115 


t i V i t ä t egen nicht leicht erkannt werden können (atypische Migränen, 
tivrtat wegen iiiviit r> r»ie Hauntmassc ist nur charaktero- 

Störungen, solche des ''«g^Jativen Symptome und sind auch nicht 

logisch zu verstehen; sie haben keine «S . intellektuelle Minus- 
eigentlich krank. Auch der Schwachsinn ist «„j.ren Seelenv 

Varianten sind lange nicht so wichtig, wie solche Typisierung möglich, 

gebieten. Es ist nur eine große Z«8ammen^ssu 6^ HaUlose,^^mütsarme, dis- 

S. unterscheidet hysterische CharakWanomalie, ferner 

harmomsch-unausgeglichene Psy p Psychopathen als pathologisch m 

Disharmonien aus Stimmungssehwankungem Zu;tänden"in der 

dem gleichen Sinne aufzufassen, wie führen; sie restlos als abortive 

Medizin sprechen, muß zu prakt^c cn r»mnen heißt sie ärztlich und sozial 

Fäll, in L ProkrusK.I«tl der P.,choi»n zu »pnuu.n, !>«»« 

gründlich mißverstehen.“ 

” Mu^er-GreB, W. («ei« Kru.u™ 1„ der kUnieche. 

Prydriutri. der ^ef Symptemalik ..,Be„ bei Psy- 

Die Psychologisch orientierende Symptomatik hängt 

Chosen auf große Schwierjk^^ ^rLdanschauungen über Psychologisches und Psy- 
wesentheh von den theoretiscl «athoncurologische Betrachtung sind 

chophysisches ab. Symptome lassen sich von beiden Seiten her auf- 

nicht reinlich zu schei . _„„,;sse Veränderungen des Gesichtsfeldes u. a.). An 

fassen (z. B. in Frage: Erblichkeit, deren ursächliche Bedeutung 

ätiologischen 1"^ aufffezeigt werden kann, Trauma und «xogene Schäden, 

aber nur selten exogenf Reaktionstypen“, einen Schluß von Zustands- 

deren Wirkungen aber, als „e. g resignierender Skepsis Anlaß bestände, 

bild auf Ursache nicht zu ^ bleibt. Lokalisalorische Vorstellungen 

„eil de, F«-"“ (F P- «i“ 

spielen m unserem y topischen Moment auch das zeitliche (Unterschied 

große Rolle, 7^®\”®endlichen uld Erwachsenen) Beachtung fordert. Psychogene 
des Verlaufes bei g ^^harf trennbar sein; das unterscheidet sie 

Erscheinungen sollen von g Auftreten aber fordert doch eine gewisse Bc- 

von dem J Bedingtheit (Kindheitscrlebnisse, Anlagefäkloten. er- 

reiMhnft. D™ j„,chsichtig. Die konsunuiens- 

*“^*r-S2läin£theit de» mnnioeh-depressiven Irresein, ist kem^wegs sicherge- 
sSphrenie läüt die klinisch, und psychop.tholognclm Forschung 
‘“m / ™ EinSwichkeit annehmen, wenn zuvor die Ursachen noch unbekannt sind, 
t .ÄrWege, welcher zu einer brauchbaren Gruppierung der Epilepstm. 
r-hrhaf bd d.*&h zophrenie Erfolg haben werde, erscheint zweif.lhat. zumal 
?(c'fd?cÄ^-. fehlt, 'ein Hauptsymptom wie den Anfell «perjmentel^^^^^ 

zeugen. 

Sehnelder, Kurt, Cher Abgrenzung und Seltenheit des aog 
Irreseins. (Dtsehe. Forsch. Anst, Psych. München). Münch, med. Wschr. 1932. H. 39, 

Unter Verwerfung der üblichen Kriterien für die Abgrenzung der Zyklothymie 
(HdÄ HemmV^^ Wr_H.it.rkei.) betont S. die Gmudstornng 


116 


Referate 


einer phasisch verlaufenden Depression oder Exaltation der Lebensgefühle. Aus dieser 
Grundstöioing ließen sich die Merkmale der Zustandsbilder herleiten. Daraus ergebe 
sich eine scharfe Abgrenzung gegen die abnormen Reaktionen und psychopathischen 
Persönlichkeiten. (Auch die schwerblütigen Varianten der Zyklothymie Kretsch- 
mers sind etwas ganz anderes als chronische zyklothyme Depressionen.) Wirklich 
5 , manisch- depressive^* Zyklothymien sind nach S. relativ selten; unter 1053 Aufnahmen 
eines Jahres nur 5o/o gegen 33^/o Psychopathien und 15,15<V'o Schizophrenien. S. ver- 
weist auf mögliche regionäre Verschiedenheiten und die Wichtigkeit einer scharfen 
Abgrenzung sowohl für genealogische als für pathophysiologische Forschung. 

R. A 1 le r s - Wien. 

Slauder, K. H., Über Umgrenzung und Häufigkeit der manisch-depressiven Er- 
krankungen. Münch, med. Wschr. 1933. H. 11, S. 430 — 432. 

Wendet sich gegen K. Schneider, dem Depression und Exaltation der Lebens- 
gefühle als Grundstörung gelten, weil dadurch eine ungebührliche Einengung und 
Erstarrung bedingt würde, welche den bestehenden fließenden Übergängen nicht ge- 
recht zu werden vermöchte. Auch ließen sich die Denkstörungen, noch ivcniger die 
körperlichen Erscheinungen aus solcher Grundstörung nicht ableiten. Mit B u m k e 
sucht St. die Grundlage in einer pyknisch-thymopathischen Konstitution und faßt 
die zirkulären, periodischen Verläufe, sowie die hyperthymen, dysthymeii, zyklo- 
thymen Gemütsarten unter dem Gesamttitel der Thymopathien. Die reaktiven (provo- 
zierten. J. Lange) Melancholien werden dem m,-d. Formenkreis zugezählt, wäh- 
rend bei derartigen Späterkrankuiigen (Klimakterium) die Abgrenzung durch Be- 
achtung der Konstitution gegeben ist. St. will seine Auffassung a. a, O. ausführlich 
begründen. R. A 1 1 e r s - Wien. 

Sacristän J. M. u. M. Peraita (Frauenirrenanst. Ciempozuelos). El motabolisrao del 
bromo en la psicosis maniaco-depressiva endogena. (Br-Stoffwechsel bei endogen, 
man.-depr. Irresein). Arch, de Neuroblol. 1932. Bd. 13. H, 1, S. 39 — 43. 

In Bestätigung der Befunde von Zondek u* Bier wird bei 13 Fällen ein immer 
hinter der normalen unteren Grenze liegender Wert für Br. im Blute gefunden. Mit 
Besserung des Zustandes steigt der Br-gehalt an, R. Allers-Wien. 

Lange, Job, (Psych. Klin. Breslau), Depressionszustände in sonnenarmer Zeit. 
Dtsche Med. Wschr. 1932. H. 49, S. 1911 — 1913. 

Das Thema ist als Fragestellung empfunden. „Irgendwie ist der Mensch noch bio- 
logisch an die Sonne und den Sonnenlauf gebunden , . . Das gilt in der gleichen Weise 
für die Geisteskrankheiten wie für die Kriminalität und Selbstmorde, Ja, wie für 
Geburt und Tod.‘‘ Gelegentlich dieser Ausführungen, die auf die vitale Bedeutung des 
Lichtes hinweisen, möchte Ref. auf die Anschauungen Hellpachs (Geopsychische 
Erscheinungen) aufmerksam machen. „Licht wirkt in anoptischem Einfluß auf die 
Psychophysis sehr verschieden; bei einem optimalen Wert seiner Intensität und Ein- 
wirkungsdauer, vermutlich auch seiner Färbung, wohltätig anregend, erheiternd, 
belebend, alle günstigen Effekte lierausarbeitend ; oberhalb dieses Optimums wird 
die Wirkung übermäßig erregend, motorisch beunruhigend, überreizend — unterhalb 
des Optimums umgekehrt deprimierend, lähmend, lethargierend. Die Breite des 
Optimalwertes ist außerordentlich und in keiner Weise exakt bestimmt,^*^ 

M. Schroer - Essen. 


Heferate 


117 


b) N c u r o 1 a g i e 

Hauptmann, Alfred (Halle a. S.), Ist die amnestische Aphasie Tcilerscheinung einer 
Beeinträchtigung des „kategorialen“ Verhaltens? Mschr. Psychiatr. 1931. Bd. 29, 
3Q2 313. 

Auf Grund von eigenen und von der Gin. K u c n b u r g ausgeführten Experimenten 
und Beobachtungen lehnt H. di© Schlüsse, die Gelb und G o 1 d s te i n aus ihren 
Untersuchungen amnestisch aphatiseher Kranken ziehen ab, verneint also die nn 
Titel eestellt© Frage. Der gegnerischen Theorie mangle Strmgenz, was er vor all^ 
in drii gebietsverfchiedenen Denkunexaktheiten begründet sieht 1- ist es physio- 
ögisch-neurologiseh unzulässig die amn. Aph. als regelmäßige 

Beeinträchtigung des kategorialen Verhaltens anzusehen, wenn man sie nicht an Fallen 
mit Störungen lokaler Natur“, also Verletzungen m der Parieto-Tempoialgegend, 
untersucht hft. Andernfalls ist nämlich die Frage nach der Verureachung der Demenz 
eTrXldeutig^ um sinnvoll stellbar und beantwortbar zu sein. 2. fehlt psyeliologiseh 
der Nachweis, diß das „kategoriale“ Verhalten dem „anschaulichen gegenüber eine 
Fo™ darstelle. Es ließ» sioh ebenso die Ansicht vertaten daß .u= Polo etner 
wertfreien Skala von Auffassungsarten repräsentieren. 3. ist logisch bei den =^wei z 
samraen auftretenden Erscheinungen (amn. Aph.-Beemtrachti^ng des kategor. yerhalO 
eine einzige von den möglichen Relationen als tatsächliche hypostasiert, namheh die 
vom Teifzum Ganzen“. Es ist durchaus einfach, würde aber das Bild grundlegend 
verändern, eine Kausalbeziehung zu konstruieren, die die ^cmtrachtigung des kate- 
trorialen Verhaltens als Folge der erschwerten Wortfindung erscheinen ließe dir 
:iso einen Scheincharakter gäbe. (Wieweit diese rhesen tatsacblich geeignet sind die 
Celb-Goldsteinschc Lehre zu widerlegen, scheint zweifelhaft. Insbesondere deshalb, 
weil sie die vorgeworfene Einseitigkeit nur mit umgekehrten Vorzeichen ivicdc - 
holen. Ref.). K.W oll -Wien. 

pilrc^sen, W. (II. Dtsclie. Med. Kliii. Prag), Zur speziellen Psychologie innerer 
Erkrankungen. Med. Klin. 1933. H. 31, S. 1049—1050. 

Im Erlebnis: „Krankheit“ wirken nach Goldscheider („autoplastisches Krank- 
heitsbild“) zusammen: Organempfindungen, Bewußtseins! cränderungen,Vorstellimgen, 
die der Reflexion über Krankheit, ärztlicher Beeinflussung, lebensgeschichtlich 
dineter Einstellung entspringen. Der Abbau dieses Gefühls ist der be!vußte oder, au- 
ficer unbewußt Teil der Therapie. Insofern ist jede Therapie auch Psychotherapie. In- 
des werden die ausschlgagebenden Momente zu wenig beachtet oder aufgesucht. Man 
Aveiß nicht viel über die Pathologie der Gemeingefühle. Manche Krankheiten beein- 
flussen spezifisch die Stimmungslage (depressive Stimmung mancher Ka. Kranker, 
zumal bei endogen auf dem Boden von Stoffwechsclstöi-ungen nach öauer- 
bruch — erwachsenden Tumoren). F. verweist auf die Meinung emer autotoxischen 

Entstehung mancher Neuropathien. Einige kurze Krankengeschichten. 

^ n A 1 1 ^ 




Wittkower, E. (I. med. Klin. Charite, Berlin), Zur Frage der psychogenen Ilypcr- 
tensionen. Nervenarzt. 1933. Bd. 6, H. 1, S. 7 13. 

Für die permanente Hypertonie ist nachgewiesen, daß funktionelle Moincnte die 
Höhe des Blutdruckes maßgeblich beeinflussen. Die Verschlimmerung einer be- 


118 


Referate 


stehenden bzw. die Erzeu^ng einer Hypertonie bei Disponierten infolge Aus^vdrkung 
psychischer Momente steht fest. Bei entsprechenden Vorbedingungen können Hyper- 
tensionen als exzessive und protrahierte Affektreaktionen bzw. als Dauerfestlegiing von 
Affektausdrucksbewegungen, als Ausdrucksfixierung auf treten. Psycho tlierapeu tisch 
läßt sich für diese kleine Gruppe unter den labilen Hyper tensionen durch vegetative 
Beruhigung im Sinne einer Angstentlastiing Erfolg erzielen. 

L. Hofbauer - Wien. 

Klinik (Neurosen) 

a) Motorische Neurosen 

Soväk, M. (Phoniatr. Abt. otolaiyngol. Klin., Prag), Die Verhältnisse der sympa- 
thischen Reflexe bei Stotterern. Öas. cesk. lek., 1933. H. 6, S. 164 — 168. 

An 100 Stotterern, darunter 48 Kindern von 4 — 13, wurde der oculo-cardiale und 
der Solarreflex geprüft. Bei 23 o/o der Erwachsenen waren beide Reflexe normal, d. h. 
negativer Solarreflex und beim oculo-cardialen Pulsverlangsamung. Bei den anderen 
war ein positiver Solar- bei normalem Oculocardialreflex. Ähnlich lagen die Ver- 
hältnisse bei den Kindern. Außerdem wurde an 6 Pat. das* vegetative Nervensysteiin 
pharmakodynamisch geprüft (0,05 Adrenalin intravenös, 5 mg Pilocarpin, 0,5 mg 
Atropin subkutan). Die Mehrzahl der Pat. berichteten nach Pilocarpin Erleichterung, 
nach Adrenalin Verschlechterung. S. glaubt deshalb, daß das Stottern mehr auf dem 
überwiegen des Sympathicus als des Vagus bei einer allgemeinen Labilität des vege- 
tativen Nervensystems beruhe. H. Zweig- Brünn. 

Mandell, Sybil (New York), IndhddualpsychologLselie Behandlung von Sprach- 
fehlern. Int. Zschr. Indiv. PsychoL 1933. Bd. 11. H. 6, S. 409 — 416. 

2 Fälle von Stottern und einer von gehemmter Sprachentwicklung (Kinder), mit 
gutem Erfolge behandelt, an denen die Psvehogenese der Störung aufgezeigt wird. 

R. Allers-Wien. 

Saxl, Alfred (Ortliopäd. Abt. Mariahilfer Spital Wien), Funktionelle Paresen bei 
Muskel- und Gclenkcrkrankungen. 2. ortliopäd. Chir. 1932. Bd. 57, S. 202 — 208. 

Nicht organisch bedingte Lähmungen entstehen infolge von akuten Muskeltraumen 
und an den unteren Extremitäten auch durch Verschlechterung der statischen Ein- 
stellung (durch das Trauma selbst, im Gefolge gewisser Gelenksentzündungen, durch 
Fehlhaltungen und Fehlformen). Ursache ist beim Trauma der Schmerz, bei sta- 
tischem Ursprung die Verlagerung der Schwerlinie. (Wichtig zu ^vissen, damiti nicht 
derartige nicht-organische Paresen irrtümlich als „hysterisch^^ angesehen werden! Ref.). 

R. A Ilers -Wien. 

Gerönne^ A. (Städt. Krh, Wiesbaden), Hyperalge tische Neurose und Rheumatismus. 
Dtsch. Med. Wschr. 1932. H. 45, S, 1753—1755. 

Es wird auf das Krankheitsbild der hyperalgetischen Neurose (h. N.). als „Organ- 
neurose^^ aufmerksam gemacht, ^v^elches Krankheitsbild zu wenig Eingang in die 
ärztliche Diagnostik gefunden habe. Krankheitsverlauf, Differentialdiagnose und 
Therapie werden klar und ausführlich besprochen. Ausdruck einer h. N. sind zumeist 
auch der Kopfschwartenrheumatismus, die meisten Fälle von Adipositas dolorosa so- 


Referate 


119 


wie die von ausländischen Autoren beschriebenen Krankheitsbilder der Pannikulitis 
und Fibrositis. Wenn Goldscheider der Anschauung ist, daß der Muskelrheuma- 
tismus durch Neuralgien der peripheren sensiblen Muskelnerven verursacht werde, 
A. Schmidt aber sein Wesen in einer Neuralgie der hinteren Wurzeln erblickt, 
so denkt G. bei der h. N. mehr an eine Erkrankung des Zentralorgans selbst im Sinne 
einer erhöhten Reizbarkeit. Die Pathogenese der beiden Krankheitsbilder ist ver- 
schieden; das Symptom des Schmerzes in der Muskulatur ist ihnen gemeinsam. Die 
richtige Erkennung dieser psychogenen Polyalgien ist wichtig, weil richtunggebend für 
die Behandlung, in deren Mittelpunkt die Psychotlierapie stehen muß. 

M. Schroer- Essen. 

b) Organneurosen 

vLindgren, Stig (Ume&), Eine Studie über depressive Sekretionsanomalien des. 
Magens. Auf Grund eines v. BevSlkerungsstandpunkt einheitl. Materials aus d. Provinz 
Västerbotten im nördl. Schweden. (Acta med. scandin. Suppl. 48.) Ohlsson. Lund 
1932. VII. 235 S. Kr. 8,— 

Die psychologischen Momente werden in der rein somatologbch orientierten, uni- 
fangreichen Studie kaum gestreift. Für die depressive Sekretionsanomalie wird die 
einseitige Mehl-Milchkost haftbar gemacht. G. R. H e y e r - München. 

c) Hysterische Neurosen 

Grabley, Paul (Bad Saarow), Über Wesen und Behandlung der Hysterie. Fortschr. 
Med. 1932. Bd. 50, H. 11. 

Wesentlich für Hy. ist eine „krankhafte Belastung des Vorstellungslebens‘‘; Hy. 
wurzelt in der Phantasie. Das Denken funktioniert automatisch-reflektorisch in der 
Verwertung gewolmter Ausdrücke, dissoziiert-reflektierend un Unterbew. und Ubw. 
jJeg Traumes, assoziiert-produktiv in M^illen und Vernunft. Diese Funktionen sind 
unter dem Einfluß der erkrankten Phantasie gestört. Der Pat. muß von den Ein- 
drücken einer perversen Phantasie desuggestioniert werden, er muß den Einfluß der 
Noxe wie den einer Hypnose erfassen. Zumeist genügt Wachsuggestion. 

R. A 1 1er 8 - Wien. 

Laubenthal, F. (Psych. Klin. Bonn), Über Pseudohysterie. Nervenarzt. 1933. Bd. 6. 
H. 1, S. 17—19. 

Beim Hysterischen besteht nach Neumann ein Wertkonflikt, indem der Person- 
wert sich gegenüber den objektiven Wertzusammenhängen durchzusetzen bestrebt 
ist und die, den Gesunden kennzeiclmenden Wertselektionstendenzen in den Hinter- 
grund treten. Auch bei Ps.hy. (hy. Krankheitsbilder auf dem Boden organischer 
Seinserkrankung), ist eine solche Verschiebung der Dauerstrukturen zu erwarten. Man 
findet starre Einengungen auf den Personwert, gesteigerte Zuwendung zu vitalen, 
persönlichkeitsnahen Vollzügen, Leistungsdifferenz je nach der vitalen Nähe. Die Lei- 
stungsdifferenz aber ist gemeinsames Symptom aller hy. Reaktionen. Auch die hyper- 
phrenen Zustandsbilder etwa von Enzephalitikern fügen sich solcher Auslegung. L. ver- 
sucht so auf theoretischem Wege zu einer Gruppierung der Ps.-hy. zu gelangen, 
die er durch experimentelle Prüfung zu bestätigen hofft. R. Allers - Wien. 


120 


Referate 


Körper-Seelen - Haushalt und Konstitutionslehre 

a) Physiologie 

Kral, Jiri, Physiologie und Pathologie der Ermüdung. Cas. ^^esk. lek. 1933. H. 2, 
S. 36—41. 

Ermüdung beruht wahrscheinlich auf ungenügender Anwesenheit von Sauerstoff 
in den arbeitenden Organen (Erschöpfung) und in einer dadurch bedingten Anhäufung 
von Zerfallsprodukten (eigentliche Ermüdung). Auch der isolierte Mangel an Kohle- 
hydraten^ Eiweißkörpern, Fetten, von Phosphor oder Magnesium kann zu E. führem 
E. wirkt hauptsächlich auf die myoneurale Verbindung ein, denn der Nerv ist prak- 
tisch unermüdbar und auch der Muskel ist ihr viel weniger zugänglich als das Nerv- 
muskelpräparat; vielleicht wird durch die Ermüdungsstoffe der Kontakt zwischen Nerv 
und Muskel blockiert. Auch eine Erkrankung der Drüsen mit innerer Sekretion kann 
mit abnormer Ermüdbarkeit einhergehen, namentlich beim Morbus Addison, vielleicht 
infolge Mangel an Adrenalin, und bei der Hypoglykämie. H. Zweig- Brünn. 

Chura, AL J. (Kinderklin. Bratislava), Das parasympathisch-iiisuläre System bei der 
kindlichen Neuropathie mit einem Beitrag zur Therapie der kindlichen Neuropathie. 
Samml. von Arb. z. 50. Gteburtst. v. Prof. Mysliveöek in Bratislava, 1933. S. 200 — 210. 

Die Vorliebe kindlicher Neuropathen für Zucker ist nicht der bloße Ausdruck einer 
Genäschigkeit, sondern dient der Befriedigung einer besonderen Zucker avidität der 
G^ewebc. Belastungsversuche mit Iß g Glykose oder 1 g Lävolosc auf 1 kg Körper- 
gewicht ergaben eine sehr flache hypoglykämische Kurve, eine Erhöhung der Toleranz- 
werte und eine besondere Glykotonie der Gewebe als Ausdruck eines Übergewichts 
des parasympathisch-insulären Systems. Auch die Eosinophilie des Bluts ist ähnlich 
aufzufassen (daneben wurde eine leichte Leukopenie mit relativer Lymphozytose ge- 
funden). Ch* gab den Kindern 150 — 250 g Zucker täglich, nach der Mahlzeit zur 
Vermeidung des Insulinreflexes, einige erhielten auch Kalk und Vitaminol, wobei 
der Zucker die Ausnützbarkeit des Kalks verbesserte. Nach einigen Wochen konnte 
nicht nur ein Ansteigen des Körpergewichts, sondern auch eine Besserung des psy- 
chischen Befindens, namentlich ein Nachlassen der Reizbarkeit, festgestellt werden. 

H. Z w e i g - Brünn. 

4cKho 11, W. (Hamburg) u. Arnold, A. (Leipzig), Normale und pathologische, Phy- 
siologie der Leihcsübimgcn. Barth, Leipzig, 1933. VIII. 316 S. 67 Abb. RM. 17,80. 

Dieses Werk erweist sich als Meisterleistung schon dadurch, daß es uns Ärzten \ icl 
mehl’ bringt als das Vorwort verspricht. „Das Buch wendet sich an alle diejenigen, die 
eine Verantwortung für die körperliche Entwicklung unserer Jugend tragen“ heißt es 
dort und in Wirklichkeit bildet das Buch neben der restlosen Erfüllung dieses Zieles 
das Standardwerk betreff der Frage, welche heutzutage immer mehr in den Mittel- 
punkt therapeutischer Betrachtung tritt: den Wert und die Bedeutsamkeit körperlicher 
Betätigung für die Verhütung und Bekämpfung krankhafter Zustände. Leider ist ja 
die Ärzteschaft bis zum heutigen Tage noch viel zu >venig durch Erfahrung am 
eigenen Körper von dem verbessernden und erhebenden Wirkungen aktiven Körper- 
sportes überzeugt, glaubt sie ihn schon für die reiferen Jahrgänge und besonders für 
das weibliche Geschlecht weitgehendst einschränken, für den Kranken fast immer ver- 
bieten zu müssen. Bewegungs- und Arbeitstherapie werden mangels eigener Erfahrung 


Referate 


121 


über die psychischen Einflüsse entsprechend dosierter Muskelarbeit bei den verschie- 
densten organischen und nervösen Krankheiten kurzweg verboten oder zumindest 
nicht entsprechend in das Heilprogramm eingestellt. Bei den „Herzkranken“ und Ih',- 
sonders bei den „Herzneurosen“, aber auch bei so vielen sonstigen Nervenkrankheiten 
und den auf nervöser Grundlage sich aufbanenden Leistungsstörungen des Organis- 
mus leisten aber entsprechende Beschäftigung und körperliche Leistung oft un- 
glaubliche Dienste* Sie können nur dann verordnet werden, wenn der Arzt die nötigen 
theoretischen Vorkenntnisse besitzt und diese werden in dem vorliegenden Buche in 
vorbildlicher Weise klargelegt. Wem die knappe Darstellung zu wenig bringt, der 
kann im Literaturverzeichnis, das freilich nicht immer vollständig ist, die nötigen 
Quellen finden. Schon das von K, gescliricbene Anfaiigskapitel: „Fragestellung und 
allgemeine Richtlinien“, ebenso aber auch seine weiteren Darlegungen „Atmung 
sowie „Psychische Auswirkung sportlicher Arbeit“ wirken fesselnd, anregend und über- 
zeugend. Auch das von Buytendijk geschriebene Kapitel „Nervensystem“ sowie 
der Aufsatz „Frau und Leibesübungen“ von Lölhöffel seien den Lesern dieser Zeit- 
schrift auf das Wärmste empfohlen. Alle Teile des Werkes zusammen bilden ein für 
den Praktiker wie für den Spezialarzt unentbehrliches Nachschlagewerk, die Unter- 
lassung seiner Lektüre nahezu ein Vergehen gegen die eigene Person und die Be- 
ratungspflicht des Arztes gegenüber Gesunden und Kranken. Nicht bloß die Heraus- 
geber und der Verlag, sondern ebensosehr das lesende Publikum können zu dem 
Erscheinen des Werkes beglückwünscht werden. L. H o f b a ii r - Wien. 

b) Konst itutions lehre 

3^ Erblehre — Erbpflege. Herausg. v. Zentraliiistitut f. Erziehung u. Unterricht. 
E. S. Mittler & Sohn, Berlin, 1933. S. V, 102. RM. 3,— 

Sammlung von Vorträgen, gehalten auf einer vom Zentraliiistitut Okt. 1932 ver- 
anstalteten Tagung zur Belehrung von Ärzten, Pädagogen und Theologen über die 
wichtigsten eugcnetischen Fragen. Die Ausführungen enthalten daher keine neuen 
Forschungsergebnisse. 1. Die biologischen Grundlagen der Eugenik. (R. Schulz - 
Hanke.) Bringt das Wichtigste über die Mendclschen Vererbuiigsgesetze, 2. Mensch- 
liche Erblehre. (H. Boege.) Beschäftigt sich mit der Frage der Anwendbarkeit der 
Mendclschen Regeln auf die menschliche VcrerbungswLssenschaft und mit der 
neuerdings so mächtig aufblühenden Zwillingsforschung. 3. Eugenik und Volkswohl- 
falirt. (H* Mucker mann.) S. Ref. S. 122. 4. Eugenik und Schule. (G. Just.) Stellt 
zwei Fragen zur Diskussion: 1. Was kann die Eugenik für die Schule tun? Hier werden 
zivar die Umweltfaktoren in ilirer Bedeutung für die seelische Entwicklung des 
Kindes einigermaßen gewürdigt, dennoch gelangt J. zum Sterilisierungsgesetz als 
ultima ratio. Die Bewertung der Umwelteinflüsse tritt noch deutlicher bei der Be- 
antwortung der zweiten Frage zutage: Was kann die Schule für die Eugenik tun? 
Hier wird einerseits sorgfältige Differenzierung der Schüler nach Anlage und Milieu, 
andererseits die Erziehung zur Eugenetik gefordert. 5. Negative Eugenik. (A. Oster- 
mann.) Die Ergebnisse der psychiatrischen Erblichkeitsforschung rechtfertigen die 
Forderung nach gesetzlicher Einführung der Sterilisierung der Träger minderwertiger 
Anlagen. Die operative Sterilisierung an Männern ist hierbei die Methode der Wahl, 
da der Eingriff verhältnismäßig harmlos ist und außer dem Verluste der Fortpflan- 
zungsfähigkeit keinerlei Folgen hinterlaßt. 6. Die eugenische Bewegung in Deutsch- 
land und in anderen Ländern. (K. Dürre.) 7. Eugenik und Weltanschauung. 


122 


Referate 


(B. Baviiik*) Nach Auseinandersetzung mit den verschiedenen religiös-mytholo- 
gischen, humanistischen und materialistischen Anschauungen stellt B. als neues welt- 
anschauliches Ideal die Förderung des Volksganzen als einer primär gegebenen 
höheren Einheit hin. In anerkennenswerter Weise hebt B,, obwohl unbedingter An- 
hänger der neuen nationalen Richtung in Deutschland, hervor, daß es ein Fehler 
wäre, sich bei der Formulierung praktischer Forderungen zu sehr von der wissen- 
schaftlich noch schlecht fundierten Rassefrage leiten zu lassen. Alle züchterisch Wert- 
\ollen müssen bei der Reform der Fortpflanzungsfrage berücksichtigt werden. Man 
dürfe nicht vergessen, daß liierbei das nordische Schönheitsideal trotz seiner hohen 
gefühlsmäßigen Wertigkeit keineswegs der einzige Wertmesser sei. 

H. K ogere r - Wien. 

^ Muckermann, Hermann, Eugenik und Volkswohlfahrt. G. S. Mittler & Sohn, 
Berlin, 1933. S. 35. RM. 1,50. 

Vortrag in der Kaiser Wilhelm-Ges. Nach einer historischen Einleitung, die^ von 
M a 1 1 h u s über Gal ton, Mendel, Eugen Fischer und Lundborg zu 
Rüdin, Luxenburger und Joh. Lange führt, stellt M. die Behauptung auf, 
daß „die menschliche Erbforschung . . . heute als die völlig gesicherte Grundlage der 
Eugenik bezeichnet werden kann“ (soweit sind wir leider noch nicht. Ref.). Das größte 
Übel, mit dem moderne eugenetische Bestrebungen zu kämpfen haben, ist die relativ 
starke Fortpflanzungsenergie der Belasteten im Gegensatz zur Kinderarmut der 
Wertvollen. Daß die wertvollsten Schichten des deutschen Volkes sich am wenigsten 
fortpflanzen, wird an statistischen Untersuchungen nachgewiesen und treffend damit 
begründet, daß der Appell an das Verantwortlichkeitsgefühl für die Nachkommen- 
schaft gerade dort nicht auf fruchtbaren Boden fällt, wo es am meisten zu ivünschen 
wäre. Das Volks wohl würde geradezu eine Umkehrung dieses Verhältnisses erfordern. 
Da die Belehrung der Belasteten mit Recht als aussichtslos angesehen wird, kommen 
als Mittel zur Fortpflanzungsbeschränloing nur die Asyliemng und die Sterilisierung 
in Frage, von denen die letztere sicherlich den humaneren Eingriff darstellt. Die Fort- 
pflanzungsbeschränkung auf Seite der Belasteten genügt jedoch keineswegs zur Ver- 
wirklichung eugenetischer Ziele; es muß andererseits auch auf die Förderung der 
Fortpflanzungstätigkeit bei den züchterisch wertvollen Familien durch Hebung des 
Forfpflaiizungswillens und Besserung der Wirtschaftslage hingewirkt werden. 

H. Kogerer - Wien. 

c) Allgemeine Psychogenese 

Kronfeld, Arthur, Adolf Müller u. Rolf C. Reiner, Untersuchungen mit dem Auto- 
temographen. J. Neur. 1933. Bd. 148. H. 1 — 2, S. 62 — 98. 

Mittels des Instrumentes (dessen Anweiidungswelse, Wirkung, Fehlerquellen usw, 
genau erörtert werden) wurden Blutdruckkurven während des Ablaufes von Asso- 
ziationen an 60 erwachsenen und 90 kind liehen Vsp, gewonnen. Auch die Auswertung der 
gewonnenen Kurvenbilder geschieht mit vorbildlicher Akribie. Hinsichtlich der Einzel - 
reaktlon glauben Verff. nur allgemeine Folgerungen ziehen zu dürfen. Aus diesen sei 
hervorgehoben: ein affektiver Reiz erzeugt immer nur ein Ansteigen der (hypodiasto- 
lischen) Kurve, nie ein Absinken, welches nur nach initialem Anstieg auftritt. Unlust 
wirkt stärker als Lust, reproduzierter oder phantasierter Affekt mehr als wirk- 
licher (man wird fragen dürfen, ob die experimentell hervorgerufenen Affekte den 


Referate 


123 


erinnerten usw. qualitativ wirklich gleichartig und daher mit ilinen vergleichbar 
seien. Ref.) Die stärkste Wirkung auf den Blutdruck hat Angst. Die aus dem Inneren 
der Vp. aufsteigenden Affekte wirken stärker als die durch Reizworte oder Reiz- 
gaben ausgelösten (Beschämung, Reue, Selbstentwertung, Zorn, Selbstrechtfertigung, 
sexuelle Impulse). Der Anstieg bei geistiger Arbeit ist geringer als. bei Affekt, doch 
erzeugt bereits bloße Konzentration einen Anstieg. Der größte beobachtete Aus- 
schlag betrug 25 mm Hg, der Durchschnitt 10—15 mm. Versuche in Hypnose zeigten 
keine wesentlich anderen Ergebnisse. Das Gesamtkurvenbild erlaubt Schlüsse auf die 
affektive Ansprechbarkeit überhaupt, die Intensität und Dauer der kurvenmäßig er- 
faßten Affekte, die Harmonie und Konsistenz, sowie die Adäquatheit und Inadäquat- 
heit der affektiven Reaktionen. Darüber hinaus erfährt man, ob durch das Reizwort 
ein Komplex berührt worden sei, ob eine rcizunabhängige, spontane, m, ilirer Verur- 
sachung der Vpp. unbekannte Schwankung vorliege, in welcher Beziehung die Affekte 
zu Ich und Umwelt ständen. Von 20 daraufhin überprüften Vpp. reagierten 8 aus- 
schließlich oder vorwiegend ich-bezogen, 8 teils ich-, teils objekt -bezogen, 3 
wiegend und 1 ausschließlich objekt-bezogen. Es ergab sich, daß die affektive Rea- 
mbilität der Willenskontrolle entzogen ist. Die Methode ergibt wertvolle Fmgerzeigo 
für die Erkenntnis von Temperament und Charakter, ließe sich also typologisclien 
Zwecken als eine objektive dienstbar machen. 

R. A 1 1 e r s - Wien. 


d) Spezielle Psyehogenese 

Mayer-Groß, W. (Heidelberg), Welche organischen Erkrankungen neigen zu psycho- 
«cnen Überlagerungen. (57. Vers. SWD. Neur.) Arch. Psychiatr. 1932. Bd. 96. 
H. 3, S. 422—424. 

Am Beginne organischer Erkrankungen (Intoxikationen, Tumoren, P. p., mult. 
Sklerose, Enzephalitiden) treten nicht selten psychogen-hysterische Bilder auf, die 
konstitutionell oder situativ nieht ableitbar sind; ebenso beim Abklingen organischer 
Defekte. Ferner durchflechten sich hochsitzende, differenzierte Einzeldefekte eng 
mit psychogenem Behverk (Agnosien, Aphasien, Pötzl). Drittens: bei jugendlichen 
Enzephalitikern und nach Stirnhirnvcrletzung besteht Bereitschaft zu psychogener Re- 
aktion. Solche „Hysteroide“ hat M. G. auch bei CO-Vergiftung beschrieben. Diese 
Dinge stehen mit dem organischen Defekte in unmittelbarem Zusammenhänge und 
sind als übertriebene Krankheitsdarstellung ein Gegenbild zum organisch defekten 
Krankheitsbewußtsein. Die , psychogen-hysterischen Symptome organ. Hirnkrankheiten 
dürfen nicht als „Überlagerung“ angesehen werden, sondern weit eher als kemi- 
zeichnend für den „Hintergrund“, auf dem sich das Gesamtsyndrom abspielt; dieser 
variiert je nach der Art der Hirnstörung. R. A 1 1 e r s - Wien. 


Wilder, J. (Heiders Nerv.-Klinik Wien), Vegetatives Nervensystem und Psyche. 
Wien. med. Wschr. 1933, H. 4, 5, S. 140 146. 

Übersicht über sympathische und endokrine Funktionen im Zusammenhang mit 
Psyche und Neurose. Praktisches Ergebnis für den Psychotherapeuten: „Man kann 
eine Neurose auf rein psychischem Wege o f t , man kann sie auf rein somatischem 
Wege selten heilen.“ G. R. H e y c r - Mönchen. 


124 


Referate 


Forensisches und Gutachtenwesen 

Voß, G. (Düsseldorf), Nervenleiden und Arbeitsfähigkeit. Med. Klin. 1932. H \ 
S. 43—44. 

Aus dem großen Gebiet der Beziehungen zwischen Nervenleiden und Arbeits- 
fähigkelt werden die Kopf verletzten und Psychopathen besonders hervorgehoben. 
Wertvoll für die Objektivierung der Klagen der Kranken sind Beeinträchtigungen 
des Akustikus oder Vestibularis, das Verhalten des Vasomotoriums; ein mehr sub- 
jektives Symptom ist die Unfähigkeit der an erheblichen vasomotorischen Kopf- 
schmerzen leidenden Kranken, die Augen in die äußerste nach oben gerichtete Stellung 
zu bringen. Daß die Anamnese durch den Gutachter selbst zu erheben ist, wird von 
V. mit Recht verlangt. In der Annahme einer Beeinträchtigung durch neurotische Zu- 
stände muß man sehr zurückhaltend sein. Bei den Zwangsneurotikern wird die Arbeits- 
fähigkeit kaum in Frage gestellt sein. Doch kann dies in Fällen Vorkommen, wo die 
Zwangsidee mit der beruflichen Tätigkeit in Konflikt gerät. Eine besondere Bedeutung 
hat in der heutigen Zeit die Begutachtung der beruflichen Arbeitsfähigkeit für die 
Reichsversicherungsanstalt für Angestellte erlangt. Unter ihnen finden sich viele Psy- 
chopathen, die, solange sie eine Stellung inne hatten, mit ihren nervösen Beschwerden 
gut fertig wurden und die durch wirtschaftliche Notlage nach der Entlassung auf den 
W^eg des Rentenkampfes geraten. Eine einwandfreie Beurteilung kann nur auf dem 
Boden einer exakten klinischen Diagnose Zustandekommen. K. Groß- Wien. 

Herschmann, H., Zur Frage der psychologischen Sachverständigen im Strafprozeß. 
Wien. med. Wschr. 1933. H. 37, S. 1025 — 1030. 

H. hält „die Zuziehung des psychologischen Sachverständigen in jenen Fällen für 
zulässig, in welchen zur Beantwortung der gestellten Fragen experimental-psycholo- 
gische Methodik erforderlich ist. In jenen Fragen aber, in welchen es vor allem auf 
praktisch psychologische Erfahrung und auf Menschenkenntnis ankommt, muß der 
Richter allein, ohne Zuziehung von Sachverständigen, seine Entscheidung fällen. Der 
psychiatrische Sachverständige aber soll diese Fragen nur insoweit erörtern, als dies 
bei seiner Expertise aus technischen Gründen unbedingt erforderlich ist. Im übrigen 
soll er sich tunlichst auf das Gebiet der Psychotherapie beschränken“. Im übrigen 
setzt sich H. kritisch mit M a r b e auseinander. R. A 1 1 e r s - Wien. 


Psychische Hygiene und Für sorge wesen 

Ehe und Eheberatung im allgemeinen. Walther, F. 
(Waldau), Über ärztliche Eheberatung. Schweiz. Zschr. Hyg. 1932, Bd. 12. H. 12, 
S. 763 — 781. ’ 


Anläßlich der Gründungsversammlung des Ver. f. Eheberatung, Bern Okt. 1932, 
werden Aufgaben und Bedeutung der Ehebcratungsstellen für das Volksganze ein- 
gehend erörtert. Das Arbeitsgebiet ist sehr ausgedehnt, es umfaßt die gesamte Heirats-, 
Ehe- und Sexualberatung. An erster Stelle steht natürlich die Heiratsberatung, denn 
ihre Aufgabe ist Rassenhygiene im weitesten Sinne, Scheidung der Ehekandidaten in 
Ehetaugliche und Eheuntaugliche entsprechend den Erkenntnissen der Erbwissen- 
schaft. Hierbei wird sehr oft fachärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden 
müssen. Das „Merkblatt für Eheschließende“, das seit Jahren von den Deutschen 
Standesämtern an Ehewerber ausgehändigt wird, wird als vorbildlich für Zwecke 


Referate 


125 


der Aufklärung wörtlich zitiert. — Bei einer großen Anzahl der verheirateten Rat- 
suchenden handelt es sich ebenso wie bei den Jugendlichen, die ihrer sexuellen Schwie- 
rigkeiten wegen kommen, um Sexualberatung. Alle bisherigen Erfahrungen zeigen, 
daß ein Großteil der Ehezerrüttungen ihre Ursache in Disharmonien des Sexual- 
lebens haben. Sexualberatung soll über die Verschiedenheiten im Sexual-Lebcn und 
-Empfinden beider Geschlechter belehren und die oft, selbst nach Liebesheiraten, feh- 
lende sexuelle Harmonie der Partner ermöglichen. Die Frage, ob Eheberatungsstellen 
auch über Empfängnisverhütung Belehrung erteilen sollen, wird von den Referenten 
mit Rücksicht auf die ätiologische Bedeutung der Schwangerschaftsangst für die 
Ehenot unserer Tage bejaht. J* Maas- Karlsruhe. 

Reiner, Rolf C. (Berlin), Bisherige Ergebnisse einer Gemeinschaftsarbeit zwischen 
Psychotherapeuten und Sozialarbeitern. Dtsch. Z, Wohlfahrtspfl. 1933. S. 313—323. 

Im Anschluß an Kronfcld-Wronsky (s. Bd. 5, S. 631) berichtet R. über 102 
einschlägige Fälle, an denen sich der praktische Nutzen gedachten Zusammenwirkens 
zeigt. Soziale Fürsorge kann oft ohne psychologische Vertiefung gar nicht wissen, 
ob ihre Maßnahmen richtige seien. Die statistische Durcharbeitung des Materials nach 
verschiedenen Gesichtspunkten, insbesondere die Untersuchung auf das Vorliegen 
eigentlicher .,Notneurosen“ (128 Fälle) muß im Original gelesen werden. 

R. A Ilers -Wien. 

Psychotherapie und Heilpädagogik 

a) allgemeine 

Stransky, Erwin (Wien), Über Erlernbarkeit ärztlicher Psychotherapie. Wien. med. 
Wschr. 1933. H. 20, S. 550 — 551. 

..Psychotherapeut sein heißt Führer sein . . . dazu bedarf es natürlich menschen- 
kundlicher wie pädagogisch-technischer Kenntnisse u. Werkzeuge, die zweckgemäß 
zu handhaben nur eine gewisse Führerpersönlichkeit vermag.*' Die Gestaltung der Be- 
ziehung zwischen Arzt und Pat. wird von deren beider Persönlichkeiten her gestaltet. 
Darin findet sowohl die Durchführung als die Erlernbarkeit von Ps. Th. ihre Grenze. 
In den individuellen wie typenbestimmten Verschiedenheiten mag auch die Frucht- 
losigkeit der Auseinandersetzungen der ps. th. Schulen ihren Grund haben. 

R. Allers - Wien. 

Moritz, F. (Köln), Kranker, Krankheit nnd Arzt. Münch, mcd. Wschr. 1933. H. 24 
u. 25, S. 923—931, 977—979. 

Knappe, aber weit ausgreifende Betrachtungen über die Einheit des Organismus 
und die Rolle des Nervensystems führen M, zur Aufstellung des Satzes : sanum corpus 
per mentem sanam; nicht nur verlangt gesunder Geist einen gesunden Körper, son- 
dern cs gibt auch die Umkehrung. Die Schwierigkeiten des Krankheitsbegriffes — 
Abgrenzung von „krank“ und „abnorm“, objektives Kranksein bei subjektivem Wohl- 
befinden und umgekehrt, „iatrogenes“ und psychogenes Krankfühlcn — finden eine 
klare und präzise Darstellung. Die Annahme, krank zu sein, ist fast immer auf 
Empfindungen und Gefühlen fundiert; diese aber sind i. e. S. Alterationen (viel- 
leicht sagte man besser, Affektionen, oder wie die alte Philosophie und noch C a r - 
Icsius: passiones; Rcf.) der Psyche; sie können durch passive Erweckung der Auf- 


126 


Referate 


inerkeamkeit infolge von Orgaiiveränderungen, aber auch durch aktive Zuwendung 
entstehen, wie das eben bei psychogenen Störungen der Fall ist. Alle ärztliche Tätig- 
keit ist an die Erkenntnis und Kenntnis der wechselseitigen seelisch-körperlichen 
Beeinflussung gebunden. Voraussetzung für ihre Wirksamkeit ist das Vertrauen zum 
Arzt. Die notwendige Objektivität des Arztes darf Stellungnahme zur Person des 
Kranken nicht unterbinden. Auch darf der Arzt das Bewußtsein von der vis re- 
paratrix naturae und so auch des Geistigen im Menschen nicht verlieren. Dient ei* 
überhaupt der Natur, die er schließlich doch nicht beherrschen kann, so muß er 
auch dem Geistigen dienen wollen. Dieses aber tut und kann er nur, wenn er selbst 
Persönlichkeit ist. R. A Ilers -Wien. 

b) Suggesti on und Hypnose 

Platonow, K. J. (Psychoneurol Inst. d. Ukraine), On the objective proof of the ex- 
perimental Personality age regression (Object. Beweis d. exper. Regression d. Alters). 
J. gener. Psychol. 1933. Bd. 9. H. 1, S. 190—209. 

3 nicht hyster. Vpp. wurden in der Hypnose suggeriert, daß sie Kinder seien, 
u. zw. jedesmal im Alter von 4 und 10 Jahren, Die Vpp. wurden nach B i n e t - 
Simon geprüft und die Leistungen der angegebenen Altersstufe entsprechend ge- 
funden. P.s Deutung bewegt sich in den Bahnen der „Reflexologie“. 

R. Allers - Wien. 

Lebrun, Armand, La sante physique et morale par Pautosuggestion conscientc. 
(Körperliche und moralische Gesundheit durch bewußte Autosuggestion.) Felix Alcan, 
Paris 1933. 120 S. 15 Fr. 

Der Direktor des belgischen Institutes Goue legt in dieser Publikation eine neue, 
durch die Erfahrung gereifte, sehr lesenswerte Interpretation des Coueismus vor, die 
zugleich für den praktischen Gebrauch anleiten soll. Neben der besonderen Heraus- 
arbeitung des eigentlichen Willensproblems bei der Coueschen Autosuggestion, die 
sich nicht auf das „vouloir“ sondern „gouverner $a imagination“ richte, und be- 
sonderen Abschnitten über die jugendpädagogische Anwendbarkeit dieser Methode 
ist besonders der (30 S.) Nachweis von konkreten Erfolgen interessant, ein Resultats - 
beweis, den sehr zu unreclit viele andere moderne psychotherapeutische Richtungen 
sich ersparen zu können glauben. E. H a r m s - Alsfeld. 

c) Individualpsychologie 

Hutton, Laura, Weber, Hilda und B&an- Wolfe, W., Individual Psychology and 
the Child. (Kind u. Ind. Psychol.) (Individual psychology publications. Medical pam- 
phlets No 8). C. W. Daniel Co., London 1933. S. 62. sh. 2/6, ' 

H. und W. sprechen an Hand eigener Kasuistik über die Entstehung von Neu- 
rosen bei Kindern, die ungeliebt oder unter zerrütteten Familienverhältnissen aufge- 
wachsen sind* Ihre Ausführungen halten sich streng an das indiv.-psych. Schema. 
B.-W. bringt in ihrer Abhandlung über das Nervöse Kind die ganze Adlersche Lehre 
in kurzem Auszug. Ihr pädagogisch-prophylaktischer und psychotherapeutischer Op- 
timismus sind geradezu unbegrenzt. Behauptet sie doch, daß man durch richtige 
Erziehung die Neurosen eben so müsse unterdrücken können wie die Pocken durch 
Impfung. Die Möglichkeit konstitutioneller Bedingtheit von nervösen Störungen wird 
dabei überhaupt nicht in Betracht gezogen. I. Maas- Karlsruhe. 


Referate 


127 


3 «cDreikars 9 Rudolf (Wien), Einführung in die Individualpsychologie. S. Hirzcl, 
Leipzig 1933* V* 96 S. RM. 2, — . 

Diese „Einführung“ bringt den Extrakt der ind.-psych* Lehre in meisterhaft präg- 
nanter Darstellung. Da es immer noch sehr viele Leute gibt, Akademiker und Nicht - 
akademiker^ Ärzte und Nichtärzte, die zwar gern über die Ind.-Psych. reden, sich 
aber ungern durch die umfangreicheren Ad 1er sehen Originalien durcharbeiten, 
entspricht das Buch zweifellos einem Bedürfnis. Seine Lektüre muß all denen emp- 
fohlen werden, denen es ernsthaft darum zu tun ist, sich nicht nur an den bekannten 
Sclilag Worten: Minderwertigkeitsgefühl, Machtstreben, männlicher Protest usw. ge- 
nügen zu lassen, sondern sich einmal mit dem ganzen geschlossenen Gedankenbau 
bekaimt zu machen, den Adler in schöpferischer Konzeption errichtet hat. Ein all- 
gemeiner Einwand gegen ind.-psych. Darstellungen muß freilich auch gegen diese 
erhoben werden: sie kann leiclit zu einer zu schematischen und dadurch ungerec ten 
Auffassung psychopathischer Zustände führen. Wenn es schon für den Arzt sehr sc wer 
ist, eine Neurose, d. h* eine rein funktionelle Erkrankung, von den Außerungsfomaen 
der konstitutionellen Psychopathie zu unterscheiden, wie sollte der Laie nach Lektüre 
eines solchen Buches begreifen, daß diese Unterscheidung eben doch notwendig ist. 
Es geht heute nicht mehr an, die Ergebnisse der Erbwissenschaft, speziell der Zwillings- 
forschung, für die Frage der Entstehung von Geisteskrankheit und Gewohnheits- 
verbrechertum einfach zu ignorieren. Sicher gibt es viele neurotische Menschen, deren 
Verhalten nach der Adler sehen Methode erklärt und auch gewandelt werden kann. 
Aber ebenso sicher gibt es genotypisch bedingte krankhafte Abweichungen un 
geelischen wie im geistigen Habitus, und hier müssen Prophylaxe und Therapie 
andere Wege einschlagen als dort. Um der entscheidenden Bedeutung einer sach- 
gemäßen Behandlung willen dürfen die diffcrentialdiagnostischen Schwierigkeiten 
nicht verschleiert werden. I. Maas- Karlsruhe. 

d) Heilpadagogik 

s^Boveii, W., Adam et Evc. — Delachaux et Niestle, Neiichatel 1933. — 144 S. 
Schw. Fr. 2,50. 

Der Schweizer Pädagog, der früher bereits eine sehr wertvolle Charakterologie 
publiziert hat, versucht einseitigem Biologismus und den aus diesem resultierenden 
Abiiormalitätsansichten in der Sexualtheoretik von seinem charakterologisclien Stand- 
punkte aus entgegenzutreten. „La valeur, masculine ou feminine, d’un etre se mani- 
feste beaucoup moins dans ses attributs genitaux que dans le jeu de ses fonctions. 
morales, en un mot dans son caractere“ (34). Im übrigen/ ist die Grundansicht des 
Buches in einem Satze wie dem folgenden gut zu referieren: „Les deux genres, le 
masculiu ct le feminin sont donc, non pas opposes, mais complementaires“ (140). 

E. Ha rms- Alsfeld. 

♦ Character Edacation (Charaktererziehung). Xth. Yeyhook. Department of Super- 
intendenoe of the National Education Association, Washington 1932. 535 S. $ 2. — 

Eine Anzahl von Praktikern und Theoretikern der Pädagogik haben sich zu- 
sammengetan, um das genannte Problem, natürlich unter besonderer Berücksichtigung 
der Verhältnisse in USA., zu bearbeiten. Die praktische Hauptfrage scheint den 
Verfassern zu sein, wie Charakterbildung geschehen könne, ohne daß erstens eine unge- 
mäße Selbstbeachtung und so auch Selbstgefälligkeit im Zögling, zweitens eine über- 


128 


Referate 


steigerte SelbstkrUik und Zweifelsucht entstehe. Einer Analyse amerikanischer Lebens- 
verhaltnisse in ihrer Bedeutung für Charakterbildung folgt eine Untersuchung über 
cliarakt^bildendc Momente (Familie, Gemeinschaft, Industrie, Kirche, Privateigentum, 
R****^funk, Verkehr, Wissenschaft, Schule), sodann eine Erörterung ver- 
schiedener Bedeutungen des Wortes Charakter mit einer umfänglichen Liste der 
als \^enthch erachteten Charakter-Eigenschaften. Kap, 4 handelt von der Theorie 
der Charakter-Erziehung (Vererbung, Umwelt, Trieb, Rolle der Idee, der Strafe), 
Kap, 5 berichtet über verschiedene Untersuchungen zu dem Thema und bringt wert- 
volle Referate über 95 einschlägige Arbeiten, Es folgt der Entwurf eines zweck- 
mäßigen Schulplanes und ein sehr kurzer Abschnitt über Sexualerziehung (Kap, 7). 
Die nächsten Kapitel beziehen sich auf die charakterbildenden Einflüsse des Schul- 
unteirichts und Schullebens, die Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus, die 
Möglichkeiten individueller Beeinflussung (Erziehungsberatung) und die Mitwirkung 
anderer Faktoren (Schülerklubs u. a.). Das letzte Kap. 16 bringt auf 60 Seiten eine 
Übersicht über Methoden und Aussichten von Textprüfungen und Messungsverfahren 
im Studium des Charakters; großenteils Dinge, die hierzulande wenig bekannt sind, 
l^r Band bedeutet für alle an diesen Fragen Interessierten eine reiche Anregung und 
eine Fundgrube von Angaben. R. Allers-Wien. 

Wilhelm (Wien), Der ärztliche Berater. Zschr. f. psychoanal. Pädagogik 
1932. Bd, 6. Jahrg. 11/12, S. 496 — 504. 

H. ersucht in einem knappen Überblick den Aufgabenkreis des Arztes! innerhalb 
einer Erziehungsberatung zu umreißen. Zunächst ist der Arzt nur ein Helfer des 
^raters indem er der so weit verbreiteten Neigung, Erziehungsscliwierigkciten auf 
die mannigfaltigsten körperlichen Ursachen zurückzuführen, kraft seiner Autorität 
entgegentritt. Daß dies nicht immer so leicht ist, vor allem dort, wo organische Zu- 
stande, besonders im Nebenbefund, dem allgemeinen Vorurteil entgegenkommen, wird 
an Beispielen aus der Praxis einleuchtend bewiesen. Damit wird auch der 2. Auf- 
gabenkreis des Arztes innerhalb der Beratung angeschnitten, der als Begutachter. Als 
solcher entscheidet er über die Art der vorzunehmenden Behandlung, wobei der Be- 
rater m jenen Fallen, die eine längere Beobachtung erfordern, zum Helfer des Arztes 
wu-d. In vielen Fällen, speziell jenen, wo eine milieubedingte Erkrankung sich mit 
einer imabhangig davon vorhandenen organischen in mannigfacher Weise verknüpft, 
wird eine Zusammenarbeit von Berater und Arzt notwendig. Dabei kann die Tätigkeit 
des Arztes, trotz Gegebensem einer organischen Erkrankung, gegenüber der des Be- 
raters zurücktreten. - Die große Gruppe der latenten Psychosen wird von H. ge- 
sondert behandelt. Im Kompetenzstreit zwischen Arzt und Berater fallen diese 
Kranken sehr oft den auf beiden Seiten vorhandenen Vorurteilen und Geflogenheiten 
zum Opfer Hier erwächst den Beratungsstellen ein sehr wichtiges Arbeitsfeld. Dem 
Arzt fällt hierbei nicht nur die Aufgabe einer rechtzeitigen Erkenntnis des Zustandes 
zu, sondern er hat oft die anzuwendenden Methoden auszubauen und dem Erzieher zu 
übermitteln. In dieses Arbeitsgebiet fallen auch jene Jugendlichen, die nach der 
Entlassung aus der unvermeidlich gewordenen Anstaltsbeliandlung nun die Hilfe der 
Beratungsstellen aufsuchen. So zeigt auch diese Betrachtung, wie die künstlich ge- 
zogenen Grenzen zwischen Psychiatrie und Erziehung zerfließen, wenn man die 
Zwischengebiete in Betracht zieht. G. Bibring-Lehner - Wien. 


L.UDW10 KL.AOi:8 

schrieb die Einführung zum Januar- 
heft der Süddeutschen Monatshefte: 

itftocaftccfundc 

Das Heft bringt außerdem die folgenden Beiträge : 

Hans Kern, Die geistesgeschichtliche Situation der 
Charakterkunde / Hans R. G. Günther, Geistes- 
wissenschaftliche Psychologie / Wolfgang Müller 
Kranefeldt, C. G. Jungs Typenlehre / Carl Haeber- 
lin, Die Überwindung der Psychoanalyse /Werner 
Deubel, Auswirkungen des biozentrischen Men- 
schenbildes / Ludwig Ferdinand Clauß, Rassen - 
seelenforschung / Philipp Lersch, Die praktische 
Bedeutung der Charakterkunde / Carl Arnhold, 

Wie stelle ich den richtigen Mann an den 
richtigen Platz ? / Ludwig Klage s. 

Zur Menschenkunde 

iiiinc: vorzüg:liclic Einführung; 
in die moderne CharaktcrforNcliung; für jedermann ! 

Preis BM. 1.50 

Zu beziehen durch jede Buchhand- 
lung; wo keine am Platze vom Verlag 

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XII, 650 Seiten, 89 Abbildungen. 1 Tafel. Gr.-8® 
Broschiert RM. 15. — , Ganzleinen RM. 17. — 


Aus Unterricht und Forschung: Um es gleich zu sagen : Ich 
stehe nicht an, dieses Buch für eines der wichtigsten zu halten, die in den 
letzten zwei Jahren erschienen sind. Wichtig nicht bloß für den großen 
Kreis der Gebildeten überhaupt, sondern unerläßlich für alle diejenigen 
unter den Gebildeten, die in irgendeiner Weise für eine kleinere oder größere 
Gesamtheit von Menschen verantwortlich sind, für die Verantwortlichen im 
Staat ebenso wie für die in der Kirche, für die Lehrer und Forscher der 
gesamten Wissenschaft ebenso wie für die Männer der Technik und der 
Wirtschaft, insonderheit aber für die Lehrer an den höheren Schulen, aber 
nicht bloß für die Naturwissenschaftler und Mathematiker, sondern auch 
— sine ira et Studio — für die Vertreter aller anderen Fächer. K, Fladt. 


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